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Kriminelle Senioren Warum die Zahl der Straftäter über 60 steigt

In der Polizeistatistik tauchen immer häufiger ältere Menschen jenseits des 60. Lebensjahres auf. Und das nicht nur als Opfer von Straftaten. Vielmehr steigt seit Jahren die Alterskriminalität, die mit über 153.000 Tatverdächtigen im Jahr einen bisherigen Höchststand erreicht hat. Für Kriminologen steht schon heute fest, dass sich der Anteil sogenannter "Senior-Täter" weiter erhöhen wird. Aber worin liegt das?

Alter schützt vor Torheit nicht

Kriminelle Karrieren enden nicht automatisch im Alter

Es ist dem 69jährigen Walter aus Dortmund erkennbar peinlich, als Angeklagter vor Gericht zu stehen. Zum ersten Mal in seinem Leben, nachdem der Rentner bei seinem dritten Ladendiebstahl ertappt worden war. Walter ist nur einer von vielen sogenannten Senior-Straftätern. Dass immer mehr ältere Menschen Polizei und Justiz beschäftigen, das betrachtet der Kriminologe Prof. Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum keinesfalls als gesellschaftliches Phänomen. Für ihn liegen die Gründe auf der Hand.

Zum einen werden die Kriminellen auch älter, weil sich der Kegel in der Gesellschaft verschiebt. Und weil die Menschen eben einfach älter werden insgesamt, haben sie auch eine größere Chance, mehr Straftaten zu begehen. Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist, dass eben zunehmend mehr ältere Menschen in der Gesellschaft in Situationen kommen, wo sie dazu verleitet werden, Straftaten zu begehen.

Flucht aus der Altersarmut

Eine alte Frau hält sich die Hand an den  Kopf

Arm, einsam - und kriminell?

So stieg die Zahl der Tatverdächtigen jenseits des 60. Lebensjahres seit 2002 bundesweit um acht Prozent und hat mit über 153.000 pro Jahr einen Höchststand erreicht. Eine Entwicklung, so der Kriminologe Feltes, die sich nicht allein mit der demographischen Entwicklung erklären lässt: Und was eben hinzu kommt, dass ihre ökonomische Basis zunehmend wegbricht. Das heißt: die Renten werden in einigen Jahren schwächer werden, weil das Einkommen zurückgeht und zurückgegangen ist in der Vergangenheit. Und die Belastungen werden stärker werden.

Opa-Banden und Drogen-Omis

In den Medien tauchen ältere Straftäter allerdings nur selten auf. Lediglich spektakuläre Fälle wie die der sogenannten Opa-Bande aus Hagen, deren Mitglieder 2006 nach 14 bewaffneten Banküberfällen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, schaffen es in die Schlagzeilen. Oder Großmütter, die für ihre Enkel im großen Stil Drogen über die Grenze schmuggeln.

Altersarmut Collage

Rente und Ansprüche klaffen oft auseinander

Ansonsten gilt Kriminalität im Alter als nicht besonders sensationell. Eine Studie des Max-Planck-Institutes kommt zu dem Ergebnis, dass Ältere vorwiegend Betrugs- und Diebstahlsdelikte begehen. Normalerweise fällt Ladendiebstahl in die Rubrik Beschaffungskriminalität. Erfahrene Polizeipraktiker wie die Kriminalhauptkommissarin Bärbel Solf aus Bochum sprechen bei manchen älteren Tatverdächtigen eher von Notkriminalität: Also, da ist schon ein Unrechtsbewusstsein da, aber eben manchmal auch ne große Not.

Sich was Schönes gönnen

Fälle wie der des 69jährigen Walter sind der Kriminalhauptkommissarin Bärbel Solf nicht fremd: Wenn jemand im Alter zum Ersttäter wird, ist es tatsächlich ein gewisser Armutsfaktor, der da ist. Wo man sagt: ja, ich möchte ich mir auch mal was Schönes gönnen. Oder ich möchte auch mal irgendjemand was Schönes schenken zum Beispiel, aber dass man nicht weiß, wie man das machen soll. Und dann wird auch schon mal was in die Tasche gesteckt.

Zum Beispiel Lebens- oder Genussmittel, für die das Haushaltsgeld nicht reicht. Walter wurde übrigens zuletzt in einem Kaufhaus erwischt, als er ein Spielzeug für sein Enkelkind stehlen wollte. Von seiner Rente von knapp 850 Euro könne er sich solche Geschenke einfach nicht leisten, gab er vor Gericht. In ihrer finanziellen Lage keinen anderen Weg als einen Diebstahl gesehen zu haben, das bekommt die Polizei bei ihren Ermittlungen gegen Rentner immer öfter zu hören.

Klickbetrügereien

älterer Mann am Rechner

Versuchung im Internet

Experten erwarten letztlich einen weiteren Anstieg von Betrugs- und Eigentumsdelikten. Bärbel Solf nennt dafür ein weiteres Beispiel: Es passiert jetzt öfter auch mal auf dem IT-Bereich. Auch die älteren Menschen sind im Internet unterwegs und werden auch da wie alle anderen möglicherweise kriminell. Teilweise durch Unbedarftheit und Unwissenheit. Teilweise aber auch bewusst und gewollt, dass da Sachen bestellt werden, obwohl man weiß, man kann sie nicht bezahlen.

Alt-Kriminelle und Alterarmuts-Kriminelle

Ein vermummter Einbrecher betritt über eine Terrassentür eine Wohnung

Dieb mit langer Berufserfahrung

Der Kriminologe Feltes unterscheidet grundsätzlich zwei Gruppen: Gerade bei den älteren Menschen stellt man fest, dass es hier zwei Extreme gibt. Einmal die Gruppen, die sich zusammentun, um gemeinsam Straftaten zu begehen. Das sind aber sehr häufig Täter, die schon früh angefangen haben und die dann einfach kriminell alt geworden sind. Oder eben die einzelnen Täter, die einfach aufgrund ihrer finanziellen Situation versuchen, Straftaten zu begehen, um damit ihr Einkommen zu verbessern oder eine akute Problemlage zu bewältigen.

Einsamkeit und mangelnde Beachtung

Dass vor allem alleinstehende ältere Menschen immer häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten, das führen Kriminologen auch auf die fehlende Einbindung in einer Familie zurück. Nicht nur in Deutschland. Und da hat man in Japan die Erfahrung gemacht, dass hier der Anstieg der Alterskriminalität unter anderem auf diese Faktoren zurückzuführen ist.

Ursachen, die auch Kriminalhauptkommissarin Solf aus der Praxis kennt: Da sind Einsamkeit im Alter und solche Dinge, die dann auch eine Rolle spielen. Wo man, ja, selbst schlimme Dinge in Kauf nimmt, nur damit man dann in irgendeiner Form noch Beachtung findet. Ich bin noch da, ich bin noch nicht tot.

Senioren im Knast

Senioren im Knast

Senioren im Knast

Man müsse zwar nicht gleich den Teufel an die Wand malen, sagt Kriminologe Feltes, aber die Zahl älterer Straftäter werde weiter steigen. Darauf werden sich die Justizbehörden einstellen müssen. Nicht nur bei der Strafverfolgung: Wo große Probleme auftauchen werden, das ist im Strafvollzug. Weil dort diese alten Menschen natürlich auch anders behandelt werden müssen. Sie müssen andere Möglichkeiten haben, gegebenenfalls auch ärztliche Betreuung. Und wenn es eben Täter sind, die über einen längeren Zeitraum im Strafvollzug bleiben, dann äußern immer mehr, wenn sie dann 70 oder 75 Jahre alt sind, den Wunsch, nicht mehr das Gefängnis verlassen zu müssen, sondern ihr Leben im Strafvollzug zu Ende bringen zu können.

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