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50 Jahre Kompaktkassette Stetiges Ringen um Kompatibilität

Die technischen Verbesserungen begeisterten Musikfreunde: Musik zusammenstellen, aufnehmen und zu jeder Zeit anhören. Die Leute konnten endlich ihr Musikprogramm selbst gestalten. Die Kompakt Kassette revolutionierte den persönlichen Musikgebrauch.

Geöffneter Walkman mit erheblichen Gebrauchsspuren lagert auf zwei Cassetten

Hart im Nehmen: der Walkman wurde zum omnipräsenten Weggefährten.

Anfang der 80er Jahre gab es zu diesem neuen Lebensgefühl nun das passende mobile Gerät. Der Sony Walkman eroberte die Herzen der Jugendlichen und wurde zum ständigen Begleiter, sobald das Haus verlassen wurde. "Ich hatte immer drei, vier Kassetten mit, die ich halt immer gehört habe, bis die Batterien im Walkman alle waren", erinnert sich Nils Quak. Der Walkman-Boom beflügelte zugleich die Verkaufszahlen: Die Kassette hatte die LP nun endgültig überholt.

Standardisierung der Bandsorten

Durch die Flut an Neuentwicklungen war ein Chaos entstanden. Ein gegenseitiger Kampf der japanischen Bandhersteller herrschte: Jedes Unternehmen versuchte die Geräte-Hersteller vom eigenen Bandmaterial zu überzeugen. Die Bänder der unterschiedlichen Hersteller waren folglich untereinander nicht kompatibel. Rekorderbesitzer mussten sich an den Empfehlungen der Gerätehersteller orientieren, sonst misslangen die Aufnahmen. Andererseits wussten die Hersteller auch nicht mehr, auf welches Band sie ihre Geräte einmessen sollten.

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Die Bandsorten

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Eisenoxid-Bänder (IEC I): unzählige Varianten und Sorten. Mit Eisenoxid-Tonbänder fing die Geschichte der Kompaktkassette an. Bis heute ist der Typ1 die weltweit meistverkaufte Bandsorte. Problematisch war die schlechte Aussteuerbarkeit der Höhen. Deswegen suchten Bandhersteller nach alternativen Bandbeschichtungen.

Eisenoxid-Bänder (IEC I): unzählige Varianten und Sorten. Mit Eisenoxid-Tonbänder fing die Geschichte der Kompaktkassette an. Bis heute ist der Typ1 die weltweit meistverkaufte Bandsorte. Problematisch war die schlechte Aussteuerbarkeit der Höhen. Deswegen suchten Bandhersteller nach alternativen Bandbeschichtungen.

Chromdioxid- und HighBias-Bänder (IEC II): gelungener Einfluss des Marketings. In keinem anderen Land sind so viele Typ2-Kassette gekauft worden wie in Deutschland. In Fachkreisen sprach man vom „Typ2-Land“. Problematisch in der Klasse war, dass die klassischen Chromdioxid-Bänder und die kobaltdotierten Eisenoxid-Bänder durch ihre unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften nie komplett kompatibel zueinander waren.

FerroChrom-Bänder (IEC III): kurze Vorstellung. Sie waren eher ungeliebte Kinder im Kassettensystem. Diese Bandsorte bestand aus einer oberen Schicht Chromdioxid für die Höhen und einer unteren Schicht aus Eisenoxid für die Tiefen. Große Schwäche war die extreme Mittensenke im Frequenzgang. Dieser Bandtyp verschwand Mitte der 1980er Jahre. Aus der Erfahrung mit dieser Bandsorte entstanden die mehrschichtigen Typ2-Bänder wie TDK SA-X oder BASF Chrome Super.

Metallbänder (IEC IV): dünne Partikelschicht, hervorragender Klang. Die Qualität der Metallbänder konnte erst ab Anfang der 1990er Jahre richtig ausgeschöpft werden. Diese Bänder waren für den Großteil der Nutzer zu teuer und waren so nur etwas für Hifi-Enthusiasten. Hersteller, die in die jahrelange Metallpartikel-Forschung investiert hatten, konnten ihre Erfahrungen viele Jahre später für neue digitale bandbasierte Videosysteme wie Digital Video Cassette (DVC) oder Digital Betacam nutzen.

Deshalb warb Andriessen, der in der Zwischenzeit bei der BASF als Leiter der Anwendungstechnik für Audioprodukte arbeitete, für internationale Standards und stieß damit in Japan auf offene Ohren und Türen. So wurden die internationalen Referenzbänder entwickelt und durch die International Electrotechnical Commission, der International Elektrotechnische Kommission – kurz IEC, festgeschrieben. Jede erhältliche Kassette konnte nun auf jedem Rekorder ohne Klangeinbußen bespielt und wiedergeben werden – in der Theorie zumindest.

Konkurrenz durch die Kompakt Disk

Erster CD-Spieler mit Kompakt Disks

1982 stellt Philips seinen ersten CD-Player vor

Die Kompakt Disk von Philips und Sony stand in den Startlöchern und bot digitalen kristallklaren Klang und besseren Bedienungskomfort. Das Metallband schien geeignet, um der neuen digitalen Konkurrenz die Stirn zu zeigen. War die CD auf 74 Minuten begrenzt, konnte man die Spielzeit bei der Kompaktkassette noch etwas auf 2 Stunden ausreizen. Wilhelmus Andriessen hat das 120er-Metallband mitentwickelt und ist nach wie vor von seiner Tonqualität begeistert: "Denn es bringt seine volle Leistungsfähigkeit bei einer relativ dünnen Schicht." Dennoch sei sichtbar geworden, dass der Verbraucher diese Nuancen nicht mehr höre. Kaum einer kaufte diese teuren Bänder, obwohl alle Kassettendecks Metallbänder bespielen konnten. So stellten die europäischen Hersteller wie AGFA, BASF und Philips ihre Entwicklungsarbeit bei Metallpartikeln ein. Ganz anders die Japaner: Sie kreierten sogar Typ2-Bänder mit Metallpartikeln.

Bandführung im Griff

So wie sich die Kassettengeräte im Bedienungskomfort den CD-Playern immer stärker anglichen, so war auch kaum noch ein Unterschied zwischen CD- und Kassetten-Aufnahmen hörbar. Dass die Kassette zwischenzeitlich so gut klang, lag auch daran, dass einer der größten Schwachpunkte im Kassettensystem gemerzt wurde: die Bandführung.

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Entwicklung, Wartung und Pflege

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Aus der Sammlung von Martin Schmidt: die BASF Azimuth Calibration Mechanism. Dieses Messwerkzeug hat früher mehrere tausend D-Mark gekostet und war für Geräte- und Gehäuse-Hersteller sowie Servicewerkstätten gedacht. Die Gehäuseschale besteht aus Feinsilber. Wickelkerne und Band dieses Exemplars sind nicht mehr original.

Aus der Sammlung von Martin Schmidt: die BASF Azimuth Calibration Mechanism. Dieses Messwerkzeug hat früher mehrere tausend D-Mark gekostet und war für Geräte- und Gehäuse-Hersteller sowie Servicewerkstätten gedacht. Die Gehäuseschale besteht aus Feinsilber. Wickelkerne und Band dieses Exemplars sind nicht mehr original.

Der richtige Dreh zum brillanten Klang: Wenn der Tonkopf in die richtige Position gebracht werden soll, wird eine spezielle Messkassette und ein Feinmechaniker-Schrauberdreher benötigt.

Wurde der Klang von Kassette merklich dumpfer oder waren plötzlich Ploppgeräusche beim Abspielen zu hören, musste unbedingt der Tonkopf entmagnetisiert werden. Dazu gab es spezielle Kassetten, die in das Laufwerk gelegt wurden und bei Wiedergabe den Tonkopf entmagnetisierten, während ein Piepston zu hören war.

Für die Reinigung zwischendurch: Entweder man benutzte eine Reinigungskassette oder man tränkte Wattestäbchen in Spiritus und putzte damit die Oberfläche des Tonkopfes.

Das Band wird nämlich vom Geräte-Laufwerk wie auch vom Kassettengehäuse geführt. Dadurch stimmte selten der Azimuth, wie Wilhelmus Andriessen erklärt. Der Azimuth ist die Spaltposition des Tonkopfes gegenüber der Bandbewegungsrichtung und der sollte exakt 90 Grad betragen. Denn stimmt die Ausrichtung des Tonkopfes nicht klingen die Aufnahmen zu dumpf. Hierfür entwickelte damals die BASF eine Messkassette, die sozusagen zum Urmeter bei der Serienfertigung von Kassettengehäusen wurde.

Neue digitale Tonträger

Verschiedene digitale Tonträger wie DAT, Minidisc DCC sowie CD-Rohlingen

Teures Hörvergnügen: digitale Tonträger

Anfang der 1990er Jahre buhlten neue digitale Systeme um die Gunst der Jugendlichen und damit um den begehrten Platz in der Jackentasche: allen voran die MiniDisc von Sony, später die wieder beschreibbare CD. Auch Philips war mit einer digitalen Kompaktkassette, der DCC, dabei. Für viele Jugendlichen waren diese digitalen Medien jedoch mit dem verfügbaren Taschengeld unerschwinglich.

Die Kompaktkassette blieb vorerst Platzhirsch: Denn in jedem Haushalt standen noch mehrere Abspielgeräte. Folglich floppte die DCC, die MiniDisc führte ein Schattendasein, die CD-R war durch die ständigen Aussetzer für die mobile Nutzung ungeeignet. Wilhelmus Andriessen resümiert: "Systeme, die für Verbraucher signifikante leicht erkennbare Vorteile bieten setzen sich durch und Systeme die das nicht haben, haben keine Chance." Die Digitalsierung der Medien setzte sich dennoch unaufhaltsam fort.

Körperloser Musikgenuss setzt sich durch

Und so eroberten MP3 und der iPod zur Jahrtausendwende die Jackentasche der Jugendlichen. MP3 bot die gleichen Vorzüge wie die Kassette: einfache Verbreitung, Handlichkeit sowie preisgünstige Vervielfältigung. Aber anstatt sich eine Kopie ihrer Lieblingsmusik auf Kassette zu ziehen, bevorzugen Jugendliche fortan, MP3-Dateien vom heimischen PC mittels Computermaus auf ihr mobiles Abspielgerät zu ziehen. Der körperlose digitale Musikgenuss spart Zeit und Stauraum. So lassen sich tausende Songs, gespeichert auf immer kleiner werdenden Speicherchips, auf Geräten mitnehmen. Das konnte die Kassette nicht bieten. Das Analogzeitalter war schlagartig zu Ende.

Sie läuft und läuft und läuft – wie das?

Wilhelmus Andriessen schaut eine Kassette an, die er in der Hand hält

Kassette mit der Unterschrift von Wilhelmus Andriessen

In Entwicklungsländern ist die Kompaktkassette nach wie vor beliebt und entpuppt sich als der VW Käfer der Tonträger. Aber ob es zu einer Wiedergeburt kommen wird, wie es sich einige Musikfreunde wünschen, ist ungewiss. Systemerfinder Philips hat sich aus dem Audiogeschäft zurückgezogen. Walkman-Erfinder Sony stellte 2010 die Produktion des mobilen Kassettenspielers ein. Hersteller von klassischen Tonbändern sind rar geworden. Der einzig verbliebene europäische Bandhersteller EMTEC Magnetics, hervorgegangen aus den Magnetbandsparten von AGFA und BASF, verpasste den Digitalzug und ging 2003 in die Insolvenz. Die japanischen Bandhersteller profitieren von ihrer unermüdlichen Metallpigmentforschung und entwickelten digitale Videobandsystemen auf der Basis von Metallpartikeln.

Was bleibt?

iPod wird in einer Hand gehalten

Walkman 2.0: Apples iPod veränderte den Musikkonsum.

Analog zum digitalen Musikkonsum beherrschen IT-Firmen den Markt mit Abspielgeräten und Musikdateien. Mobile Unterhaltungsgeräte wie iPod und Smartphones stützen sich auf das Lebensgefühl, das die Kompaktkassette erfolgreich gemacht hat. Und manche Schutzhülle für Smartphones, auf der eine historische Kompaktkassette abgebildet ist, scheint zu bezeugen: Die Kompakt Kassette hat das Musikhören mobilisiert.


Titel des Buches "Zeitschichten:"

Buch

Joachim Polzer (Herausgeber), Friedrich Engel (Autor), Gerhard Kuper (Autor), Frank Bell (Autor)

Zeitschichten. Magnetbandtechnik als Kulturträger

Verlag:
Buchverlag der Polzer Media Group Potsdam
Produktion:
3. Auflage 2013
Genre:
Sachbuch
Preis:
19,95 (eBook-Ausgabe)
Extras:
Gebundene Ausgabe vergriffen. Jedoch noch als eBook bei beam-ebooks.de erhältlich.

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