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Was Kinder über Politik wissen Schmunzeltag statt Bundestag

Es sind überraschende Perspektiven, die Kinder auf die Welt haben. Besonders, wenn es um Ereignisse und Zustände geht, die sie zunächst nicht ganz verstehen oder von denen sie nur am Rande etwas mitbekommen. So haben Kinder ihre ganz eigene Perspektive auf Politik: Sie kennen die Kanzlerin und die deutsche Flagge, aber die Funktionsweise des Bundestages erschließt sich ihnen noch nicht. Interesse ist durchaus da: die Politik muss nur mit ihrem Leben zu tun haben.

Draussen spielende, sich freuende Kinder.

Kinder kommen überall mit Politik in Berührung

Bis zur Einschulung werden Kinder nicht systematisch das politische Geschehen im Land herangeführt. Von anderen Teilsystemen bekommen sie etwas mehr mit: zum Beispiel von der Wirtschaft, in der ihre Eltern arbeiten, von der Religion, falls ihre Familie sie praktiziert, von der Kultur, die sie über Bücher und Filme wahrnehmen, vom Sport, den sie selbst treiben und im Fernsehen sehen. Der Taktgeber für viele dieser Bereiche – die Politik – bleibt ihnen anscheinend länger verborgen. Könnte man denken. Denn schon früh kommen Kinder immer wieder mit Politik in Kontakt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dem sind Wissenschaftler seit Jahrzehnten auf der Spur.

Erste Berührungspunkte

Im Kindergarten ist die Politik weit weg. Hier zählen die Spielkameraden, der Fußball, die Star-Wars-Sammelkarten. Zu Hause sind es die Eltern, das Fahrrad, die Lieblingssendung im Fernsehen. Es ist wenig überraschend, dass politische Themen im engeren Sinn dabei keine Rolle spielen. Und Eltern werden eher selten mit Fragen dazu konfrontiert. Dabei machen sich Kinder durchaus bereits früh ein Bild von der Welt – und auch eins von der Politik, ohne dass sie diesen Begriff dabei bereits kennen würden. Die Wiesbadener Politikwissenschaftlerin Dr. Meike Vollmar hat sich mit dem politischen Wissen von Kindern beschäftigt.

Ein junge überquert mit seinem Fahrrad eine stark befahrene Straße

Fahrradwege haben auch mit Politik zu tun

Sie sagt: Kinder begegnen schon früh dem Politischen - auf der Straße, wenn sie Wahlplakate oder Demonstrationen sehen; zu Hause, wenn sie ihre Eltern über Politik reden hören; wenn sie älter sind, auch durch zielgruppengerechte Fernsehsendungen wie "logo" im Kika oder "Neuneinhalb" im Ersten. Zum Teil bekommen sie unmittelbare Auswirkungen politischer Entscheidungen auch hautnah mit, etwa wenn es nicht genug Kindergartenplätze gibt, die Grundschule zu weit entfernt liegt oder die Mutter keinen Job findet.

Impulse geben

Bei Kindern reichen schon kleine Anstöße, damit sie sich für ein Thema interessieren. Es muss nur ihren eigenen Lebensbereich betreffen. Im Alter von fünf oder sechs Jahren fehlt Kindern allerdings noch der Sinn dafür, hinter dem Bau eines Spielplatzes oder dem Abriss einer Turnhalle eine konkrete politische Entscheidung zu vermuten. Für sie existieren die Auswirkungen von Politik und deren Urheber noch weitgehend getrennt voneinander. Und so können viele von ihnen zwar einzelne Personen benennen, aber nicht sagen, was eigentlich deren Aufgabe ist. Da wird dann der Bundestag schon mal zum "Schmunzeltag".

Personen und Symbole

Deutschlandflagge auf dem Deutschen Reichstag

Die Deutschlandflagge kennen die meisten

Kinder vereinfachen den politischen Prozess für sich, indem sie zunächst politische Personen wahrnehmen, zum Beispiel die Bundeskanzlerin, die medial sehr präsent ist. Trotzdem erscheint Angela Merkel für Vorschulkinder zunächst nur als eine relativ alte Frau, die aus vorgefahrenen Autos steigt, Hände schüttelt und in Mikrofone spricht. Ihre tatsächliche Funktion erschließt sich den Kindern noch nicht. Auch politische Symbole wie die Nationalflagge sind ihnen bekannt, vor allem im Zusammenhang mit Sportwettbewerben wie etwa einer Fußball-Weltmeisterschaft hat fast jedes Kind im Vorschulalter schon mal die deutsche Fahne gesehen.

Gefühle sind die Brücke

Nicht jede einzelne kleinere Beobachtung, die Kinder in ihrer Entwicklung machen, führt zu Fragen nach dem großen Ganzen. So kommt es zum Beispiel vor, dass Kinder im Wahlkampf Werbeplakate für Politiker und Parteien in der Öffentlichkeit zwar sehen, zu ihnen aber erst nach einiger Zeit einen Anknüpfungspunkt finden. Ebenso nehmen sie Gespräche zwischen den Eltern über politische Fragen eher nebenbei wahr; diese tragen aber trotzdem dazu bei, dass sich ihr Wissen vergrößert. Aber nicht nur Fakten werden ihnen auf diese Weise vermittelt: Durch das Verhalten der Eltern lernen sie zunächst Affekte, also positive oder negative Einstellungen gegenüber Parteien und Politikern.

Viele Einflussfaktoren

Kanzlerin Merkel interviewt einen Jungen

Angela Merkel kennen viele Kinder

Kinder verstehen oft mehr, als Erwachsene ihnen zutrauen. Dabei lässt sich die Frage, was Kinder über Politik wissen, pauschal gar nicht beantworten. Denn die Unterschiede im Wissensniveau hängen von vielen Variablen ab: etwa vom Alter, vom sozioökonomischen Umfeld der Kinder, vom Wohnort, vom politischen Interesse und Engagement der Eltern. Es hängt davon ab, ob es ein Einzelkind ist oder Geschwister hat - und wenn es Geschwister hat, kann auch eine Rolle spielen, ob es das erst- oder letztgeborene Kind ist und welchen Altersabstand es zu seinen Geschwistern hat. Darüber hinaus spielt natürlich auch das individuelle Interesse jedes einzelnen Kindes eine Rolle. Und in diesen notwendigen Unterscheidungen ist dann die Zahl der befragten Kinder in fast allen Studien so niedrig, dass repräsentative Zahlen für eine größere Gruppe von Kindern kaum zu bekommen sind. Trotz dieser Differenzierungen lassen sich aber ein paar Tendenzen feststellen, erklärt Politikwissenschaftlerin Vollmar. So verfügen etwa Einzelkinder über mehr politisches Wissen als Kinder mit Geschwistern, weil die Eltern ihnen mehr Aufmerksamkeit widmen und die Zeit haben, mit ihnen über politische Themen zu sprechen. In Familien mit politisch engagierten Eltern, die etwa Mitglieder einer Partei oder einer Bürgerinitiative sind, bekommen auch die Kinder früher mehr mit.

Pädagogische Heranführung

Deutschlandkarte

Was ein Land ist wissen die Kinder

Kinder werden heute in der Grundschule nach und nach systematisch an die Politik herangeführt. Das war nicht immer so. Bis in die 90er-Jahre hinein gingen Pädagogen davon aus, dass Kinder in diesem Alter emotional und kognitiv überfordert werden. Kinder seien nicht in der Lage, abstrakt genug zu denken, um politisch lernen zu können – Argumente, die inzwischen widerlegt sind. Die Didaktikerin Dagmar Richter von der Technischen Universität Braunschweig weist zum Beispiel darauf hin, dass Kinder im Alter zwischen neun und zehn Jahren genug Grundverständnis von politischen Konzepten haben, das mit gezieltem Unterricht vervollständigt werden kann. So erfassten Acht- bis Zehnjährige zwar noch nicht das Wesen des Staates, das heißt sie wissen noch nicht, was eine Demokratie ist oder was das Konzept einer Bundesrepublik bedeutet. Aber sie begreifen, dass ein Land Grenzen hat, zum Beispiel ein Fluss oder Berge, und sie reden auch von Begriffen wie „Einheit“ und „Trennung.“

Wissensvermittlung in den Medien

Junge sitzt vor dem Fernseher und sieht einen Zeichentrickfilm, er hat die Fernbedienung in der Hand

Kinder lernen auch in den Medien über Politik

Kinder erwerben ihr politisches Wissen nicht nur passiv; ab einem bestimmten Alter fragen sie auch nach und informieren sich selbst. Dass Kinder als Teil dieser Welt auch etwas über sie erfahren sollen – das ist eine Meinung, die ist eine unter den Offiziellen dieser Welt gern geteilte Ansicht. 1989 haben die Vereinten Nationen in der Kinderrechtskonvention den Anspruch auf altersgerechte Informationen festgelegt – eine Konvention, die mehr Staaten der Welt unterschrieben haben als jede andere. Dort heißt es in Artikel 17:

Die Vertragsstaaten erkennen die wichtige Rolle der Massenmedien an und stellen sicher, dass das Kind Zugang hat zu Informationen und Material aus einer Vielfalt nationaler und internationaler Quellen, insbesondere derjenigen, welche die Förderung seines sozialen, seelischen und sittlichen Wohlergehens sowie seiner körperlichen und geistigen Gesundheit zum Ziel haben.

Darüber hinaus empfiehlt die Konvention den Staaten, die Massenmedien dazu anzuregen, Kindern spezielle Angebote zu machen. Dabei ist es wieder wichtig, das Alter der Zielgruppe zu betrachten: Einer 13-jährigen kann man zutrauen, zu wissen was der Bundestag ist - einem Sechsjährigen nicht. Die Funktionsweise des politischen Systems ist für ihn noch zu abstrakt. In jedem Fall können Kinder schon früh für Politik interessiert werden - wenn sie altersgerecht an sie herangeführt werden. Das heißt vor allem: Beispiele aus der konkreten Lebenswelt der Kinder finden.

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