Bitte warten...
Rettungsschirm für die Erde?

Geoengineering Klimarettung mit Nebenwirkungen

Über der Erde ein Sonnensegel aufspannen, um ihr Kühlung zu verschaffen und damit die Erderwärmung zu stoppen. Das klingt nach einer utopischen, aber schönen Idee, wenn man es visualisiert. Solche Bilder werden häufig bemüht, um den Begriff Geoengineering zu veranschaulichen. Kritiker hingegen vergleichen diese technischen Methoden, mit denen man aktiv in das Klimageschehen eingreift, mit einer Atombombe. Dennoch - erste Feldversuche werden gerade vorbereitet.

"Wahnsinnig, absolut verrückt und extrem wahnhaft", das sagt der ehemalige US Vize-Präsident und Klimaaktivist Al Gore über Geoengineering. Weltweit arbeitet eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern daran. An den Forschungsergebnissen hat auch mittlerweile der amerikanische Geheimdienst Interesse. Die Debatte darüber gewinnt in den letzten Jahren an Fahrt.

Erste Feldversuche geplant

Selbst der Weltklimarat IPCC widmet sich dem Thema in seinen jüngsten Berichten. Vor ein paar Wochen hat die Nationale Akademie der Wissenschaften, die die amerikanische Regierung berät, einen Bericht vorgelegt, in dem sie explizit weitere Forschung empfiehlt, gegebenenfalls sogar kleine Feldversuche. Für Kritiker ist das ein Tabubruch. Der Havard-Wissenschaftler David Keith will nicht mehr länger am Computer das Klima manipulieren, sondern raus ins Feld:

Harvard-Wissenschaftler David Keith will mit Geoengineering die Welt retten

Harvard-Wissenschaftler David Keith will mit Geoengineering die Welt retten

Es ist ein sehr spannendes Problem, das sich im Kern mit der Beziehung des Menschen zur Natur beschäftigt, die mir sehr am Herzen liegt. Geoengineering fasziniert mich, auch technisch. Es sind so unterschiedliche Menschen, die sich damit beschäftigen. Umweltaktivisten, die denken, dass es total falsch ist, sich darauf überhaupt einzulassen und Leute, die sagen: Lass es uns am besten morgen schon machen. Wir haben hier eine gesellschaftliche Debatte über die Zukunft unseres Planeten.

Welt retten oder vernichten

Seit rund fünfundzwanzig Jahren treibt David Keith das Thema Geoengineering um. Mit seiner Technik kann der Havard-Wissenschaftler im besten Fall die Menschheit vor dem Klimawandel retten oder im schlimmsten Fall, "das Leben auf der Erde auslöschen". So formulierte er es selbst vor ein paar Jahren gegenüber dem US-Magazin New Yorker. Inzwischen scheint er derartige Weltuntergangsszenarien lieber zu meiden.

Die Hälfte seiner Arbeitszeit widmet er den Techniken zur Klimamanipulation. Unterstützt wird er von einem fünfzehnköpfigen interdisziplinären Forschungsteam: Ingenieure, Physiker, Völkerrechtler bis hin zu Politikwissenschaftlern. David Keith ist ein hagerer Typ, kurze rotbraune Haare, Bart, Brille mit silbernen Rahmen. Jemand, der auch mal in Trekkinghose einen Workshop leitet. Er ist gebürtiger Kanadier.


Ich bin in einer naturverbundenen Familie großgeworden, wir haben Vögel beobachtet und waren bis zu einem bestimmten Grad auch in der Umweltschutzbewegung aktiv. Mein Studium habe ich mit Physik begonnen, das hat mir wirklich Spaß gemacht, ich war gut darin, mit meinen Händen zu arbeiten.

Eine Gefahr für die Menschheit?

Jetzt will er Hand anlegen und nichts Geringeres, als das Weltklima retten. Seine favorisierte Methode: das sogenannte Solar Radiation Management. Das bedeutet nichts anderes als, im großen Stil Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu sprühen. Die Schwefelpartikel können Sonnenlicht ins Weltall reflektieren und auf diese Weise die Temperatur auf der Erde senken.

Aschewolke aus dem Vulkan Pinatubo

Aschewolke aus dem Vulkan Pinatubo - Vorbild für die "Klimaretter"

Die Natur hat es bereits vorgemacht: 17 Millionen Tonnen Schwefelpartikel schleuderte der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen 1991 in die Stratosphäre. Die Durchschnittstemperatur auf der Erde sank daraufhin um knapp ein halbes Grad. Bislang kühlt David Keith die Erde nur an seinem Rechner ab, mit Hilfe von Computermodellen. Immer wieder landen wütende E-mails im Postfach des Havard-Wissenschaftlers, in denen er als "Gefahr für die Menschheit" beschimpft wird. Zweimal bekam er Morddrohungen.

Die Menschen haben so eine Angst davor, warum lehnen sie es so sehr ab? Warum vermeiden sie es, genau hinzusehen und zu verstehen, was die Wissenschaft uns sagen will?

Nicht alles kann man simulieren

David Keith sieht sich in der Verantwortung. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten die Methoden nicht zumindest zu überprüfen, findet er. Mit wohl dosiertem Geoengineering könne man wertvolle Zeit gewinnen. Trotzdem sollten natürlich wie geplant die Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt werden. Seine bisherigen Forschungsergebnisse am Computer ermutigen ihn, raus ins Feld zu gehen. In seinen Simulationen würden sich die Regionen fast alle gleichmäßig abkühlen. Doch Computermodelle liegen oft falsch, sagt er.

Die Natur überrascht uns und der einzige Weg zu überprüfen, ob diese Technik am Ende zum Scheitern verurteilt ist, sind Experimente.


David Keith will einen Ballon aufsteigen lassen, der in rund 25 Kilometern Höhe Schwefelpartikel versprüht. Er will damit überprüfen, ob die Schwefeltröpfchen womöglich die Ozonschicht zerstören.

Die Auswirkungen dieses Experiments auf die Stratosphäre, wären mit einem einminütigen Flug eines normalen Passagierflugzeuges vergleichbar.

Klimaveränderung für militärische Zwecke

Seine Pläne stoßen bei vielen seiner Kollegen auf Kritik, auch wenn sie ihn als Wissenschaftler schätzen, wie die meisten betonen. Für den Physiker Alan Robock von der Rutgers Universität in New Jersey kommt der Feldversuch zu früh. Er hat 26 Gründe aufgeschrieben, warum Geoengineering eine schlechte Idee ist. Einer davon: Die Methode könnte auch als Waffe, zu militärischen Zwecken, missbraucht werden. Vor ein paar Jahren bekam er einen Anruf. Der amerikanische Geheimdienst war dran.

Die CIA wollte wissen, ob andere Länder unser Klima kontrollieren könnten und ob wir das bemerken würden. Meine Antwort war: Ja. Und ich bin mir sicher, dass sie auch gerne wissen wollten, ob sie selbst das Klima von anderen Ländern manipulieren können, aber das haben sie nicht gefragt.


Kampfflugzeuge gegen die Erderwärmung oder zur Beeinflussung des Klimas?

Kampfflugzeuge gegen die Erderwärmung oder zur Beeinflussung des Klimas?

Ob der Geheimdienst selbst Forschung betreibt, ist nicht bekannt. Auf Anfrage kommt keine Antwort. Zumindest hat er anteilig den Geoengineering-Bericht finanziert, den die Nationale Akademie der Wissenschaften in Washington kürzlich herausgebracht hat. Doch auch andere könnten großes Interesse an der Erdabkühlungstechnik haben.

Wenn man einmal mit Geoengineering angefangen hat, besteht die Gefahr, dass multinationale Konzerne die Kontrolle übernehmen und aus Profitgründen einfach damit weitermachen. Dann würde es vielleicht so etwas wie eine BP-Geoengineering- oder eine ExxonMobil-Geoengineering-Corporation geben. Würde man denen trauen?


Ernteausfälle durch Geoengineering?

Alan Robock hat unterschiedliche Szenarien am Computer durchgespielt. Auch seine Simulationen haben gezeigt, dass sich die globale Durchschnittstemperatur mit Hilfe von Geoengineering grundsätzlich abkühlen ließe. In einer seiner Studien stellte er allerdings erhebliche Nebeneffekte fest. Es besteht die Gefahr, dass der Sommermonsun beeinträchtigt wird.

Der ja eigentlich für Regen in Ländern wie Indien und China sorgt, die im hohen Maße von ihrer Landwirtschaft abhängen. Wir haben herausgefunden, dass die Niederschlagsmenge während des Sommermonsuns reduziert würde.


Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Klimaforscher der Universität Leeds in Großbritannien. In ihren Simulationen trocknet die afrikanische Sahelzone komplett aus und auch der indische Monsun wird beeinträchtigt, er könnte sogar unterbrochen werden.
Wie würde die indische Regierung reagieren, wenn Millionen Menschen hungern müssten, weil ein Land X das Klima manipuliert hat, in der Hoffnung die Erderwärmung zu bremsen? Internationale Konflikte wären vorprogrammiert. Deswegen sollte unbedingt ein Kontroll-Gremium für Geoengineering-Forschung gegründet werden, fordert Arunabha Ghosh, Direktor der indischen Denkfabrik Council on Energy, Environment and Water in Neu-Delhi:


Bevor irgendein Feldexperiment gemacht wird, muss es eine internationale Diskussion darüber geben. Geoengineering ist sehr gefährlich. Die geplanten Versuche könnten größer und größer werden. Solange es keine Regeln gibt, ist das schwer zu akzeptieren.

Forschung im Verborgenen

Bislang bekommt die Öffentlichkeit von derartigen Diskussionen kaum etwas mit. Deswegen ist es für den Direktor des Potsdamer Instituts für Nachhaltigkeitsstudien Mark Lawrence, der selbst Geoengineering-Forschung betreibt, langfristig vor allen Dingen wichtig…

…dass wir eine Kommunikation über die wissenschaftlichen Disziplinen hinweg bekommen, mit Teilnehmern aus der Politik und aus der Zivilgesellschaft, aus der breiten Öffentlichkeit. Dass wir dann einen klaren Austausch bekommen, dass wir einen wichtigen Schritt vorwärts machen und ein Netzwerk etablieren.


In den USA treibt David Keith seine Forschung voran. Er schreibt an seinem Antrag für seinen ersten praktischen Versuch, hoch oben am Himmel. Um zu testen, ob es langfristig möglich ist, die Erde künstlich abzukühlen, braucht er rund 10 Millionen Dollar.

Es ist wichtig, dass wir uns damit beschäftigen. Auch wenn es ein total chaotischer und schmerzvoller Prozess sein wird. Für mich scheint es sowohl große Risiken als auch Vorteile zu geben. Wir müssen Klarheit bekommen.

Emissionen reduzieren statt Klima manipulieren

Auch die Industrie hat Einfluss auf das Klima

Auch die Industrie hat Einfluss auf das Klima

Seit der Industrialisierung pustet der Mensch Kohlendioxid in die Atmosphäre, die Folgen sind bekannt. Was am Ende passiert, wenn das Klima ein weiteres Mal von Menschenhand manipuliert wird, kann keiner mit Sicherheit vorhersagen. Auch David Keith nicht. Das Klimasystem ist komplex. Jeder Eingriff birgt das Risiko, dass unvorhergesehene Dinge passieren, die neue Probleme nach sich ziehen – für Natur und Mensch. Der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Hans Joachim Schellnhuber hält am Plan A fest: Die Energiewende vorantreiben und Emissionen reduzieren:

Fenster abdichten, ein Elektroauto kaufen, weniger fliegen und so weiter. Das sind alles keine mirakulösen Lösungen, wir wissen was zu tun ist. Von Solar Radiation Management halte ich überhaupt nichts, das halte ich für den schlimmsten Humbug und im schlimmsten Fall hoch gefährlich.

Weitere Themen in SWR2