Der hohe Preis fürs billige Essen Glyphosat entlarvt die Schwächen im System

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Kann Glyphosat nun Krebs verursachen oder nicht? Darüber haben Experten und Politiker in dieser Woche heftig gestritten. Aber diese Debatte lenkt nur ab vom Hauptproblem mit Glyphosat: die industrialisierte Landwirtschaft und deren fatale Folgen für die Umwelt.

Glyphosat ist der weltweit meistverwendete Unkrautvernichter – in Deutschland kommt das umstrittene Mittel auf rund vierzig Prozent der Felder zum Einsatz. Eigentlich wollte die EU-Kommission ja am Donnerstag über die weitere Zulassung entscheiden – die Abstimmung wurde jedoch kurzfristig verschoben. In der Debatte dreht sich nun weiter alles um die Frage, ob Glyphosat Krebs auslösen kann: Die Internationale Agentur für Krebsforschung hält das prinzipiell für möglich; eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation hat dagegen Anfang der Woche Entwarnung gegeben; es bestehe kein Tumorrisiko für den Menschen. Doch dieser Streit führt am eigentlichen Problem vorbei: Glyphosat ist nur ein Symptom für die grundsätzlichen Gefahren der industrialisierten Landwirtschaft.

Glyphosat ist für Landwirte extrem bequem

Einmal kurz vor oder kurz nach der Aussaat gesprüht, vernichtet es alles, was nicht wachsen soll, also das, was man so Unkraut nennt. Das geht schnell, ist billig und ist deshalb symptomatisch für die Art, wie wir Lebensmittel erzeugen.

Glyphosat wird deshalb auch von Landwirten eingesetzt, die eigentlich Bedenken haben. Denn fast alle anderen Methoden zur Unkrautvernichtung, so argumentieren sie, kosten Zeit und Geld – und gerade Geld – das haben sie nicht. Nicht bei den Preisen, die sie für ihre Produkte bekommen – auch dank der deutschen Discounter-Mentalität. Die macht den Landwirten das Leben ohnehin alles andere als einfach. 

Glyphosat 1 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
picture-alliance / dpa -

Aber wären denn die Alternativen wirklich teurer? 

Da gibt es zunächst andere ähnlich wirkenden Totalherbizide, die höchstwahrscheinlich zum Einsatz kämen, sollte Glyphosat verboten werden. Doch alle diese Mittel sind nach Einschätzung von Ökotoxikologen etwa vom Fraunhofer Institut schlimmer, das heißt noch schädlicher für Böden, Wasser und Pflanzen – also nicht wirklich eine Alternative. Aber man muss Unkräuter nicht wegspritzen, man kann sie auch maschinell bekämpfen – etwa, indem man den Acker vor der Aussaat gründlich pflügt. Aber – das muss man fairerweise sagen – das ist nicht immer gut für die Bodenqualität und kann die Erosion fördern. 

Im ökologischen Landbau kommt das Hacken zum Einsatz – das Ausreißen der Unkräuter mit Hilfe von Maschinen. Doch das ist nicht so gründlich und muss immer wieder gemacht werden. Dadurch wird mehr Diesel verbraucht und mehr CO 2 in die Luft geblasen – auch nicht wirklich gut für die Umwelt. 

Es gibt also Alternativen.

Aber jede hat ihre Nebenwirkungen und ist teurer. Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten sind die Kosten, die wir für die schnelle Unkrautvernichtung bezahlen, vielleicht sehr viel höher. Der Einsatz von Glyphosat hat Folgen: Es belastet Böden und Wasser, findet sich in unserer Nahrung und steht zumindest im Verdacht, Krebs auszulösen.

Schon allein deshalb müsste es wegen des Vorsorgeprinzips, das – nur mal so zur Erinnerung – in der EU gilt, meiner Meinung nach verboten werden. Und: Glyphosat tötet nicht nur sogenannte Unkräuter, die man nicht so gerne auf dem Feld hat – es tötet viel mehr. Mit den Kräutern verlieren zahlreiche Insekten ihre Nahrungsquellen und ihren Lebensraum. Die Folge: Es gibt weniger Insekten und damit wird es schwierig für die Vögel, die diese Insekten normalerweise fressen. Also sterben auch die Vögel.

Agrarvögelbestand (Foto: Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) - BUND (bearbeitet durch SWR))
Bestandsentwicklung einiger Agrarvögel in Deutschland seit 1990 Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) - BUND (bearbeitet durch SWR)

Wollen wir diesen Eingriff in die Ökosysteme wirklich  – nur damit unsere Nahrungsmittelproduktion so billig bleibt? Die wahren Kosten für jahrelangen Glyphosateinsatz kennen wir vielleicht noch gar nicht. Außerdem:

Glyphosat ist KEIN Wundermittel.

Irgendwann hört es auf zu wirken, weil die Pflanzen, die es vernichten soll, dagegen resistent geworden sind. In Nord- und Südamerika, wo das Mittel schon seit vielen Jahren flächendeckend eingesetzt wird, wachsen mittlerweile sogenannte Superunkräuter – Pflanzen, die sich durch nichts wegspritzen lassen. Die muss man dann sowieso aufwendig mechanisch entfernen. Warum dann nicht gleich? 

Ja, das macht Arbeit, kostet Zeit und Geld und dieser Einsatz muss sich dann auch im Preis niederschlagen – dem Preis, den wir an der Supermarktkasse zahlen. In der Regel wird es sich dabei um ein paar Cent pro Produkt handeln. Und das sollte es uns wert sein, vor allem denjenigen unter uns, die jetzt ein Verbot von Glyphosat fordern. Wir müssen uns halt entscheiden: Wollen wir eine einigermaßen intakte Natur oder billige Lebensmittel? Beides geht nicht.

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