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Familien im Notstand Kinderarmut in Deutschland

Jedes siebte Kind in Deutschland lebt in Armut und das seit Jahren. Der Wille in Politik und Gesellschaft fehlt, alles, was möglich ist, für alle Kinder zu tun. Das halbherzige Bildungspaket der Familienministerin ist gescheitert. Hinzu kommt die steigende Jugendarbeitslosigkeit in der Eurokrise. Die Frage nach einer Perspektive für junge Menschen wird immer lauter. Zum Glück gibt es helfende Organisationen und ehrenamtlich Engagierte.

Junge mit Fußball vor tristem Hintergrund

Kinder im sozialen Abseits


Was braucht ein Kind? Drei Mahlzeiten am Tag, darunter ein warmes Essen. Einen ruhigen Hausaufgabenplatz. Die Möglichkeit, Freunde einzuladen. Zugang zum Internet, Spielzeug und Bücher. Ein Fahrrad, die Möglichkeit zur Teilnahme an Sport. Gelegentlich ein neues Kleidungsstück. Mindestens zwei paar Schuhe.

Jedes siebte Kind in Deutschland gilt als arm

Wer das nicht haben kann, gilt als arm. Und das sind fünfzehn Prozent aller Heranwachsenden in Deutschland. Sie leben auf oder unter dem Niveau von Hartz 4, so die Statistik der Bundesagentur für Arbeit, und das seit Jahren.

Ein Kind schaukelt vor einem Hochhaus in Meschenich bei Köln (Aufnahme vom 03.02.2010).

Sozial benachteiligte Kinder - auch ein Thema in Deutschland

Man spricht von relativer Armut - im Gegensatz zur existenziellen Armut etwa in Entwicklungsländern. In einem wohlhabenden Land bedeutet arm, dass man am Lebensstil und Lebensstandard der breiten Mehrheit nicht teilhaben kann. Wer sich einen minimalen Konsum nicht leisten kann, keine Fahrkarten, keine Unternehmungen. Oder nur mit größter Mühe.

In der Regel gilt das Elterneinkommen als Maßstab

Traditionell verläuft die Armutsgrenze bei 50 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens, dieser Satz liegt etwas über Hartz 4. Die Armutsgefährdung beginnt laut EU-Kommission schon bei 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens.

Formular für Arbeitssuchende der Arbeitsagentur

Kindergeld, Kinderzuschlag, Hartz 4, Elterngeld, Bildungspaket


Das Bundesverfassungsgericht stellte bereits im Frühjahr 2010 fest, Hartz 4 oder Minilöhne reichen nicht für den sogenannten "kinderspezifischen Bedarf" und gerechte Entwicklungschancen aus. Deshalb entstand das sogenannte "Bildungs- und Teilhabepaket" von Ministerin Ursula von der Leyen.

Neben der bürokratischen Hürde der regelmäßigen Antragsstellung unter mehreren Anläufen bedeuten diese Hilfen jedoch für viele Familien oft nur kleine Zuschüsse zum Kita- oder Schulessen. Für Teilhabe an Musik- oder Sportveranstaltungen gibt es maximal 10 Euro monatlich, viele Kurse kosten jedoch mehr und der Restbetrag kann von den Familien nicht aufgebracht werden.

Außerschulische Hilfen kommen oft nicht an

Im Bereich der außerschulischen Hilfen sind auf diese Weise nicht mal die Hälfte der Gelder des Bildungspaketes abgerufen worden. Viele Kommunen nutzten die übrig gebliebenen Mittel für andere Zwecke. Da der Bund das Bildungspaket finanziert, nutzten manche Kommunen es für Einsparungen. Sie zahlten etwa bisherige freiwillige Hilfen für Schule und Freizeit nicht mehr aus und verwiesen die Familien auf das Bildungspaket. Das ergaben Erhebungen der Caritas Baden-Württemberg in ihren Beratungsstellen.

Das Ergebnis ist für arme Familien manchmal schlechter als zuvor. Die Kosten für Schul-Mittagessen von etwa 20 Euro monatlich übernahmen manche Kommunen vorher komplett, jetzt gibt es aus dem Bildungspaket nur einen Zuschuss von 3 Euro. Und: es outet die Kinder, sagt Ulrike Lehnis, Juristin bei der Caritas Rottenburg Stuttgart. Die Kinder leiden unter der Armut ihrer Eltern, wenn sie diese an vielen Stellen nachweisen müssen, ist das stigmatisierend.


Ein elfjähriger Junge auf dem Balkon seiner Wohnung in Köln-Ossendorf

Ein elfjähriger Junge auf dem Balkon seiner Wohnung in Köln-Ossendorf


Die regionalen Unterschiede sind groß

Während in Bayern nur jedes vierzehnte Kind Hartz 4 bekommt, ist es in Berlin jedes dritte. Fachleute fordern deshalb, die staatlichen Leistungen für Familien regional angepasst zu berechnen. Gemeint ist unter anderem auch die Diskussion um eine Grundsicherung für Kinder. Schon lange gibt es den Vorschlag, für jedes bedürftige Kind und jeden Jugendlichen pauschal 500 Euro monatlich bereitzustellen - für Lebensunterhalt und Bildungskosten. Dann könnten viele kleinschrittige Zuwendungen an Familien entfallen. Ohnehin prüft die Bundesregierung derzeit viele "Familientransfers" auf ihre Wirkung hin.


Kinderarmut

Kinderarmut in Deutschland

Das Elterneinkommen ist nur ein Indikator, sagt Jugendforscher Hans Bertram. Kinder brauchen - neben materieller Sicherheit - aber auch Fürsorge, Spielräume, Freunde und gute Lernsituationen, um sich zu entwickeln. Er hat für Unicef den konkreten Kinderalltag in Europa untersucht. Und Deutschland als reichstes Land Europas sorgt nach der Unicef-Studie nur mittelmäßig für seine Kinder und lässt zu viele in Armut zurück.


Die psychologischen Folgen anhaltender Kinderarmut

Am schlimmsten sei die Resignation. Wer längere Zeit das Gefühl von Misserfolg hat, wer mit deprimierten, hoffnungslosen Eltern lebt, von Gleichaltrigen ausgegrenzt wird, weil er nicht mithalten kann, wird verzagen. Jedes Kind will in erster Linie erfolgreich sein. Ohne die Möglichkeit hierzu wird es sich eine eigene Welt suchen, in der es Anerkennung finden und eigene Werte bilden kann. Gibt man einem Kind oder Jugendlichen das Gefühl, es gehört nicht dazu und es ist zusätzlich auch egal, ob es dazu gehört, so wird es die Gesellschaft für sich persönlich abschreiben.

Materielle Armut und Bildungsarmut gehen Hand in Hand.

Und so auch seine Bildungsanstrengungen. Eine Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt hat arme Kinder seit 1998 begleitet. Die Ergebnisse bestätigen, dass Armut die kindliche Entwicklung auch in einem reichen Land massiv beeinträchtigt.
Die bildungspolitisch orientierte Bertelsmann-Stiftung empfiehlt darum eine Ausbildungsgarantie in staatlich geförderten Unternehmen oder Ausbildungsstätten. Sie könnte nicht nur den Fachkräftemangel beheben, sondern auch persönliche Perspektiven schaffen.


Schlagzeilen der Finanzkrise

Jedoch, 5,5 Millionen junge Leute zwischen 14 und 25 Jahren sind aktuell in Europa arbeitslos. In Irland liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 30 Prozent, in Griechenland bei fünfzig. In Italien bricht das traditionelle Konzept der Familiensolidarität zusammen.

Viele junge Europäer geraten derzeit in eine Situation der Perspektivlosigkeit. Kinder erleben, dass ihre Eltern von heute auf morgen arm werden. Von der heranwachsenden Generation wird zusätzlich erwartet, den Lebensstandard einer relativ großen Bevölkerung sichern zu können, ohne dass sie selbst die gleiche Zahl hat. Jeder ist gezwungen, mehr zu leisten.

Atomgegner vor einem großen Merkel-Plakat: "Klug aus der Krise"

Folgen der Eurokrise?

Wer hilft in der Krise?

Stellt die Eurokrise auf Dauer nicht nur den Lebensstandard der Erwachsenen, sondern auch die Teilhaberechte der Kinder infrage, die europäische Nationen für ihren Nachwuchs entwickelt haben? Und Solidarität mit den Armen, eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten – das scheint in Zeiten der Krise ein frommer Wunsch.

Doch es gibt Organisationen, die sich konkret um arme Menschen in Deutschland kümmern: die Hilfswerke der Kirchen wie Diakonie und Caritas, die Arbeiterwohlfahrt und andere. Sie erleben vor Ort, wie die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland größer wird, auch bei den Kindern. Ehrenamtliche Mitarbeiter und Engagierte nutzen jede Möglichkeit, zu helfen.

Ehrenamtlichen Projekten fehlt das Geld

Ein Beispiel hierfür ist das Berliner Familienzentrum FIZ. Der gelbe Container mit rotem Schriftzug steht auf dem Hof einer Grundschule. Von dort kommen Kinder zur Hausaufgabenhilfe ins FIZ. Sie müssen nichts zahlen für die Freizeitangebote des FIZ. Viele leben von staatlicher Unterstützung. Die Eltern, darunter viele Migranten, können sich beim Frauenfrühstück oder in der Vätergruppe treffen und in die Sozialberatung kommen. Ein sogenanntes niedrigschwelliges Angebot, das sich weitgehend durch die Arbeit von Ehrenamtlichen trägt. Aber auch Eltern engagieren sich im Familienzentrum.

Das Familienzentrum FIZ gibt es seit 5 Jahren. Es wird von der EU gefördert, gilt als gelungenes, kieznahes und niederschwelliges Pilotprojekt. Doch die EU-Fördergelder laufen im Dezember 2012 aus. Kurzfristig wird man sich behelfen können, aber ob sich das Projekt langfristig retten lässt, ist unklar. Was wird aus dem kleinen gelben Container mit Frühstücks- und Bastelraum, Mütter- und Väterkreis, den vielen Ehrenamtlichen und begeisterten Kindern?

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