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Formationsflug der Waldrappe

Vogelschwärme: Vorn wird immer abgewechselt Arbeitsteilung bei Zugvögeln

Soziale und kooperative Arbeitsteilung gibt es auch bei Zugvögeln. Das haben Biologen der Humboldt-Universität Berlin jetzt bei der Reise der Waldrappen in ihr Winterquartier beobachtet.

Ausgewachsene Waldrappe fliegen über die Alpen in ihr Winterquartier in der Toskana

Ausgewachsene Waldrappe fliegen über die Alpen in ihr Winterquartier in der Toskana

Meistens fliegen Zugvögel in Staffel- oder V-Formationen. Dabei entsteht hinter den Flügeln eine Luftwalze mit einem Aufwind. Der dahinter fliegende Vogel kann diesen Aufwind nutzen. Er muss nicht mehr so oft mit den Flügeln schlagen, spart also Energie. Fliegen Vögel in der Gruppe und nutzen sie die Aufwinde des Vordermanns, können sie nach modellartigen Berechnungen der Forscher theoretisch gut die Hälfte der Energie sparen, die sie bräuchten, wenn sie alleine flögen.

Vorne fliegen ist anstrengend

Klingt nach einem ausgeklügelten System, dass sich Storch, Kranich und Co. da überlegt haben. Doch die Sache hat einen Haken. Denn: Irgendeiner muss die Führungsposition übernehmen und vorne fliegen. Und dem weht da der raue Wind ums Gefieder. Das ist ungemütlich und kräftezehrend.

Waldrapp-Formation - jeder muss mal nach vorne

Waldrapp-Formation - jeder muss mal nach vorne

Um herauszufinden, wie die Zugvögel dieses Dilemma lösen, haben die Biologen junge Waldrappe bei ihrer ersten Reise in den Süden begleitet. Der Waldrapp gehört zur Art der Ibisse und ist ungefähr so groß wie eine Gans. Sein schwarzes, grün-violett schimmerndes Federkleid verdichtet sich am Kopf zu einer kleinen zotteligen Mähne. Der Waldrapp zählt zu den am stärksten bedrohten Vogelarten weltweit.

Jeder muss mal nach vorne

Im Zuge eines Wiederansiedelungsprojekts banden die Biologen allen Vögeln kleine GPS-Sender auf den Rücken. Die Evolutionsforscher um Bernhard Voelkl konnten so jederzeit ihre genaue Position innerhalb der Flugformation bestimmen.

Waldrapp

Der seltene Waldrapp ist wieder zurück in Deutschland

Und siehe da: Die Waldrappe haben eine faire Lösung für das Positionsproblem gefunden: Die Vögel wechseln sich ab. Jeder muss mal vorne fliegen.

Auf einer Strecke von 39 Kilometern beobachteten die Forscher zwischen 167 und 315 Positionswechsel pro Waldrapp. 32 Prozent der Flugzeit befanden sich die Vögel im Aufwind eines anderen Waldrapps. Meistens teilte sich die Vogelgruppe in mehrere Zweier- und Dreierformationen auf. Übrigens achteten die Vögel beim Tauschen ihrer Flugpositionen nicht darauf, ob sie mit dem anderen Vogel verwandt oder bekannt waren. Jeder konnte im Aufwind des anderen fliegen.

Arbeitsteilung im Dienst der Gruppe

Die Biologen haben außerdem festgestellt, dass die Waldrappe exakt darauf achten, dass jeder von ihnen gleich lange jeweils in der unvorteilhaften, anstrengenden Führungsposition und in der energiesparenden Folgeposition fliegt. Gemeinsam fliegen fördert also die soziale Kompetenz. Die Individuen stellen sich abwechselnd in den Dienst der Gruppe, um so den Nutzen für die Gruppe zu maximieren.

Arbeitsteilung bei Zugvögeln

Waldrappe galten noch bis vor wenigen Jahren als so gut wie ausgestorben.

Trotz der neuen Erkenntnisse bleibt für die Forscher die Evolution von Kooperation noch immer eines der großen Rätsel in der Evolutionsbiologie. Schließlich widerspricht kooperatives Verhalten dem allgemeinen Grundsatz, dass die Evolution nur egoistische Gene fördert und der Stärkere stets gewinnt.

Den Waldrappen dürfte egal sein, dass die Forscher weiterhin darüber grübeln. Sie machen erst mal Überwinterungsurlaub – in der Toskana.

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