Bitte warten...
Ein Herz mit einer EKG Linie im Vordergrund

Kaum größer als eine Vitamintablette Die Kardiokapsel

Winzig kleiner Herzschrittmacher

Das Herz schlägt unregelmäßig, mal zu schnell oder zu langsam, was vielen Betroffenen Angst macht. Häufig geht diesen Rhythmusstörungen eine Unterversorgung der Herzmuskelzellen mit Sauerstoff voraus, die durch einen Herzinfarkt, eine Herzschwäche oder Bluthochdruck ausgelöst worden sein kann. Die Gründe für Herzrhythmusstörungen sind vielfältig. Und in all diesen Fällen kann mit einem Herzschrittmacher geholfen werden. Mehr als 75.000 Mal werden sie in Deutschland implantiert – die Bilanz nur eines Jahres. Das kleinste Gerät ist dabei gerade mal so groß wie eine Tablette.

Herzschrittmacher und ihre Problemzonen
Herkömmliche Geräte haben in etwa die Größe einer Streichholzschachtel. Sie werden in einer Gewebetasche unterhalb des Schlüsselbeins implantiert. Von dort aus führen spaghettilange Elektroden zum Herzen, die es elektrisch stimulieren. Aber die Elektroden eines Schrittmacher-Systems sind letztlich die große Schwachstelle, sagt Dr. Christian Veltmann von der medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Elektroden, welche ins Herz führen, können auch Bakterien einen Zugang ermöglichen und so Herzklappenentzündungen verursachen. Außerdem müsse man mit Isolationsschäden rechnen und das Gerät unter Umständen ausgetauscht werden.

Die kleine Kapsel im Herzen
Warum nicht einen Schrittmacher nehmen, der direkt im Herzen eingesetzt werden kann und deswegen keine Kabel braucht? Bisher scheiterte die Idee an der schieren Größe der Geräte, denn sie müssen dazu in die Herzkammer hinein. Mit der sogenannten „Kardiokapsel“ gibt es nun tatsächlich so einen Winzling. Kaum größer als eine Vitamintablette, wird sie direkt in der rechten Herzkammer verankert. von dort gibt sie den Strom direkt an die Herzspitze ab. So soll dafür gesorgt werden, dass sich das gesamte Herz erregt und zusammenzieht. So habe man alles in einem, sagt Prof. Johann Bauersachs von der MHH.

Zwei Ärzte führen eine Operation durch

Ärzte bei einer Operation

Über das Bein in die Brust
Relativ einfach ist auch der Einsatz der Minikapsel. Die OP erfolgt bei örtlicher Betäubung über die Beinvene. Von dort aus wird der Winzling bis ins Innere der rechten Herzkammer geschoben. Widerhaken ausklappen, fertig. Gerade mal 40 Minuten dauert die Prozedur. Programmiert wird das Gerät drahtlos von außen. Mit zehn Jahren hält die integrierte Batterie genauso lange wie beim großen Bruder. Außerdem bleibt einem die Narbe an der Brust erspart. Viel entscheidender sei aber, dass man auch bestimmte Patienten behandeln kann, die mit normalen Schrittmachern gar nicht oder nur sehr aufwendig versorgt werden können, meint Bauersachs.

Klein aber auch kostspielig
So hatte die erste Patientin, die dieser Tage in der Medizinischen Hochschule Hannover mit dem weltweit kleinsten Herzschrittmacher versorgt wurde, eine angeborene Gefäßverengung. Der Versuch, ihr einen normalen Schrittmacher einzusetzen, war in einer anderen Klinik gescheitert. Nach Einschätzung der Ärzte wird die Minikapsel vorerst nur einem kleinen Kreis von Empfängern vorbehalten bleiben, die mit konventionellen Geräten nicht versorgt werden können – allein schon wegen des hohen Preises: Ein normaler Schrittmacher kostet 800 Euro. Die „Kardiokapsel“ hingegen knapp 8000 Euro. Der neue Schrittmacher würde von den Krankenkassen bisher eher zurückhaltend subventioniert, sagt Dr. Veltmann.

3D-Animation: Kardiokapsel im Herzen

3D-Animation: Kardiokapsel im Herzen. (c) Medtronic GmbH

Für jeden sinnvoll?
Neben Hannover wird der Schrittmacher in sieben weiteren Klinken implantiert, darunter auch in Mainz. Bis zum Jahresende sollen weitere Kliniken folgen. Trotzdem bleibt der Kreis der potentiellen Empfänger klein. Der Grund: Die Kardiokapsel kann ausschließlich in der rechten Herzkammer stimulieren. Nur noch zehn Prozent der Patienten in Deutschland bekommen heute einen so genannten Ein-Kammer-Schrittmacher, der in der rechten Herzkammer stimuliert.
Konventionelle Schrittmacher können heute drei Herzkammern mit Hilfe ihrer Elektroden stimulieren. Ein Defibrillator ist auch noch an Bord. Das alles kann die winzige Kardiokapsel nicht. Doch die Entwicklung geht voran: Derzeit arbeitet der Hersteller an Minikapseln, die in verschiedenen Kammern untergebracht sind und drahtlos miteinander kommunizieren, um die Stimulation des Herzens abzustimmen. Billiger dürfte das Ganze aber wohl nicht werden.

Weitere Themen in SWR2