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Kleiderei

"Die Kleiderei" Klamotten leihen statt kaufen

Wie würde die Welt wohl aussehen, in der wir uns nicht ständig neue Kleidung kaufen müssten, und in der wir kaum noch etwas wegwerfen würden? Pola Fendel und Tekla Wilkening wollen weder auf Mode, noch auf Marken verzichten. Was sie hingegen nicht mehr möchten, ist gedankenloser Konsum. In ihrer "Kleiderei" kann man sich vor allem Alltagstaugliches ausleihen.

Vom Rock bis zum Mantel, von der Bluse bis zum Blümchenkleid finden sin in der "Kleiderei". Darunter finden sich preiswerte Stücke, genau wie ausgefallene Designerentwürfe. In einem Abo-Prinzip bekommt man pro Monat ein Paket mit vier Kleidungsstücken darin, die man sich selbst auf der Website aussuchen kann. Alternativ dazu kann man auch einen Fragebogen ausfüllen und sich dann ein Überraschungspaket packen lassen.

Ausgewählt werden kann aus ungefähr 1000 Stücken, darunter viele Vintage-Schätze, und weitere Stücke aus Jungdesigner-Kooperationen. Die studierte Bekleidungsingenieurin und die bildende Künstlerin kamen während ihres Studiums zufällig auf die Idee, einen Kleiderverleih auf die Beine zu stellen. Als Vorlage diente das Prinzip der Bücherei.

Hälfte wird weggeworfen

Laut Angaben der Deutschen Modeindustrie gibt ein Durchschnittshaushalt rund 800 Euro pro Monat für Mode, Schuhe und Accessoires aus. Macht rund 26 Kilo an Kleidung pro Kopf im Jahr. Die Hälfte davon landet laut Statistik im Mülleimer. Vieles wird selten bis gar nicht getragen. Eine Materialfülle, die nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt belastet.

Von dem Erfolg waren die beiden Kleiderei-Gründerinnen Pola Fendel und Tekla Wilkening sogar selbst überrascht

Von dem Erfolg waren die beiden Kleiderei-Gründerinnen Pola Fendel und Tekla Wilkening sogar selbst überrascht

Ein Bewusstseinswandel zeichnet sich dennoch ab, meint Pola Fendel. Vom Erfolg ihres Projekts waren die beiden Studentinnen dennoch überrascht. Zu Beginn sahen sie es einfach als Projekt und hatten nicht damit gerechnet, dass sie es irgendwann – so wie jetzt – hauptberuflich machen würden.

Leihen statt kaufen

Ganz neu ist die Idee nicht. Jahrtausendelang haben verschiedenste Kulturen auf der ganzen Welt vom Tauschhandel gelebt oder von verschiedenen Leihsystemen profitiert. Und Tauschringe, Second hand Läden und Gib und Nimm-Märkte gibt es schon länger.

Vor allem das Teilen über das Internet belebt das Thema neu. Einer Studie von Harald Heinrichs von der Leuphana Univerität Lüneburg zufolge ist bereits jeder zweite Deutsche ein Teil der "Sharing Economy".

Während die Konsumkurve unserer Gesellschaft einerseits immer noch ansteigt, zeigt sich die Gegenbewegung immer häufiger in vielen Bereichen des Alltags

Während die Konsumkurve unserer Gesellschaft einerseits immer noch ansteigt, zeigt sich die Gegenbewegung immer häufiger in vielen Bereichen des Alltags

Organisation des Teilens

Insbesondere die jüngere Generation habe die Vorteile einer Ökonomie des Teilens entdeckt und belebt sie dank der Internettechnologie wieder. Der Konsum-Soziologe Kai-Uwe Hellmann von der TU Berlin führt dies auf die Art der Plattform zurück, denn durch die Vernetzung im Internet ist die Organisation von Tauschgeschäften in einem großen Umkreis überhaupt erst möglich geworden.

Weniger besitzen, bewusster konsumieren. Mit anderen teilen. Das ist nicht jedermanns Sache. Doch während die Konsumkurve unserer Gesellschaft einerseits immer noch ansteigt, zeigt sich die Gegenbewegung immer häufiger in vielen Bereichen des Alltags. Laut dem Time Magazin ist der geteilte Konsum eine der zehn großen Ideen, die die Welt verändern könnte.

Utopie des Teilens?

Doch was haben Car-Sharing, Kleidertauschringe-, Verleihe, Couchsurfing, Airbnb, und sogar Jobsharing gemein? Waren, Gegenstände und sogar Leistungen werden geteilt, ausgetauscht oder gemeinschaftlich genutzt. Konsumsoziologe Kai-Uwe Hellmann sieht darin einen wichtigen Trend, der vermutlich noch weiter zunehmen wird.

Zwei Drittel der Kundinnen kaufen seit der Anmeldung bei der Kleiderei wenig bis gar keine neue Kleidung mehr

Zwei Drittel der Kundinnen kaufen seit der Anmeldung bei der Kleiderei wenig bis gar keine neue Kleidung mehr

Mit der Idee des Teilens alle zu erreichen, das klingt zunächst nach einer Utopie. Die Realität zeigt deutlich, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor durch Konsum und den persönlichen Besitz definiert.

Überraschender Erfolg

Und dennoch nimmt die Idee an Fahrt auf. Eine Umfrage unter den Kundinnen der Kleiderei, zu denen erfolgreiche Geschäftsfrauen in Führungspositionen genauso gehören, wie Schüler-, Freiberufler- und Studentinnen, hat Überraschendes offenbart: Denn zwei Drittel kaufen seit der Anmeldung bei der Kleiderei wenig bis gar keine neue Kleidung mehr.

Bei der Mode zum mieten geht es aber um noch etwas anderes, und zwar darum, den eigenen Stil zu finden. Dafür eignet sich das Experimentieren mit der Kleiderei bestens.

Zahlreiche Plattformen

Wer neugierig geworden ist oder im Schrank einfach nur mal wieder Platz schaffen möchte, findet im Internet darüber hinaus zahlreiche Plattformen: Vom Kleiderverleih und Mode zum Mieten bis zum Kleidertausch ist alles dabei.

Fehlkäufe oder gut erhaltene Designerstücke können übrigens auch gespendet werden. Damit ist der Umwelt geholfen und der Erwerb war nicht gänzlich umsonst.

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