Bitte warten...

Korea zwischen den eigenen Fronten Wiedervereinigung mit Waffen

"Wir sind kampfbereit" erklärt das nordkoreanische Fernsehen Ende März 2013. Nordkorea sei "zum erbarmungslosen Einsatz seiner Streitkräfte bereit". Der Endkampf für die Wiedervereinigung stünde bevor. Und das Volk würde "wie eine Wand" hinter dem "geliebten Führer" Kim Jong Un stehen. Wie sieht die Wirklichkeit in Nord- und Südkorea aus?

Aussichtspunkt Dora

Aussichtspunkt Dora

Gemessen an der Einwohnerzahl, hat Nordkorea die größte Armee der Welt. Neun Millionen, also 40 Prozent der Bevölkerung, sind Soldaten. Sie verfügen über tausende Panzer und Artilleriegeschütze. Dazu kommen Raketen und wahrscheinlich kleinere Atomwaffen. Experten halten es inzwischen für falsch, Nordkorea nur als Überbleibsel des Kalten Krieges oder der kommunistischen Welt anzusehen. Marx und Lenin sind längst nicht mehr in den Straßen des Landes zu sehen. Sie wurden vollständig durch die nationalistische Ideologie der Kim Familie ersetzt.

Kein Zuckerbrot, aber Peitsche

Wonsan, Korea, 1950

Wonsan, Korea, 1950

Nordkorea hat eine weitgehend von der Welt abgeschottete nationalisierte Wirtschaft, die nach wie vor die eigene Bevölkerung nicht ernährt. Einzig Rüstungsgüter und Nukleartechnologien werden exportiert, an Diktaturen und wohl auch an Terroristen. Die einfachen Menschen werden überwacht. Sie sind der Gewalt der herrschenden Partei ausgesetzt, die einen extremen Personenkult um die Kim-Familie betreibt. Dabei ist zu bedenken, dass der Gründungsvater Nordkoreas: Kim Il Sung wohl auch bei den einfachen Menschen als Führerfigur weiterhin akzeptiert ist. Es gibt keinerlei Rechtsicherheit. Willkürliche Inhaftierungen und Exekutionen sind an der Tagesordnung. Die gesamte Gesellschaft ist von Korruption durchsetzt. Die männliche Bevölkerung befindet sich praktisch ständig in militärischem Dienst oder Bereitschaft.

Amerikanische Soldaten in Seoul, Korea, 1950

Amerikanische Soldaten in Seoul, Korea, 1950

In der Hauptstadt Pjöngjang beobachten westliche Besucher in letzter Zeit eine gut situierte Funktionärsschicht, die über moderne Apartments, Mobilfunk und eingeschränktes Internet verfügt. Außerhalb der Hauptstadt können allein die Frauen mit Kleinhandel und Landwirtschaft, aber wohl auch über eine Schwarzmarktwirtschaft, die Familien überleben lassen. "Militär zuerst" ist Staatspolitik. Diese Strategie macht Nordkorea zu einer andauernden Gefahr für ganz Ostasien.

Den Bomber vorbeigeschickt

Die USA und Südkorea nehmen die Bedrohung ernst. Am 28. März 2013 fliegen zwei strategische B 2 Bomber nonstop von ihrer Basis in den USA bis nach Südkorea. Es ist ein Übungsflug. Die B 2 kann 16 Nuklearwaffen tragen. Ein Bomber würde also ausreichen, um ganz Nordkorea auszulöschen. Es ist eine Warnung an die Kim-Führung. Nach Einschätzungen des Chefs der US Streitkräfte im Pazifik, Admiral Locklear, sind die Spannungen im Frühjahr 2013 die gefährlichsten seit dem Koreakrieg.

Seoul heute

Seoul heute

Zweieinhalb Stunden dauert es im Hochgeschwindigkeitszug von Seoul nach Busan, der Hafenstadt an der Südküste. Der Koreakrieg hatte mit einem Angriff der nordkoreanischen Armee unter Kim Il Sung im September 1950 begonnen. Schnell war damals der Süden überrannt worden. Nur die Umgebung von Busan wurde nicht von den Nordkoreanern erobert. An die Seite der Südkoreaner schickte die UN eine internationale Truppe aus 16 Ländern, darunter die USA, Kanada, die Türkei, Großbritannien, die Niederlande. Allein auf Seiten der Koalition fielen in den drei Jahren des Koreakrieges 180.000 Soldaten.

Südkoreanischer Soldat im Bahnhof Dorasan in der DMZ

Südkoreanischer Soldat im Bahnhof Dorasan in der DMZ

Der rasante wirtschaftliche Wandel in Südkorea hat das Land grundlegend verändert. Nordkorea kommt für viele Südkoreaner nur am Rande vor. Im Frühjahr 2013 interessiert viel mehr die Unterhaltungsindustrie Südkoreas, die auf Hochtouren läuft. Fernseh-Serien werden in ganz Asien verkauft, eine Marketing Maschinerie vermarktet deren Stars. Bedrohung oder nationale Aussöhnung haben da keinen Platz.

Wiedervereinigung mit Waffen

Anfang April 2013: Nordkorea verbreitet ein Propagandavideo, wie man sich im Norden die Wiedervereinigung vorstellt: ganze drei Tage dauere das. „Wir führen einen Präventivschlag“, wird im Video erklärt. Raketenwerfer und massive Artillerieangriffe treffen den Süden am ersten Tag überraschend. Seoul werde in ein „Meer aus Feuer“ verwandelt.

Seoul heute

Seoul heute

Tatsächlich ist der überraschende Beschuss von Seoul ein realistisches Szenario der alltäglichen Gefahr im Süden. Es gäbe praktisch keine Vorwarnzeit. Je nach Einschätzung der Feuerkraft des Nordens wird mit 3000 Opfern in Seoul in den ersten Minuten eines Angriffes gerechnet. Zwar gibt es tausende Bunker in der Stadt, und auch das U-Bahnsystem dürfte Schutz bieten. In den ersten Überraschungsminuten hilft das der Bevölkerung aber nicht.
Über den dritten Tag berichtet das nordkoreanischen Propagandavideo: Panzer und Fallschirmjäger überrennen den Süden. Raketen löschen auch die amerikanischen Militärbasen am Pazifik aus.

Seoul heute

Seoul heute

Was uns wie ein Hirngespinst erscheint, ist ein nordkoreanischer Plan zur Wiedervereinigung. Am dritten Tag werde die Wiedervereinigung durch den Einmarsch der nordkoreanischen Truppen vollendet.
Für den Nordkorea Experten Brian Myers ist das der konsequente Ausdruck der militaristischen Ideologie im Norden. Die fehlerhafte Einschätzung, man könne die USA militärisch besiegen, ist aber auch eine Gefahr fürs Kim - System selbst.

China handelt nicht

China wäre der einzige Schlüssel für die Befreiung der nordkoreanischen Gefangenen und China könnte auch die Sicherheit der Flüchtlinge in den Grenzgebieten verbessern. Doch die chinesische Nordkoreapolitik ist in einem Dilemma. Zum einen sind die Chinesen der einzige politische Kontakt der Nordkoreaner zur Außenwelt. Gerade die westliche Welt hofft, dass China den Diktator Kim zur Mäßigung zwingen würde. Auf der anderen Seite will China größeren Spielraum haben für eigene, politische Aktionen im Mächtespiel Ostasiens, vor allem gegen Japan und die USA.

Frau Chang, Ok-jin (Bildmitte) ist mehrmals aus Nordkorea geflohen

Frau Chang, Ok-jin (Bildmitte) ist mehrmals aus Nordkorea geflohen

Für Sicherheitsexperten wie Hanns Günther Hilpert von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik steht darum außer Zweifel: China hat gar kein Interesse an einer Lösung dieser Probleme und schon gar nicht an einem vereinten, demokratischen Korea.
200.000 Menschen sind, nach Schätzungen der Vereinten Nationen, derzeit in den Lagern eingesperrt und damit Hunger, Gewalt und Krankheiten ausgesetzt. Das „Verbrechen“ besteht vielfach darin, dass sie das Land verlassen wollten. Noch immer ist es verboten, die Grenze zu überschreiten. Die Strafe beträgt bis zu drei Jahre Arbeitslager. China versorgt mit der Auslieferung der Flüchtlinge das Gulag - System des Verbündeten mit Gefangenen.

Nationalismus im Extrem

Skulptur "Geteiltes Land" in der DMZ Nahe Aussichtspunkt Dora

Skulptur "Geteiltes Land" in der DMZ Nahe Aussichtspunkt Dora

Das Kim - System im Norden scheint fest im Sattel. 2013 gibt sich die Elite in Pjöngjang gelassen. Westlichen Besuchern und in Filmen präsentiert sie den neuen Luxus der Hauptstadt. Das Lagersystem und die Bedrohung des Südens bleiben unsichtbar, unverändert.

Für den Nordkorea – Experten Brian Myers wird aber selbst das wirtschaftliche Versagen des Regimes es nicht gefährden. Die Vorstellung, ein besonderes Volk, das reine Volk der Koreaner zu sein, dieser extreme Nationalismus, ist nach wie vor die Basis der nordkoreanischen Identität. Und diese Idee der besonderen Nation, findet nach wie vor auch im Süden Anhänger.
Es gibt allerdings keine verlässlichen Meinungsumfragen über die tatsächliche Akzeptanz der nationalistischen Ideologie in Nordkorea. Die Wiedervereinigung kann nur über die Befreiung der nordkoreanischen Bevölkerung von der Diktatur geschehen. Ob Südkorea dafür der Motor sein kann, erscheint zurzeit eher zweifelhaft. Deutschland könnte seine speziellen Erfahrungen der Teilung und der schwierigen Vereinigung nach 1990 in dieses Vorhaben einbringen. Man müsste allerdings Flagge zeigen: gegen China, für die Rettung der nordkoreanischen Flüchtlinge im Grenzgebiet. Damit könnten Deutschland und Europa hohes Ansehen erringen, wenn es nach einem Kollaps des Kim - Regimes darum geht, das neue, größere Korea in die Weltgemeinschaft der Demokratien zu verankern.

Weitere Themen in SWR2