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Klimafarming Mit Landwirtschaft die Umwelt retten

Noch heizt die weltweite Landwirtschaft den Klimawandel an. Deutlich mehr sogar als der gesamte Auto- und Flugverkehr zusammen: Neben Kohlendioxid setzen gängige Landwirtschaftspraktiken vor allem die extrem klimaschädlichen Gase Methan und Lachgas frei. Die rasant wachsende Weltbevölkerung nimmt immer mehr Flächen unter Pflug – mit dramatischen Folgen für das Klima. Dabei könnte gerade in der Landwirtschaft auch ein Schlüssel für die Lösung des Klimaproblems liegen.

Liegt in der Landwirtschaft die Lösung für das Klimaproblem?

Liegt in der Landwirtschaft die Lösung für das Klimaproblem?

Bei der Photosynthese nutzen Pflanzen die Energie der Sonne, um aus Kohlendioxid und Wasser den Nährstoff Zucker zu produzieren und ihn fest in ihre Zellstruktur einzubauen. Dadurch entziehen sie der Atmosphäre das Treibhausgas CO₂. Pflanzen können also einen großen Teil der CO2-Emissionen, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen, aufnehmen.

Haltet den Kohlenstoff auf

In einem natürlichen Wald verrotten die Bäume, und der gesamte Kohlenstoff, der in der Biomasse gespeichert war, geht wieder als CO₂ oder Methan in die Atmosphäre. Diese Stufe kann man unterbrechen, indem man die Biomasse stabilisiert und zu Kohle oder Baustoffen verarbeitet.

Regenwürmer produzieren Humus

Regenwürmer produzieren Humus

Der Philosoph und Ökologe Hans-Peter Schmidt macht eine einfache Rechnung auf: ein Boden mit einer Fläche von hundert Quadratmetern und einem Humusgehalt von einem Prozent speichert rund 0,3 Tonnen Kohlenstoff, das entspricht etwa einer Tonne Kohlendioxid. Jedes Prozent mehr Humus speichert folglich eine weitere Tonne des Treibhausgases. Deutsche Bauern bewirtschaften insgesamt zwölf Millionen Hektar Fläche. Würden sie alle den Humusgehalt ihrer Böden um nur ein Prozent erhöhen, würde das die Atmosphäre um fast zehn Milliarden Tonnen CO₂ entlasten – das ist mehr als das Zehnfache des jährlichen Gesamt-Ausstoßes des Treibhausgases in Deutschland.

Erde rettet Luft

Stauden in der Permakultur über Andernach

Klimafarming ähnelt dem Konzept der Permakultur.

Klimafarming ist auf eine möglichst große Artenvielfalt angewiesen. Nur dann wachsen die Pflanzen in einem stabilen Ökosystem, das Stress durch Trockenheit, Hitze oder Schädlingsbefall widerstehen kann. In einem Ökosystem mit großer Artenvielfalt, sagt Hans-Peter Schmidt, werden chemische Spritz- und Düngemittel überflüssig. Das erfordert genaue Naturbeobachtung und viel Fingerspitzengefühl. Das Konzept des Klimafarming ähnelt der bereits vor Jahrzehnten entwickelten Idee der Permakultur und geht weit über die Anforderungen einer Bio-Zertifizierung nach EU-Richtlinien hinaus.

Lachgas ist Mist

Der Mineraldünger, den die konventionelle Landwirtschaft nutzt, ist ausgesprochen klimaschädlich. Bei seiner Herstellung wird viel Energie verbraucht, entscheidender ist aber, dass er Lachgas frei setzt, wenn Pflanzen die Nährstoffe des Düngers nicht vollständig verstoffwechseln.

Lachgas kommt unter anderem aus Misthaufen.

Lachgas kommt unter anderem aus Misthaufen.

Lachgas strömt auch aus Misthaufen und Lagerstätten für Düngemittel aus. Es ist fast 300mal so klimaschädlich wie CO₂, warnt Alexander Popp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Durch ein verbessertes Management in der Landwirtschaft können diese Emissionen durchaus verringert werden. Außerdem können durch tiefgründiges Pflügen, Umgraben oder ungeschützte Bodendecken während des Winters Wind- und Wassererosion besser angreifen, die Bodenstruktur gerät durcheinander, im Humus gebundener Kohlenstoff geht verloren. Eine Alternative dazu wäre die Winterbegrünung.

Wald mit Boden fort

Jedes Jahr werden derzeit bis zu 130.000 Quadratkilometer Wald vernichtet, meist, um dort Mais oder Soja in Monokultur anzubauen – als Futtermittel für Schlachttiere oder zur Gewinnung von Biokraftstoffen. Der Anteil der Entwaldung am globalen Treibhauseffekt wird auf bis zu 25 Prozent geschätzt. Dabei geht es nicht nur um den Kohlenstoff, den Bäume in ihren Zellen gebunden haben; auch in den Böden gesunder Wälder sind große Mengen von Kohlenstoff gespeichert.

Brandrohdung im Pantanal

Brandrodung im Pantanal

Werden in einem Wald zu viele Bäume gefällt oder gar ganze Flächen gerodet, gelangt Sauerstoff in die Erde, und Myriaden von Bodenorganismen setzen Kohlendioxid frei. Besonders klimaschädlich sind die gewaltigen Brandrodungen für Palmölplantagen, zum Beispiel in den indonesischen Torfwäldern. Denn Torf- und Moorboden enthält besonders viel Kohlenstoff.

Achtung, Pflanzung!

In den 80er Jahren bedrohte in Europa vor allem der saure Regen das Ökosystem Wald.

Verein Berwaldprojekt bei Pflanzarbeiten in Bayern

Verein Berwaldprojekt bei Pflanzarbeiten

1987 gründete Greenpeace das "Bergwaldprojekt". Freiwillige begannen in den Schweizer Alpen standorttypische Bäume zu pflanzen, Zäune gegen Wildverbiss aufzustellen, Wildbäche zu renaturieren oder Naturwiesen zu mähen. Steffen Wehner ist heute der Geschäftsführer des Projekts. Inzwischen koordiniert der Verein rund 70 Einsätze pro Jahr in Deutschland. Er finanziert sich aus Spenden und öffentlichen Geldern für den Naturschutz und hat gewichtige Partner gewonnen, darunter die Deutsche Bahn.

Auch in vielen anderen Weltregionen wurden ähnliche Initiativen gegründet: "Reforesting Scotland" beispielsweise, das sich die Aufgabe gesetzt hat, die weitgehend entwaldeten schottischen Highlands wiederaufzuforsten. Auch in England und Irland pflanzen Forstleute und Freiwillige Millionen Bäume, auf Madagaskar und in den von schweren Waldbränden zerstörten Regionen der westlichen USA.

Grüner Frieden

Alleine mit dem Bergwaldprojekt von Greenpeace haben in den letzten 20 Jahren rund 30.000 Freiwillige fast anderthalb Millionen Bäume gesetzt, haben hunderte Hektar Wald und insgesamt 13 Moore renaturiert. Sie haben Klimafarming praktiziert, ohne dass sie das je so genannt hätten.

moor

Das Große Moor in Niedersachsen

Auch Moore sind wichtige, natürliche Kohlenstoffsenken. Sobald sie entwässert werden, setzen sie große Mengen klimaschädlicher Gase frei. Vielen Verbrauchern ist nicht bewusst, dass Blumenerde zu fast 95 Prozent aus den Mooren kommt, wo der Torf abgebaut wird, und das hat dramatische Folgen auch für die Natur und fürs Klima. Wer klimafreundlich gärtnern will, sollte einen Bogen um die oft sehr billige Blumenerde machen, die in Supermärkten und Baumärkten angeboten wird, und stattdessen nach torffreien Produkten Ausschau halten. Klimaschonende Ersatzsubstrate werden z.B. aus Bambus, Hanf oder dem Riesen-Chinaschilf Miscanthus hergestellt.

Die eigene Verantwortung als Gärtner

Gemüse aus der agrarindustriellen Produktion, wie es in Supermärkten gewöhnlich verkauft wird, wird inzwischen häufig auf Torf angebaut. Solange Naturtorf noch billig aus den baltischen Staaten importiert werden kann, die dafür ihre Moorflächen ruinieren, wird das wohl so bleiben. Im Hobbygarten haben Torf und damit versetzte Blumenerde allerdings nichts zu suchen: Torf hat einen sauren PH-Wert und ist damit für die meisten Pflanzen nicht geeignet.

Torffreie Erde trägt zum Klimaschutz bei. (Foto: NABU/Hans Streicher)

Torffreie Erde trägt zum Klimaschutz bei. (Foto: NABU/Hans Streicher)

Etwa neun Millionen Kubikmeter Torf werden in Deutschland Jahr für Jahr verbraucht. Immerhin ein Viertel davon wandert in die über eine Million deutschen Kleingärten. Für diese Hobbygärtner hat die Autorin und Mitbegründerin der taz, Ute Scheub, das wahrscheinlich erste Buch über Klimagärtnern geschrieben. Der kleine Garten hinter ihrem Einfamilienhaus in Berlin-Dahlem ist ihr Testfeld. Trotz des schwierigen Bodens hat Ute Scheub es geschafft, ihren Garten zum Blühen zu bringen.

Die Welt braucht schwarze Erde

Ein Terra Preta Workshop in einem Leipziger Gemeinschaftsgarten. Etwa 30 urbane Gärtner aus Ostdeutschland und Berlin umringen den ehemaligen DDR-Pflanzenforscher Jürgen Reckin. Terra Preta lässt sich aus jeglicher Biomasse herstellen, Jürgen Reckin gewinnt sie aus Holz.

Terra Preta im Amazonas Gebiet

Terra Preta im Amazonas Gebiet

Bei der Analyse der Terra Preta Böden Amazoniens stellte sich beispielsweise heraus, dass die Böden teilsweise mehrere tausend Jahre alt waren und aus Exkrementen und Essens- oder Ernteabfällen bestanden, die prähistorische Indianer mit Pflanzenkohle vermischt hatten. Wahrscheinlich haben die Bewohner Amazoniens große Tongefäße als eine Art Komposttoilette genutzt und den Inhalt dann mit Holzkohle- und Ascheresten aus ihren Herdfeuern bestreut. In den letzten Jahren hat die Wiederentdeckung der Terra Preta Männer und Frauen begeistert, denen die nachhaltige Entwicklung der Menschheit in Zeiten des Klimawandels am Herzen liegt. Auf die richtige Mischung kommt es an, wenn man Schwarzerden herstellen will, ob im Leipziger Gemeinschaftsgarten oder auf einem Weinberg im Wallis.

Das Komposthäufchen im eigenen Garten reicht nicht aus um den Treibhauseffekt auszubremsen. Aber eine intelligent veränderte Landwirtschaft, welche die Belange des Klimaschutzes weltweit an erste Stelle setzt, kann eine wesentliche Stellschraube gegen den menschengemachten Klimawandel sein.

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