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Körpersprache im Sport Hängende Schultern oder breite Brust

Verlierer oder Gewinner erkennt man schon an der Körpersprache - das fanden Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universität Heidelberg heraus. Wie machen wir das und warum ist diese Fähigkeit für unser Überleben wichtig?

Da laufen sie wieder, die Schweinsteigers und Boatengs, die Lewandowskis und Raffaels, rennen hinter Bällen her, schießen Tore oder auch nicht und sind je nach Spielstand frustriert oder glücklich, als Leverkusen gegen Manchester United fünf zu null vergeigte. Da reichte ein Blick auf Stefan Kießling und jeder wusste: Diese Klatsche hat gesessen! Und ein einziger Blick auf Jonny Evans sagte uns: Die Red Devils sind auf der Überholspur. Dafür brauchten wir weder Marcel Reif noch Sabine Töpperwien, die Körpersprache der Spieler war eindeutig!

Hängende Köpfe sagen alles

Wie das genau funktioniert, haben der Sportwissenschaftler Dr. Philip Furley von der Deutschen Sporthochschule Köln und der Diplompsychologe Dr. Geoffrey Schweizer von der Universität Heidelberg herausgefunden. Dafür suchten sie zunächst Fernsehszenen von Sportwettkämpfen aus, bei denen eine Mannschaft hoch zurücklag, hochgeführt hat, knapp zurücklag, knapp geführt hat oder es stand eben unentschieden. Philip Furley:

Das haben wir im Basketball gemacht, im Tischtennis, im Tennis und im Handball, und wir haben offensichtliche Szenen, wo gejubelt wurde, vermieden, und haben extra Szenen genommen, wo das Spiel gerade unterbrochen war, um jetzt verschiedene andere Erklärungen für unsere Ergebnisse ausschließen zu können.


Auch Kinder erkennen die Verlierer

Kein Jubel, kein Torschuss, nur herumstehende und herumgehende Spieler – und rund 90 Prozent der Versuchsteilnehmer konnte das Resultat tendenziell richtig erraten. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Probanden aktive Sportler waren oder träge Laien, die Trefferquote war gleich hoch. Selbst das Alter hatte kaum Einfluss, vierjährige Kinder erkannten auf einen Blick, wer gerade siegte oder verlor:

Kinder waren nur lediglich in diesen knappen Kategorien, wo es darum ging, knapper Rückstand, knapper Sieg oder unentschieden, etwas schlechter als die Erwachsenen.


Viel Platz für Gewinner

Die Interpretation nonverbaler Informationen macht uns keinerlei Mühe. Niemand sucht bewusst im Gesicht oder in der Körperhaltung nach Details, die dann im Rahmen einer Analyse mühsam interpretiert werden, nein, wir wissen es einfach, und zwar schon nach wenigen Sekunden. Mühsam war allenfalls die Arbeit der Forscher, denn sie mussten Schritt für Schritt herausfinden, woran genau wir den Spielstand erkennen.

Wahrscheinlich das ausdruckskräftigste ist die Blickrichtung, der Kopf und die Schulterhaltung. Man kann ganz generell sagen, wenn es gut läuft, dann nimmt man relativ viel Platz im Raum ein, man ist aufrecht, die Schultern gehen etwas nach außen, man nimmt etwas mehr Platz im Raum ein, wohingegen, wenn es nicht so gut läuft, fällt man etwas in sich zusammen und nimmt weniger Platz im Raum ein.

Körper sagt mehr als das Gesicht

Hängende Schultern signalisieren Niederlagen, die breite Brust ein dominantes Verhalten. Erstaunlicherweise spielt der Gesichtsausdruck nur eine untergeordnete Rolle; erstaunlich deshalb, weil selbst Babys schon wahre Weltmeister sind in der Interpretation des Gesichtsausdrucks zum Beispiel der Mutter. Furley und Schweizer haben in ihren Versuchsreihen teilweise die Gesichter der Spieler verdeckt, sodass die Probanden ausschließlich an der Körperhaltung das Resultat erschließen mussten – es klappte perfekt!

Gene oder Umwelt?

Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob für diese Fähigkeit die Gene verantwortlich sind oder die Umwelt: "Nature or Nurture" heißt das im Wissenschaftlerjargon, angeboren oder erlernt. Beides sei richtig, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Philip Furley.

Kinder konnten sehr gut unterscheiden, ob jemand hoch zurück liegt oder hoch führt, aber diese feinen Unterschiede konnten sie nicht so gut unterscheiden, und da scheint es so zu sein, dass gerade die Adoleszenz eine wichtige Phase ist, da gehen verschiedene Veränderungen im Gehirn einher und mit diesen Veränderungen lernen wir immer besser unser Gegenüber zu deuten, können also immer besser nonverbale Signale interpretieren und deuten.

Wichtig fürs Überleben

Und warum hat uns die Natur mit dieser Fähigkeit so reich beschenkt? Es geht wie immer nur um das eine – ums Überleben!

breite Brust

Mit breiter Brust auf den Platz zu gehen zeigt Dominanz.

In Konfrontationssituationen von sozialen Lebewesen bringt das eben einen Überlebensvorteil mit sich, wenn man ganz reliabel ausdrücken kann, ob man sich gerade als unterlegen fühlt und somit weitere Attacken vermeidet, und kann auch Ressourcen einsparen, wenn man sich ganz stolz und dominant zeigt, wenn man in einer Konfrontations- situation ist, dann braucht man eben nicht weitere Ressourcen zu vergeuden.

…was letztlich auch für das schwächere Gegenüber gilt: Wer erkennt, dass er ohnehin chancenlos ist, vergeudet seine Energie möglichst nicht in nutzlosen Auseinandersetzungen. Darum ist beides wichtig: zu zeigen und zu erkennen, wie man sich selbst und wie sich der andere fühlt. Selbstredend lassen sich diese Erkenntnisse sportpsychologisch nutzen. Wer bewusst mit breiter Brust auf den Platz geht, obwohl er sich klein und mickerig fühlt, der kann den Gegner beindrucken – zumindest ein paar Minuten.

Schauspielern geht nicht

Wenn man 90 Minuten Fußball gespielt hat, dann kann man sich das am Anfang noch vornehmen, dass man dominant wirken möchte und irgendwie total selbstsicher und so weiter, aber das wird man wahrscheinlich nicht über eine lange Zeit aufrecht erhalten können, und dann treten eher wieder die automatischen, die älteren Mechanismen in den Vordergrund.

Und so sah Stefan Kießling denn auch zum Schluss ziemlich mitgenommen aus, während die Roten Teufel mit sehr, sehr breiter Brust über den Platz liefen.,…

Beim nächsten Bundesligaspiel können Sie vor dem heimischen Fernseher an und mit sich einen ausgesprochen erhellenden Versuch durchführen. Schalten Sie mal den Ton aus und erraten aus der Körpersprache der Fußballer den Spielstand. Sie werden erstaunt sein, wie präzise die Ergebnisse sind.