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Junge mit Apfel

"Lachen ist die beste Medizin" Krankheit und Gesundheit in Sprichwörtern

"Wein auf Bier, das rat ich Dir, Bier auf Wein, lass sein!" - "Trocken Brot macht Wangen rot." - "One apple a day keeps the doctor away." Solche Sprichwörter aus dem Bereich Medizin, Gesundheit oder Krankheit beeinflussen unser Verhalten wahrscheinlich auf unbewusster Ebene. SWR2 Impuls sprach mit Rolf Bernhard Essig über Sinn und Unsinn solcher medizinischer Redensarten.

Herr Essig, Sie sind momentan stark verschnupft – haben Sie da einen schönen Sinnspruch dafür?

"Hüsteln ist schlimmer als Husten", weil Hüsteln auf Schwindsucht hingedeutet hat und ein Husten auf Erkältung. Wenn jemand verschnupft ist, ist es deswegen, weil er wenn er ärgerlich ist, einen hochnäsigen Ton bekommt. Und das ähnelt einer verschnupften Nase. Daher kommt dann auch der Spruch "Die Nase voll haben".

Für welche Dinge gibt es diese Sprüche im Bereich der Medizin? Gibt es die für Krankheiten, für Diagnosen, Therapien oder als Handreichungen für Ärzte?

Die gibt es für jeden der von Ihnen genannten Bereiche. Es gibt sie sogar dafür, die Ärzte erst mal wegzuhalten - was vielleicht am wichtigsten ist.

Mädchen mit Apfel

Äpfel sollen ja gesund sein, aber ob man dann wirklich nicht mehr zum Doktor muss?

Wir kennen: "An apple a day keeps the doctor away." In England sagt man auch: "Every day a hoc- keeps away the doc." Hier geht es um den Hochheimer Wein. Oder "Eine Zwiebel am Tach hält den Doktor in Schach." Solche Dinge den Arzt wegzuhalten sind wichtig.

Dann gibt es allgemeine diätetische Regeln, dass man z.B. das Frühstück selbst essen soll, das Mittagessen mit einem Freund teilen und das Abendessen einem Feind geben soll. Es gibt auch sexuelle Regeln: "In der Woche zwier, schadet weder ihr noch mir." Was angeblich Luther gesagt haben soll, aber es war damals allgemein gebräuchlich. Es geht darum, wie man mit Krankheiten umgeht, wie man sie auch beurteilt. Ob es ein 3- oder 4- Tages Fieber ist, oder wann das Fieber auftaucht: "Das Fieber im späten Jahr, bringt leicht auf die Bahr", hat man gesagt. Im Frühjahr dagegen fand man das eher positiv.


Das sind wahrscheinlich meistens Weisheiten und Regeln für den Alltagsgebrauch?

Man muss sich einerseits vorstellen, dass man Ärzte in unserem Sinne über die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte gar nicht hatte. Es gab viele selbsternannte "Heiler", "Bader", "Barbiere" und manchmal leider auch "Quacksalber". Aber man hat sich auch selbst helfen müssen, dass war immer wieder wichtig. Zum Beispiel: wie geht man mit einer Wunde um: "Frischen Wunden ist von Nöten, dass sie nicht an der Luft erröten." Da geht es um den Entzündungsprozess oder auch: "Kleine Wunde kann töten."

Heilkräuter

Quacksalber und Heiler versuchten sich in der Medizin

Oder: "Die Wunde die man heilen will, muss man erst aufdecken." Da geht es vielleicht schon um die Erkenntnis, dass das Abdecken einer Wunde eine Zeit lang gut ist, aber nicht zu lange.


Haben Sie den Film "Der Medicus" gesehen?

Ja habe ich.

Das stimmt ja historisch gesehen, so war das damals im Mittelalter?

Was das Buch anbelangt, wesentlich stärker. Auch der Film hat viel Gutes gezeigt. Die Leute hatten eine gute Vorstellung davon, wie man Glieder wieder einrenken musste. Oder auch das Zahnziehen war wichtig, wenn ein Zahn eiterte. Andererseits herrschte die Säftetheorie vor. Man stellte sich die Leber, die Milz, die Galle und das Blut als etwas ganz Wichtiges vor, das in einem Gleichgewicht sein musste. Und mit dieser Säftetheorie, die noch aus der griechischen Antike stammte, hat man dann versucht, allerlei richtig zu machen. Manchmal war dann auch Zauberei dabei, wie Otternzungen zum Beispiel. Auch Gifte waren eine wichtige Sache und Salben aus eher unappetitlicher Herkunft.

Und die Blinddarmentzündung war die obskure "Seitenkrankheit", die man natürlich auch nicht im Griff hatte?

In der Tat. Der Bauchbereich war ein großes Problem, da man ja in der Anatomie noch vieles verboten war. Man hatte wenig Ahnung, was da drin eigentlich passierte. Nicht umsonst haben sich Leute wie Jakobi, Hamann oder Goethe in ihren Briefwechseln sehr häufig über die Verdauung ausgetauscht und einander gewünscht, dass der Stuhlgang gut vonstatten gehe. Das geht ja hin bis zu "Wenns Arscherl brummt, ists Pumperl gsund."

Hand drückt in den Bauch

Der Bauchbereich war ein Problem im Mittelalter, denn die Erforschung der Anatomie war begrenzt erlaubt.

Stimmt es, dass auf diesem Boden der Ideologien, der Ideen, auch der magischen Vorstellung solche Sprichwörter gut gedeihen?

Ja, das geht in einander über. Manche haben auch versucht, einen Medizinmann auf unsere Medizin anzusetzen und die mal betrachten zu lassen. Auch bei uns gibt es bestimmte Dinge, die hart an die Grenze zum Aberglauben gehen und bei der wissenschaftlichen Prüfung gar nicht so gut aussehen. Da muss man etwas vorsichtig sein. Der Aberglaube hat sich vielleicht auch ein bisschen verändert, aber damals waren viele sehr brutal im Vorgehen. Man hat sich eben auch gesagt "Eine böse Wunde will ausgebrannt sein." Für damalige Verhältnisse ganz richtig, aber daran starb dann eben manchmal auch einer, wenn die Wunde im Wortsinn "ausgebrannt" wurde. Oder wenn man nicht so richtig wusste, was man mit ihm tun sollte. Eine Schwitzkur kann, das weiß man heute, sehr gut sein, kann aber auch, wenn das Fieber schon sehr hoch ist, tödlich werden.

Oder solche Dinge wie "trocken Brot macht Wangen rot" - das ist doch eigentlich Unsinn?

Naja, das gehört in den Bereich "Scherben bringen Glück". Wenn man nichts weiter hat, dann sagt man sich das. Sprichwörter haben insgesamt einen viel weitergehenden Sinn und Art von Dressuranleitung zu sein, wie das in der Erziehung der Fall ist. Sie sollen uns ja trösten, sie sollen uns eine Hilfe sein, sie sollen uns auch eine Fokussierung sein. Und wenn ich eben nur trocken Brot habe und ich sage mir diesen Spruch, dann ist eine Leichtigkeit in mitten einer Hungersituation gegeben.

Würmer aus der Nase ziehen

Würmer aus der Nase ziehen - ob das gegen Kopfschmerzen hilft, ist nicht belegt.

Und das ist etwas, was Sprichwörter hilfreich und heilsam machen kann. Über die direkte Regel, die sie natürlich auch häufig finden hinaus.


Wir Modernen würden das "Placeboeffekt" nennen.

In der Tat. Es gibt den Spruch "Jemandem die Würmer aus der Nase ziehen". Das geht eigentlich auf eine Behandlung mit dem Placebo-Effekt zurück. Nämlich, dass Ärzte früher, bis ins 18.Jahrhundert hinein, öffentlich Menschen die „Schädelwehwürmer“ aus der Nase zogen. Die hatten sie im Ärmel platziert. Aber wenn das in der Öffentlichkeit  passierte, dann war das eine große Sensation. Und man sah ja: der Schädelwehwurm ist weg! Und das hat sicher vielen eine Linderung verschafft.

Gibt es diese Sprichwörter und Sentenzen in jedem Land auf der Welt?

Ich habe natürlich nicht jedes Land der Welt bereist, aber ich habe mich viel mit internationalen Sprichwörtern befasst. Für das Französische, das Italienische, das Englisch, das ganze Europäische auch das der Antike ist das belegt. Auch von einem Freund weiß ich das, der sich Sprichwörter im Chinesischen angeschaut hat.

Zitrone

Sauer macht lustig und regt die Magensäfte an

Es ist so eine basale Lebenswirklichkeit, wie man mit dem umgeht, was einen krank macht, dass das in jeder Sprache zu finden sein wird. Ich bin da ganz sicher.


Was ist denn für Sie das schönste Sprichwort oder Sentenz auf die Sie gestoßen sind?

Der mir liebste ist "Sauer macht lustig", weil ich als "Herr Essig" häufig darauf angesprochen werde. Und es stimmt ja auch wirklich. Gemeint ist nicht, dass jemand der wie ich der Essig heißt besonders viel Humor hat. Sondern dass saure Speisen die Magensäfte einschießen lassen und deswegen Appetit machen. Lustig meint hier: Lust bekommen aufs Essen.

Wie ist das denn "Wein auf Bier – das rat ich dir, Bier auf Wein – das lass sein"?

Das ist Quatsch! Das ist so ähnlich wie "Hitzige Fieber machen kahle Köpfe" da gibt es Unmengen von solchen diätetischen Regeln. Manche sind auch schlichtweg scherzhaft gemeint. Wenn es heißt "Mancher hustet nur um seine Winde zu verbergen" dann kann man eben darüber lachen. Wichtig auch: "Lachen ist die beste Medizin", hier wissen wir das Sprichwort ist so verbreitet, dass die Clowns in den Krankenhäusern fast nicht mehr wegzudenken sind.

Mädchen als Clown verkleidet

Lachen ist die beste Medizin - Clowns sind in Krankenhäusern nicht mehr wegzudenken

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