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50 Jahre Kompaktkassette Ohrfutter aus der Jackentasche

Es ist leise um sie geworden. Mit der Kompaktkassette beschallten einst Generationen von Kindern und Jugendlichen ihre Zimmer – oft nicht nur in Zimmerlautstärke. Nun unterhalten MP3-Dateien heutige Jugendliche aus der Jackentasche. Die Kompaktkassette feierte kürzlich ihren 50. Geburtstag. Doch in den Ruhestand hat sie sich offenbar noch nicht verabschiedet.

Blaue Kompaktkassette mit großem Sichtfenster

Mobiles analoges Medium: Kompaktkassette.

Groß in der Nische

Der Kölner Klangkünstler und Journalist Nils Quak glaubt gar nicht, dass die Kassette wirklich weg war. "Sondern es gibt eine Menge eher unbekanntere Bereiche, wo die Kassette nie ihren Reiz verloren hat als Medium", erklärt Quak. Beispiele wären Punkrock oder bestimmte Formen experimenteller Musik wie Quak sie produziert. Das handliche Bandmedium spielt für ihn immer noch eine tragende Rolle. Je nach Projekt entscheidet sich Quak, ob er sein Werk im Internet als kostenlosen MP3-Download, auf CD oder auf der guten alten Kassette herausbringen will. Unschlagbarer Vorteil der Kassette sei, dass er damit sehr spontan sehr kleine Editionen herstellen kann.

Revolutionäres Medium

Nils Quak

Klangkünstler Nils Quak bevorzugte Kassetten mit schlichten schwarzen Gehäusen.

Gerade in den 1970er Jahren wussten die Punkrockbands die Vorzüge der Kompaktkassette zu schätzen: Eigenschaften wie günstige Verfügbarkeit und günstige Vervielfältigungsmöglichkeit spielten eine entscheidende Rolle, weiß Nils Quak, der früher selbst als Schlagzeuger in Punkbands spielte. Technische Werte seien uninteressant gewesen. Punkrockbands wie die Toten Hosen wurden abseits der großen Plattenfirmen nur dadurch bekannt, weil sie ihre Musik mit der Kompaktkassette unter die Leute bringen konnten. Eben: Ein revolutionäres Medium für revolutionäre Musik.

Tonqualität versus Handhabung

Kompaktes Tonbandgerät mit Leder-Tragetasche

Tragbar, aber dennoch schwer: ein Uher 4000 Report.

Diese Sprengkraft hat die Compact Cassette von Anfang an von ihren Schöpfern mit auf dem Weg bekommen. In den 1950er Jahren war das Tonband das Maß aller Dinge. Aber das Tonband mit seinen großen Spulen war vielen Leuten zu sperrig. Viele Firmen probierten sich an unterschiedlichen neuen Bandmedien aus. Jedoch konzentrierten sie sich nur auf die Klangqualität des Tonbandes und nicht aufs Design. Zu wenig hätten sich die Entwickler an den Bedürfnissen der Verbraucher orientiert, berichtet Wilhelmus Andriessen, der damals bei der Philips Phonographischen Industrie für Kassettenbänder zuständig war. Die Verbraucher wollten damals nur etwas haben, um sich am Strand zu amüsieren. Und so kamen stets klobige Kassetten heraus. Auch Philips arbeitete im Wiener Werk an einer HiFi-tauglichen Einloch-Kassette.

Holzstück für die Jackentasche

Ausschnitt von der Konstruktionszeichnung aus der Patentschrift der Kompaktkassette

Einfach und doch genial: Konstruktionszeichnung der Ur-Kassette.

Der Entwicklungsleiter im belgischen Philips-Werk, Lou Ottens, ging einen anderen, unkonventionellen Weg. Er wollte ein handliches Medium, das die Masse begeistert. Ottens ließ ein Holzstück anfertigen, das genau in seine Jackentasche passen sollte. "Deshalb lief das Gerät dann auch unter dem Namen 'Pocket Rekorder' ", berichtet Wilhelmus Andriessen, "aber nicht gedacht für Sprache, sondern von Anfang an für Musik". Das künftige Gerät sollte in eine Jackentasche passen. Das Austausch-Medium, die Kassette, musste sich diesen Vorgaben anpassen.

Alles in einem Gehäuse

Wilhelmus Andriessen zeigt eine Kompaktkassette

Wilhelmus Andriessen

Ein Produktmanager zeigte Andriessen unter der Hand in der Philips-Zentrale in Eindhoven einen Prototyp des Pocket Rekorders und der Kassette. Und Andriessen war von dem handlichen Medium sofort angetan: „Der Verbraucher kam nicht mehr mit dem Band in Berührung. Alles spielte sich im Kassettengehäuse ab." War das Band durchgelaufen, konnte man die Kassette einfach umdrehen und weiterhören. Zudem waren Laufwerk und Kassettengehäuse erstaunlich einfach und robust konstruiert: "Ottens akzeptierte nie komplizierte mechanische Lösungen", erklärt Andriessen. Umso mehr bewegt und angetrieben müsste, umso mehr könne kaputt gehen oder stecken bleiben. Ein Wehmutstropfen blieb. Von der Tonqualität war der Niederländer nicht begeistert: "Aber ich habe sofort kapiert, das isses."

Der Showdown

In einer hitzigen Sitzung in der Philips-Zentrale fiel die Entscheidung: Die belgische Zweiloch-Kassette schlug die Wiener Einlochkassette aus dem Rennen. "Das war ein Bombeneinschlag", erinnert sich Andriessen. Max Grundig schmeckte diese Entscheidung überhaupt nicht. Seine Firma war an der Einlochkassette mitbeteiligt. Und so ließ er umgehend ein eigenes System entwickeln, gestützt von den Konstruktionszeichnungen der Kompaktkassette, die Grundig von Philips mitgenommen hatte: Heraus kam die DC International.

Der erste Auftritt

Erster Kassettenrekorder EL3300

Der "Pocket Rekorder" EL3300 von Philips

Philips präsentierte dann 1963 unter dem Namen "EL3300" den ersten Pocket Rekorder auf den Großen Funkausstellung in Welt-Berlin. Die Resonanz des Publikums auf das Mono-Gerät war ernüchternd. Aber auffällig war, dass sehr viele Japaner dieses Gerät fotografierten. Lou Ottens glaubte weiterhin an seine Kassette, deren Grundkonstruktion von Jan Schoenmakers stammte. Die Geschäftsleitung nicht so unbedingt. Als der Pocket Rekorder patentiert werden sollte, agierte Philips sehr vorsichtig. Das Kompaktkassetten-Patent mit der Nummer 1191978 beschränkte sich auf einen Punkt: nämlich auf die von Jan Schoenmakers erdachte Verriegelung der Kassette im Laufwerk durch das Einschieben von Ton- und Löschkopf.

Stereophonie und bespielte Musikkassetten

Die Kassette sollte attraktiver werden. Bereits 1965 kam eine neue Gerätegeneration auf den Markt. Ottens plante Stereophonie mit ein. Die Monospur einer Laufrichtung – gerade mal 1,5 mm breit – wurde geschickt in zwei Stereospuren aufgeteilt. Stereo-Aufnahmen können somit auf Mono-Geräten und Mono-Aufnahmen auf Stereo-Recordern abgespielt werden. Unterstützung gab es von der hauseigenen Plattenfirma von Philips, die angesagte Musik auf 24 vorbespielten Kassetten herausbrachte. Da schwärmte Heidi Brühl über die Welt der Musicals, der Berliner Lehrer-Gesangverein besang die Schönheit der Welt und die Rattles brachten Star-Club-Feeling in die heimische Stube.

Niederlage verhilft zum Erfolg

Während Philips nach internationalen Partnern suchte, begeisterten sich die Japaner auf ihre Art für die Kassette: Sie wurde dort schon von Firmen in unzähligen eigenständigen Formaten hergestellt. Philips strebte Lizenzverhandlungen in Japan an. Doch das lief anders wie erwünscht: Der damalige Sony-Chef Norio Ohga, der die DC International von Grundig kannte, gab in den Verhandlungen vor, dass Grundig die Lizenzen kostenlos einräumen würde. Philips lenkte ein und verzichtete auf Lizenzgebühren, bestand aber auf eine internationale Standardisierung. Der japanische Wildwuchs an Formaten war damit vorerst gestoppt. Unzählige Kassettengeräte kamen daraufhin auf den Markt. Ab 1970 hielt der Radiorekorder Einzug in die Haushalte.

Das Radiorekorder-Zeitalter

Kassettensammler Martin Schmidt

Kassettensammler Martin Schmidt

Martin Schmidt ist von klein auf an mit dem Radiorekorder aufgewachsen und sozusagen in das Kassettenzeitalter hineingewachsen: "Bei uns stand da ein Radiorekorder in der Küche, der war zum allgemeinen Familiengebrauch, da wurden auch lustige Lieder mitgeschnitten", erinnert sich Schmidt, der in der Nähe von Ludwigshafen aufgewachsen ist und inzwischen in Schweden lebt und arbeitet. Als Kind fand er Radioprogramme interessanter als Hörspielkassetten und nahm schon eifrig auf Kassette auf. Das Medium begeistert ihn heute noch. Er sammelt Leerkassetten, original verpackte und gebrauchte, und kennt damit weitgehend alle Kassettenmodelle, die in Deutschland und Schweden erhältlich waren.

Endlich HiFi-Qualität

Chromdioxid-Cassetten von Philips und DuPont

Du Pont und Philips führten das Chromdioxidband ein.

1971 stellte die BASF das erste Kompaktkassetten-Sortiment mit Chromdioxidband vor. Dumpfen Klang gab es mit Chromdioxid-Kassetten nicht mehr, die eigenen Aufnahmen konnten sich endlich hören lassen: viel brillanter und rauschfreier als bisher. Chromdioxid erfand ursprünglich der US-amerikanische Chemiegigant Du Pont, der damit in die Produktion von Computerspeicherbändern einsteigen wollte. Das floppte. Die Sache mit dem Chromdioxid-Band hatte jedoch einen Hacken. Du Pont verlangte Lizenzgebühren. Zudem durften die Bandhersteller die Magnetpartikel nicht selbst herstellen, sondern mussten sie bei DuPont beziehen. Die meisten japanischen Bandhersteller boykottierten Chromdioxid. Sie entwickelten eine eigene Lösung mit kobaltdotiertem Eisenoxid. So kam 1975 die TDK SA und kurz danach die UD XL II von maxell auf den Markt.

Kampf dem Rauschen

Zwei Kassettendecks unterschiedlichen Alters stehen aufeinander

Der Unterschied von zwei Jahrzehnten Entwicklungsarbeit

Eine weitere Verbesserung waren elektronische Schaltungen, die das Bandrauschen weiter verminderten: Dolby B, benannt nach dem Erfinder Ray Dolby setzte sich bei den Rauschunterdrückungssystemen durch. Dafür waren aber präzise Laufwerke nötig. Bei Dolby wird bei der Aufnahme der Frequenzanteil gemessen. Wenn wenig Höhen vorhanden sind werden diese verstärkt, sind zu viele vorhanden werden sie abgeschwächt.

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