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Flöte aus Mammut-Elfenbein

Spiel mir das Lied vom Knochen Archäologie auf den Spuren der Musikkultur

Es ist die Zeit rund 36.000 Jahre vor heute. Der moderne Mensch sucht Unterschlupf in Höhlen, geht jagen, stellt Werkzeuge aus Feuerstein her. Die letzte Kaltzeit dominiert das Klima. Es sind harte Bedingungen, unter denen die Menschen existierten. Dennoch finden sie bereits Zeit für Kunst und Musik.

Unter den frühsten Kunstobjekten, die für das Gebiet des heutigen Europas belegt sind, sind auch die ersten bekannten Musikinstrumente der Welt. Die Archäozoologin Susanne Münzel von der Universität Tübingen hat die erste Knochenflöte ausgegraben - im Geißenklösterle, einer Höhle, die im Achtal im heutigen Baden-Württemberg liegt.

Archäologe Johannes Widmann präsentiert urzeitliche Funde wie alte Flöten im Geißenklösterle bei Blaubeuren

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Die Flöte ist der älteste, unumstrittene Beleg für die menschliche Musikkultur. Das rund 12,6 Zentimeter lange Instrument wurde aus der Speiche eines Singschwans gefertigt - lag allerdings nicht im Ganzen, sondern zerbrochen im Erdreich, erinnert sich die Forscherin.

Große Töne

Dennoch kann sie die Vergangenheit zum Klingen bringen. Susanne Münzel hat dazu eine befreundete Musikerin eingeladen, auf einer nachgebauten Knochenflöte zu spielen. Die Flötistin Friederike Potengowski führt das Instrument vor - von dessen Klang sie fasziniert ist. Durch wochenlanges Üben hat Friederike Potengowski gelernt, dem Knochen Töne zu entlocken. Sie setzt das Instrument an die Lippen, konzentriert sich - und beginnt zu spielen.

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So könnte sich die Musik aus der Steinzeit angehört haben.

Knochenflöte

Thomas Gith

So könnte sich die Musik aus der Steinzeit angehört haben. Das älteste Instrument der Menschheit, die Knochenflöte, klingt erstaunlich intensiv - trotz ihres kleinen Volumens. Die heutige Wissenschaft und Musik kann sich dem Klang der Steinzeit nur nähern – und sie tun es mit großer Leidenschaft. Allein die Frage, ob die Knochenflöten mit oder ohne Rohrblatt gespielt wurden, ist seit Jahren heiß umstritten. Und das ist bedeutsam: Denn ein aufgesetztes Rohrblatt verändert den Instrumentenklang enorm.

Sprache aus Gesang

Auch die Fähigkeit zu singen und mit der Stimme zu musizieren, hatten schon die Vorfahren der modernen Menschen. Ein Teil der Forschung geht sogar davon aus, dass sich die erste menschliche Sprache aus Gesängen bildete. Etwa aus rhythmisch nachgeahmten Naturlauten, mit denen die Mitglieder innerhalb der Gemeinschaft kommunizierten. Später könnte diese Art Gesang in eine einfache Sprache gemündet sein.

Jugendlicher singt vor schwarzem Hintergrund

Kam das Singen tatsächlich vor dem Sprechen?

Doch die Theorien sind umstritten. Auch die Zeiträume, in denen sich Gesang und Sprache bildeten, sind unklar. Die Anfänge der Musik bleiben rätselhaft. Denn interessanterweise tauchen auch die nächsten steinzeitlichen Instrumente erst viele tausend Jahre nach den Knochenflöten auf: Es sind Schwirrplättchen. Handtellerlange und nach vorne spitz zulaufende Plättchen aus Geweih.

In seinem Büro in Berlin schwingt Adje Both solch ein nachgebautes Schwirrplättchen. An einer Kordel wirbelt er es durch die Luft. Sein natürlicher, windähnlicher Klang wirkt auf Dauer beruhigend. Auch der Musikarchäologe erlebt das so.

Schwirrendes Plättchen

Doch nach wie vor bleiben viele Fragen offen. Denn obwohl Knochenflöten rund 35.000 Jahre und Schwirrplättchen etwa 19.000 Jahre vor Christus auftauchten, könnten sie an weiteren Orten zu einem anderen Zeitpunkt oder sogar in einer umgekehrten Reihenfolge entstanden sein.

Stichhaltige Hinweise auf europäische Perkussionsinstrumente gibt es ebenfalls erst aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, erzählt Adje Both, der derzeit eine internationale Wanderausstellung zur Musikarchäologie konzipiert. In den Regalen seines Berliner Büros liegen dutzende nachgebaute Repliken von archäologischen Instrumenten. Darunter auch der Nachbau einer Keramiktrommel, die aus der Zeit um etwa 3600 vor Christus stammt.

Ausgrabungen in der "Hohle Fels"-Höhle in der Schwäbischen Alb

Ausgrabungen in der "Hohle Fels"-Höhle in der Schwäbischen Alb

In der frühen Jungsteinzeit begannen die Menschen in Mitteleuropa zu töpfern. Sie verarbeiteten Ton, brannten ihn in Öfen. Diese Technik wirkte sich unmittelbar auf die Instrumente aus: Die Keramiktrommeln entstanden genauso wie Rasseln und Gefäßflöten aus gebranntem Ton. In der nachfolgenden Bronzezeit tauchten dann Blasinstrumente aus Metall auf: Hörner und Trompeten. Die Musik- und Instrumentenentwicklung war damit abhängig vom technischen Stand einer Gesellschaft, sagt Adje Both.

Schläger und Bläser

Musik war also ein Teil des alltäglichen Lebens, unmittelbar verbunden mit den Lebens- und Produktionsweisen der damaligen Menschen. Je näher die Archäologie der Gegenwart kommt, desto komplexere Instrumente lassen sich nachweisen: Panflöten und Trompeten tauchen auf, genauso wie Harfen, Leiern und der Aulos:

Aulos spielender Jüngling, Schalenbild, Euaion, ca. 460–450 v. Chr.

Aulos spielender Jüngling, Schalenbild, Euaion, ca. 460–450 v. Chr.

Ein Blasinstrument aus zwei zylindrischen Melodierohren, die aus Knochen, Schilfrohr oder Holz, später auch aus Metall gefertigt wurden.

Musikwissenschaftlerin Olga Sutkowska von der Universität der Künste in Berlin hält die beiden langen Rohre des Aulos in den Händen. Auf den Spielrohren sitzen kleine Mundstücke, die so genannte Rohrblätter. Der Aulos, auf dessen Nachbau Olga Sutkowska spielt, stammt aus der hellenistischen Zeit Ägyptens. Also aus der Epoche von 332 bis 30 vor Christus, in der das heutige Ägypten unter griechischer Herrschaft stand.

Wie spielt man das?

Ab dieser Zeit hat es die Musikarchäologie leichter mit ihren Interpretationen. Denn nun tauchen zunehmend bildliche Darstellung auf: Wandmalereien und Vasenbilder zeigen nicht nur, welche Instrumente gespielt wurden – sondern auch, wer sie spielte und zu welchem Anlass sie erklangen.

Der zweite der beiden Hymnen an Apollo am Athenerschatzhaus in Delphi

Der zweite der beiden Hymnen an Apollo am Athenerschatzhaus in Delphi um 128 v. Chr.

Aus dem 6. Jahrhundert vor Christus stammen außerdem die ersten Noten. Rund 60 Notenfragmente der griechischen Antike sind bekannt, die meisten davon auf Papyrus geschrieben, einige in Stein gemeißelt. Sie ermöglichen es der Musikarchäologie erstmals, vergangene Musikstücke zu rekonstruieren - anders als das für steinzeitliche Musik möglich ist. Auf welchem Grundton die Notation basiert, ist jedoch genauso unbekannt wie das Tempo der Stücke.

Susanne Rühling vom Forschungsinstitut für Archäologie des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz hat gelernt, auf der Hydraulis zu spielen: Einer etwa kühlschrankgroßen, römischen Wasserorgel, die erstmals für das dritte Jahrhundert vor Christus belegt ist. Wie auch der Aulos ist die Hydraulis auf antiken Bildern häufig abgebildet.


Wasserorgelpumper werden angehalten, vorsichtiger zu pumpen (9. Jahrhundert)

Wasserorgelpumper werden angehalten, vorsichtiger zu pumpen (9. Jahrhundert)

Nachahmung von Ungewissem

Die Hydraulis, auf der Susanne Rühling spielt, ist ein Nachbau. Drei antike Originalfunde gibt es: Aus Griechenland, der Schweiz und dem heutigen Ungarn. Das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz hat sein Instrument anhand des ungarischen Fundes rekonstruiert - zusammen mit der Potsdamer Orgelbaufirma Schuke. Allerdings sorgt hier ein elektrischer und kein Wasserantrieb für den Luftdruck.

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Hyraulis

Thomas Gith

Susanne Rühling hat gelernt, auf der Hydraulis zu spielen: Einer etwa kühlschrankgroßen, römischen Wasserorgel, die erstmals für das dritte Jahrhundert vor Christus belegt ist.

Das Spiel auf nachgebauten archäologischen Instrumenten kann sich der ursprünglichen Musik nur annähern. Es vermittelt uns aber immerhin eine Idee der vergangenen Klänge und ihrer Funktion. Woran es keinen Zweifel gibt, ist, dass Instrumente und Musik stark von den Lebens- und Produktionsweisen der Menschen beeinflusst worden sind.

Und ihre Entwicklungslinien reichen teilweise bis in die Gegenwart: Denn Flöten, Trommeln und Orgeln spielen wir noch immer. Unsere heutige Instrumentenkultur reicht also bis in die Altsteinzeit zurück - auch wenn das Musikspiel und die Instrumente über die Jahrtausende komplexer geworden sind.