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Klimaschutz – made in USA Grüne Politik durch die Hintertür

Die Vereinigten Staaten sind nach der Volksrepublik China zweitgrößter Klimasünder der Welt. Aber auch in den USA wird grüne Energie zum wichtigen Wirtschaftsfaktor - selbst die US-Armee investiert massiv in Erneuerbare Energien. Im ganzen Land boomen lokale Klimaschutz-Initiativen. Doch das Wort Energiesparen geht vielen Amerikanern noch nicht leicht über die Lippen - und Erneuerbare Energien müssen sich gegen billiges Schiefergas behaupten.

Eine Wind-Turbine im Botanischen Garten in Washington

Klimaschutz in den USA - politisch schwer umzusetzen

Auf den Kongress in Washington kann Obama bei der Umsetzung einer klimafreundlichen Politik kaum zählen. Das US-amerikanische Parlament blockiert sich seit Jahren selbst. Deshalb gibt es in den Vereinigten Staaten keine Klimapolitik aus einem Guss. Trotzdem wird auch die größte Volkswirtschaft der Erde allmählich grüner.

Klimaschutz am Parlament vorbei

Barack Obama sucht nach Möglichkeiten, auch ohne den blockierten Kongress etwas zu bewegen und macht Klimapolitik durch die Hintertür – über seine Ministerien und mit Hilfe seiner Umweltbehörde EPA. Dazu kommt der Umweltschutz von unten: in den Bundesstaaten, den Counties und Kommunen gründen sich immer mehr Initiativen für mehr Klimaschutz. Kalifornien gilt dabei als einer der Vorreiter. Beispiele lassen sich aber nahezu überall finden – so auch in New Mexico, im Südwesten der USA.

Architekt Mark Chalom über die Lehmbauweise

Architekt Mark Chalom über die Lehmbauweise

Im Wüstenklima von New Mexico können beispielsweise dicke Lehm-Mauern Klimaanlagen überflüssig machen. Lehm ist ein sehr schwerer, dichter Baustoff. Wie Stein oder Beton kann er sehr gut Energie aufnehmen und speichern, indem er die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht jeweils erst stark verzögert an die Innenräume weiterleitet – so wirken die Mauern tagsüber kühlend, nachts geben sie Wärme ab. Mit den richtigen Baustoffen und der richtigen Ausrichtung zur Sonne kann man bis zu 85 Prozent des Heiz- und Kühlbedarfs eines Hauses abdecken.

Ride my Windrad, Texas

Erneuerbare Energien sind in den USA im Kommen, denn die natürlichen Voraussetzungen für die Erzeugung von Öko-Strom sind in den Vereinigten Staaten phantastisch.

Hydraulische Bohrung in Pennsylvania/USA

Hydraulische Bohrung in Pennsylvania/USA

Mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten verpflichten die Energieversorger, einen bestimmten Anteil ihres Stroms aus Erneuerbaren Energien zu beziehen – so auch Texas ganz im Süden der USA. Texas, das sind nicht nur Öl- und Gasquellen. Texas ist Windenergie: hier drehen sich Tausende Windräder. Texas ist der Windstaat Nummer Eins der USA.

Auch Konzerne wie Google, Walmart, Macy’s oder Campbell’s Soup erzeugen Solarstrom für den Eigenbedarf. Doch im Vergleich zu Kohle, Gas oder Kernenergie spielen Windkraft und Sonnenstrom in Amerika nach wie vor eine geringe Rolle. 2012 lag der Anteil von Solarstrom am US-Strommix bei mageren 0,12 Prozent.

Enorme Unsicherheit für Investoren

Solaranlage auf dem Dach des Santa Fe Community College

Solaranlage auf dem Dach des Santa Fe Community College

In den USA gibt es – anders als zuletzt in Deutschland – weder gesetzlich festgelegte Einspeisevergütungen für Ökostrom noch eine Abnahmepflicht der Energieversorger. Mal fließen Fördermittel für Öko-Strom, mal nicht. Das bedeutet große Unsicherheit für die Investoren. Außerdem müssen die erneuerbaren Energien am Markt mit billigem Schiefergas konkurrieren. Die umstrittene Fracking-Technologie hat in den USA einen ungeahnten Gas-Boom ausgelöst.

Klimaschutz scheint in den USA eher eine zufällige, aber willkommene Nebenwirkung einer Politik zu sein, die noch auf frühere US-Regierungen zurück geht und bei der ganz andere Ziele als der Klimaschutz im Vordergrund stehen: niedrige Energiepreise vor allem – und die Unabhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus dem Ausland. Darum wird die US-Gasindustrie seit Jahren gepäppelt. Die Regierung von George W. Bush hatte sie von vielen Umweltvorschriften befreit.

Bioethanolfabrik in Iowa

Bioethanolfabrik in Iowa

Das ging auf Kosten der Luft- und Wasserqualität, monieren Umweltschützer. Sie wollen Schiefergas nicht als Klimaretter feiern. Schließlich entwichen bei seiner Förderung immer wieder große Mengen Methan in die Atmosphäre und trügen zum Treibhauseffekt bei. So schwänden die Vorteile gegenüber der Kohle. Und: Billiges Gas bedeute auch: billigen Strom.

Energiesparen trotz Billig-Strom

Strom ist in den USA unschlagbar günstig – kein Wunder, dass bei Sommerhitze die Klimaanlagen in weiten Teilen des Riesenlandes auf Hochtouren laufen. Energieverschwendung ist die logische Folge der Billig-Strom-Politik. US-Präsident Obama will gegensteuern.
Strom soll zwar nicht teurer werden, das wäre in den USA politischer Selbstmord – stattdessen schreibt die Obama-Regierung der Industrie vor, sparsamere Elektrogeräte zu bauen.

Klimatisiertes Stadion im Fernsehen

Klimatisiertes Stadion im Fernsehen

Auch bei den heutigen Strompreisen könne das einen echten Unterschied für die Haushaltskasse vieler Amerikaner machen – nicht sofort, aber über die Jahre gesehen, sagt der US-Präsident. Je mehr Energie die US-Amerikaner sparen und je mehr sie auf Öko-Strom setzen, desto geringer der Schaden fürs Klima. Denn die Stromerzeugung aus Kohle- und Gaskraftwerken ist für rund ein Drittel der US-amerikanischen Klimagas-Emissionen verantwortlich.

Kohle hat in den USA keine Zukunft

Die Umweltbehörde EPA plant unter anderem, dass künftig jedes neue Kohlekraftwerk seine Klimagase einfangen und im Untergrund einlagern muss. Da das kaum wirtschaftlich ist, wird es in den USA auf absehbare Zeit wohl keine neuen Kohlekraftwerke mehr geben.

Flirrende Hitze über amerikanischem Maisfeld

Flirrende Hitze über amerikanischem Maisfeld

Das kann Präsident Obama auch ohne die Unterstützung des politisch blockierten Kongresses durchdrücken. Leider hängt diese Klimapolitik stark davon ab, wer gerade Präsident ist. Die USA haben sich durch kein internationales Abkommen zum Klimaschutz verpflichtet. Schon mit Amtsantritt des nächsten Präsidenten 2017 kann das Pendel in die andere Richtung ausschlagen.

E10 an einer Tankstelle in Iowa

E10 an einer Tankstelle in Iowa

Ähnlich viele Treibhausgase wie Kohle- und Gas-Kraftwerke setzt in den USA der Straßenverkehr frei – die Verkehrspolitik ist die zweite große Klimabaustelle. Erneuerbare Energien könnten möglicherweise auch da einen Beitrag leisten – in Form von Biosprit. Hier lohnt ein Blick in den Mittleren Westen der USA, nach Iowa. Denn Iowa ist ein "Biosprit-Staat". Dafür gibt es in den USA einen eigenen Markt, denn seit der Amtszeit des früheren Präsidenten George W. Bush müssen normalem Benzin wachsende Mengen Biosprit beigemischt werden. US-amerikanische Tankstellen bieten E10 an, wie die Tankstellen in Deutschland.

Sojapflanze und -bohnen

Sojapflanze und -bohnen

In Iowa wachsen Mais und Soja, soweit das Auge reicht. Und wie Wind und Sonne ist auch Biomasse eine Erneuerbare Energiequelle. Ob es den Klimawandel bremst, wenn US-Amerikaner Biosprit tanken, ist allerdings umstritten. Denn schon die Düngung der Maispflanzen auf dem Feld setzt Klimagase frei.

Kampf den Spritfressern

Noch besser als der umweltfreundlichste Treibstoff aber ist Treibstoff, der gar nicht erst verbraucht wird. Die Auflagen, die die Obama-Regierung der Automobilindustrie bereits vor einigen Jahren gemacht hat, sind darum ein echter Meilenstein. Hersteller im In-und Ausland müssen den Verbrauch ihrer Flotten deutlich senken. Am klimafreundlichsten ist es natürlich, wenn Leute ihr Auto in der Garage lassen. Die Hauptstadt Washington D.C. unterstützt ihre Bürger dabei.

Leihräder vor dem Weißen Haus

Leihräder vor dem Weißen Haus

So bewegen sich die USA langsam in Richtung einer klimafreundlicheren Zukunft. Grüne Energie ist auch in Amerika zum wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, selbst die US-Armee investiert massiv in Erneuerbare Energien. "Klimaschutz made in USA", das ist ein Puzzle aus vielen unterschiedlichen Teilen: Klimaschutz von unten – von Kommunen, Counties und Bundesstaaten, der Schiefergasboom, einzelne ehrgeizige Vorgaben der Bundesregierung.

Das selbst gesteckte Ziel, ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 im Vergleich zu 2005 um 17 Prozent herunterzufahren, können die Vereinigten Staaten so möglicherweise erreichen. Allerdings: gemessen an der Forderung, die weltweite Klimaerwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, müssen die US-Amerikaner deutlich mehr liefern. Dafür reicht es nicht, wenn der Präsident Klimaschutz durch die Hintertür betreibt, dafür muss langfristig auch wieder der Kongress mit ins Boot. Doch ein Anfang ist gemacht.

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