STAND
AUTOR/IN

Der Maßnahmenkatalog der Bundesregierung ist auch bei Virologen hoch umstritten. Die einen befürworten ihn, die anderen halten ihn für zu streng. Wer hat recht? Die Einschätzung unserer Medizinredakteurin Ulrike Till.

Audio herunterladen (3,1 MB | MP3)

Deutlich, schnell und nachhaltig müsse die Politik auf die explodierenden Infektionszahlen reagieren – das haben die führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen am Dienstag gefordert. Und genau das hat Berlin gestern getan: Vier Wochen lang dürfen wir nur noch wenige Menschen treffen, fast alle Freizeitvergnügen fallen flach.

Zahl der Kontakte drastisch reduzieren

Aus meiner Sicht die richtige Entscheidung. Mich hat das Positionspapier von Leopoldina, Helmholtz-Gesellschaft und weiteren Forschungsinstitutionen überzeugt: Nur wenn wir die Zahl der Kontakte drastisch reduzieren, lässt sich das exponentielle Wachstum der Corona-Infektionen stoppen. Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen müssen auf ein Viertel heruntergefahren werden – das ist die zentrale These des Expertenpapiers. Wenn das klappt, sind die Gesundheitsämter Ende des Monats voraussichtlich wieder in der Lage, Infektionsketten nachzuverfolgen.

Kritiker plädieren für Gebote statt Verbote und ein Ampelsystem

An dieser Strategie gibt es aber auch heftige Kritik: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und zahlreiche ärztliche Fachgesellschaften haben sich gestern klar gegen die neuen Einschränkungen ausgesprochen. Auch die Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit halten die Beschränkungen für überzogen. Sie plädieren für Gebote statt Verbote und ein bundesweites Ampelsystem. Außerdem sollten sich die Schutzmaßnahmen vor allem auf Risikogruppen konzentrieren.

Das mag für manchen einleuchtend klingen, aber das Konzept taugt nicht für die akute Krise. Dass wir allein mit freundlichen Ermahnungen nicht weit kommen, zeigt ja gerade die Entwicklung der letzten Wochen: Wenn sich alle konsequent an Abstands- und Hygieneregeln gehalten hätten, wären die Zahlen gar nicht erst so steil nach oben gegangen wie sie es seit einer Weile tun.

Verhängnisvollen Trend schnellstmöglich stoppen

Die Pandemie-Modelliererin Viola Priesemann hat eine Verdopplung der Fallzahlen alle sieben bis zehn Tage vorausgesagt, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dieser verhängnisvolle Trend muss schnellstmöglich gestoppt werden – wenn die Politik länger gewartet hätte, wären noch viel härtere und länger anhaltende Restriktionen nötig geworden. Das hätte dann auch der Wirtschaft noch deutlich mehr geschadet. 

Christian Drosten hat das im NDR-Corona-Update diese Woche anschaulich erklärt: Wir sitzen in einem schweren LKW auf abschüssiger Straße. Noch rollt er nur langsam bergab, einmal bremsen bringt viel. Wenn das Tempo aber höher ist, muss man viel stärker und länger auf die Bremse treten – so wie es gerade in Frankreich, Spanien und Italien passiert. Dagegen sind unsere Einschränkungen der nächsten Wochen ausgesprochen milde.

Und was ist mit dem Vorschlag, nur die Alten besonders zu schützen? Natürlich sind vorbeugende Tests in Heimen wichtig, da brauchen wir dringend Fortschritte. Viele Senioren leben aber gar nicht im Heim. Außerdem sind auch Jüngere gefährdet: durch chronische Krankheiten oder starkes Übergewicht zum Beispiel.

Lage ist ernst: 90 Prozent der Intensivbetten in Frankfurt bereits belegt

Wie ernst die Lage schon jetzt bei uns ist, zeigt eine Meldung von heute: Ärzte in Frankfurt schlagen Alarm. Dort sind bereits 90 Prozent der Intensivbetten belegt. Gut also, dass ab Montag wieder strenge Kontaktbeschränkungen gelten.

Wenn sich alle daran halten, können wir Tausende Corona-Tote und einen Klinik-Notstand zu Weihnachten gerade noch verhindern.

Tagesgespräch Bundesgesundheitsminister Spahn: "Wenn wir warten, bis die Intensivstationen voll sind, ist es zu spät!"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die geplanten Einschränkungen im öffentlichen Leben wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen verteidigt. Im SWR Tagesgespräch sagte der CDU-Politiker: "Wenn wir warten, bis die Intensivstationen voll sind, ist es zu spät."  mehr...

SWR2 Tagesgespräch SWR2

Diskussion Die Wucht der zweiten Welle: Was kann die Politik noch ausrichten?

Weihnachten steht vor der Tür und es droht „Unheil“. Wen treffen die neuen Gebote und Verbote? Können die Maßnahmen der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten eine zweite Coronawelle noch aufhalten? Claus Heinrich diskutiert mit Andrea Belegante - Bundesverband der Systemgastronomie, Dr. Wolfram Eilenberger - Philosoph und Publizist, Prof. Dr. Bodo Plachter - Virologe, Uniklinikum Mainz  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Gespräch Marcel Fratzscher, DIW: Entschiedenes Handeln gegen zweite Corona-Welle auch wirtschaftlich sinnvoll

Nicht nur gesundheitliche Probleme, sondern auch der wirtschaftliche Schaden werde sich vergrößern, je länger eine zweite Corona-Welle andauere, so der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in SWR2. Er befürworte deshalb Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens, wie sie von der Bundesregierung für das heutige Treffen mit den Ministerpräsident*innen der Länder vorgeschlagen werden.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Corona-Pandemie Lockdown – richtige Maßnahme im Umgang mit der Corona-Pandemie?

Der Lockdown steht unmittelbar bevor. Die Meinungen zu der weiteren Strategie Deutschlands im Umgang mit der Corona-Pandemie gehen auseinander.  mehr...

Coronavirus: aktuelle Beiträge

Medizin So wird der Corona-Impfstoff im Südwesten verteilt

Mitte Dezember könnte bereits ein Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen werden. Die Verteilung der begrenzten Impfdosen wird eine logistische Herausforderung. Jetzt haben die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ihre Konzepte für die Verteilung vorgestellt.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Virologie Neue Studie: So viel Abstand müssen Musiker in der Coronazeit einhalten

Musiker müssen Abstand halten, um das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus zu minimieren. Nun hat ein Forschungsteam herausgefunden, dass bestimmte Instrumente Aerosole weniger weit verteilen als andere. Das könnte Orchestern helfen, auch in Pandemiezeiten zu proben.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Medizin Corona-Impfung: Auch arme Länder müssen genug Impfdosen bekommen

Die Industrienationen haben sich schon große Mengen der vielversprechendsten Impfstoffkandidaten gesichert. Fürs kommende Jahr sind große Impfkampagnen geplant. Wie stehen die Chancen, dass auch arme Länder schnell zum Zug kommen? Christine Langer im Gespräch mit Elisabeth Massute, Ärzte ohne Grenzen  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

STAND
AUTOR/IN