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Junge trinkt in Kneipe

Therapie gegen Alkoholismus Kontrolliertes Trinken

In Deutschland trinken sich jedes Jahr tausende Menschen regelrecht zu Tode. Oder schädigen ihre Gesundheit. Insgesamt haben rund 9,5 Millionen Menschen einen gesundheitlich riskanten Alkoholkonsum. Rund 1,8 Millionen gelten als abhängig. Damit sie sich leichter helfen lassen, werden in der Suchttherapie neue Wege beschritten. Die Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde hat dieses Jahr eine neue Leitlinie zur Alkoholsucht herausgegeben: Nicht mehr totale Abstinenz ist das alleinige Ziel, sondern erlaubt ist auch das kontrollierte Trinken. Das erspart viel Leid, funktioniert aber nicht bei allen Alkoholabhängigen.

Am Ende hat man morgens getrunken, um nicht zu zittern. Ich bin gar nicht mehr nüchtern geworden, weil ich morgens wieder weiter getrunken habe".

Die 52 Jahre alte Elke war Alkoholikerin. Sie habe 15 Jahre lang "gesoffen", erzählt sie. Bier, Wein und Schnaps. Zu Hause, am Büdchen und in der Kneipe:
Wenn es ganz doll war, war dann auch Gedächtnisverlust da. Man wacht am nächsten Morgen auf und muss sich erst mal überlegen: Wie bin ich nach Hause gekommen? Beziehungsweise: Wer hat mich nach Hause gebracht?

Seit zwei Jahren jetzt ist die Frau mit den schulterlangen braunen Haaren trocken. Wieder mal ein Riesenstreit mit ihrem Partner gab den endgültigen Anstoß dazu: Elke hat stationär entgiftet, ist zu den Anonymen Alkoholikern gegangen und hat eine Therapie gemacht.

Eine Frau riecht an einem Glas Rotwein

Eine Studie zeigt: ein Drittel aller Menschen mit kritischem Alkoholkonsum wollen nicht für immer auf jeden Schluck verzichten

Ein Ziel zu haben ist sinnvoll

Doch von einen Tag auf den anderen aufhören, das ist nichts für jeden. Umfragen haben gezeigt: Mindestens ein Drittel aller Menschen mit kritischem Alkoholkonsum wollen gar nicht für immer auf jeden Schluck verzichten. Und Therapeuten wie Harald Seeger von der Beratungsstelle des Suchthilfeverbandes Blaues Kreuz in Köln gestehen das eine oder andere Glas manchen zu: Wenn ich das reduziere auf eine Menge, die mich wieder handlungsfähig macht, dann ist das auch ein Ziel. Man muss individuell hingucken: worum geht es bei dem einzelnen Menschen, was ist machbar, was ist erreichbar?

Doch jahrzehntelang war nur weniger trinken als Ziel in der Suchttherapie ein Tabu. Erst im Februar dieses Jahres wurde das selbstkontrollierte Trinken in die ärztlichen Leitlinien zu alkoholbezogenen Störungen aufgenommen - allerdings nur als Zwischenziel und nicht als gleichberechtigtes Behandlungsziel neben der Abstinenz. Deshalb bezahlen Krankenkassen in der Regel weiterhin keine Behandlungen mit dem Ziel des kontrollierten Trinkens.

Jugendlicher greift in einem Getränkemarkt nach einem Kasten alkoholischer Mix-Getränke.

Weniger Alkohol kann schon ein Erfolg sein

Therapeuten wie Gert Henke kreiden das an. Henke arbeitet in einer stationären Einrichtung für Suchtkranke in Bonn: Nehmen wir an, ein Mann mittleren Alters trinkt in der Woche 40 Flaschen Bier. Das ist natürlich viel zu viel. Wenn der Mann nur noch 20 oder 15 Flaschen Bier trinkt, dann ist das definitiv ein Erfolg für ihn.

Zehn Schritte zum Erfolg
Beim kontrollierten Trinken lernt der Patient, sich Ziele zu setzen und einzuhalten. Dazu gibt es auch ein Zehn-Schritte-Programm. Unter anderem führt der Patient ein Trinktagebuch. Dass es funktionieren kann, dauerhaft weniger zu trinken, darauf weisen groß angelegte internationale Studien hin. So zeigte eine britische Studie vom Jahr 2010, dass Patienten ein Jahr, nachdem sie begonnen hatten kontrolliert zu trinken, genauso erfolgreich war wie die Gruppe der Abstinenzler. Deshalb halten Therapeuten wie Gert Henke das kontrollierte Trinken für eine Methode, die bei allen Trinkern anwendbar ist.

Ich finde, das ist eine sehr gute Möglichkeit, einen missbräuchlichen oder abhängigen Konsum in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren. Das kontrollierte Trinken kann man auch verstehen als eine zieloffene Arbeit mit der Suchtproblematik. Am Ende einer solchen Sitzungsreihe kann stehen, dass der Patienten sich entschließt weiter zu trinken. Es kann dabei herauskommen, dass er erfolgreich reduziert trinkt. Es kann auch die Konsequenz entstehen: Das kontrollierte Trinken ist für mich nicht passend und ich höre ganz auf. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten.

Volksdroge Alkohol

Die Fähigkeit mit Alkohol kontrolliert umzugehen verschwindet bei den Abhängigen ganz

Suchttherapeuten sind sich nicht einig
Andere Suchttherapeuten dagegen sehen das anders: Weniger trinken sei nicht die Lösung bei jedem Alkoholiker. Es funktioniere es nicht bei abhängigen Trinkern, meint Harald Seeger vom Blauen Kreuz. Also nicht bei solchen, die zum Beispiel Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüche und Schlafstörungen haben, wenn sie nichts trinken.

Jemand, der die Grenze von Missbrauch zu Abhängigkeit überschritten hat, wird nicht die Erfahrung machen, dass es wieder ein Zurück gibt. Es gibt ein Suchtgedächtnis und die Fähigkeit kontrolliert mit Alkohol umzugehen, die ist weg. Und die kehrt auch nicht wieder.

Alkohol Schwarzmarkt

Zehn Prozent der Alkoholabhängigen wandten sich letztes Jahr an eine Beratungsstelle

Neue Wege gehen
Doch ungeachtet dessen, wer nun richtig liegt, ist klar: Neue Wege bei sind bei der Alkoholtherapie längst nötig. Denn nach Angaben der Deutschen Stelle für Suchfragen suchen viel zu wenige Alkoholkranke nach Hilfe. In den vergangenen Jahren haben sich nur zehn Prozent von ihnen an eine Beratungsstelle gewandt oder es mit einer Therapie versucht. Die Aussicht weiterhin das eine oder andere Glas trinken zu dürfen, könnte diese Hürde senken.

Elke hat für sich entschieden, keinen Tropfen mehr zu trinken. Anfangs fiel ihr das nicht immer leicht. Doch eine ganz eigene Methode hat ihr dabei geholfen: Dann bin ich zum Beispiel an Plätze gefahren, wo ich weiß, dass da die Alkoholiker sitzen, und hab die einfach nur beobachtet, um dieses Abstoßende zu sehen, wie man sich benimmt - nämlich so, wie ich mich auch benommen hab, wenn ich voll war.

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