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Wie Kinder richtig Lesen und Schreiben lernen Komplechse Sprache

A wie Affe und K wie Computer – Grundschulkinder lernen das Schreiben durch genaues Hinhören. Doch der nächste Schritt sind die Regeln und Besonderheiten der Schriftsprache, die man nicht mehr einfach so heraushören kann. Wie lernen Kinder all das am besten?

Drilling Philipp Vogt schreiben seinen Namen auf ein T-Shirt

Philipp kann sogar schon vor der ersten Unterrichtsstunde schreiben!

Im Mittelpunkt des freien Schreibens in der Grundschule steht die Anlauttabelle, die heute in fast jedem Klassenzimmer hängt. Da sind Gegenstände abgebildet, die jedes Kind kennen sollte, mit dem dazu gehörigen Begriff. Der Anfangsbuchstabe des dargestellten Gegenstands steht daneben. Also A bei Affe, B bei Banane, sie verstehen dann intuitiv die Verbindung bestimmter Laute mit bestimmten Buchstaben. Sucht nun das Kind einen Buchstaben, der dem Laut am Anfang des Affen entspricht, so findet es ihn in der Anlauttabelle.

ABC auf die Ohren

Eine Schülerin liest aus einem Buch

Sprechen wird durch Hören und Nachahmen erlernt

Und so können die Kinder schon nach kurzer Zeit ihre Geschichten zu Papier bringen. Das funktioniert aber nur, weil man sie so schreiben lässt wie sie sprechen. Wie lernen Kinder am besten Lesen und Schreiben? Der Streit darüber ist alt. Erst lernten Kinder einzelne Buchstaben, oder sie lernten, Laute zu verschriftlichen. Dann kam in den fünfziger Jahren die Ganzwortmethode in Mode: Sie sollten sich das Schriftbild ganzer Wörter einprägen. Auch das wurde bald wieder verworfen. Beide Methoden sind gleich schlecht, meint der Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann. Und so grenzt es fast an ein Wunder, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Menschen dennoch Lesen und Schreiben gelernt hat.

Das freie Schreiben schien der Aufbruchsstimmung zu entsprechen, die von der Studentenbewegung der späten sechziger Jahre ausging: In den Schulen, beim Lernen, sollte Selbsttätigkeit an die Stelle autoritärer Bevormundung treten. Modelle wie die Scuola di Barbiana, die Schülerschule, in der Kinder aus einem abgelegenen Dorf in der Toskana ihren Unterricht organisierten oder die Schule in Summerhill waren die Vorbilder, und selbstbestimmtes Lernen sollte auch Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern bessere Chancen eröffnen.

Plötzlich alles falsch

Bronzestatue von Konrad Duden

Dieser Mann ist schuld

Doch ist es richtig, dass Kinder zunächst einmal in einer Art Lautschrift schreiben lernen, um dann zu erfahren, dass das, was vorher richtig war, nun als Fehler angestrichen wird? Oder ist dieses Vorgehen zumindest mit verantwortlich dafür, dass Kinder heute die Rechtschreibung immer weniger beherrschen? Das meint der Siegener Deutschdidaktiker Wolfgang Steinig, ehemaliger Kollege des emeritierten Siegener Pädagogik-Professors Hans Brügelmann. Er hat in einer Langzeitstudie bestätigt, was viele Eltern, Lehrerinnen und Lehrer ohnehin zu wissen glauben: Die Schüler und Schülerinnen von heute können schlechter schreiben als die Generationen vor ihnen.

In dem Zeitraum seit Anfang der siebziger Jahre haben sich die Methoden des Freien Schreibens in den Grundschulen ausgebreitet, also eines Schreibunterrichts, der erst einmal zur Textproduktion ermutigt und nicht so sehr die regelhafte Schreibweise fördert. Die Kinder mussten keinen Fragebogen ausfüllen oder Diktate schreiben, sondern einen freien Text. Doch es ist auch nicht alles schlechter geworden, denn die Textlängen haben zugenommen und auch der Wortschatz ist umfangreicher geworden, da die Kinder mittlerweile weniger nach der Fehlervermeidungsstrategie schreiben, also nicht nur Worte wählen, bei denen sie sich sicher sind, wie man sie richtig schreibt. Auf der anderen Seite sind die Rechtschreibfähigkeiten aber deutlich zurück gegangen, jedenfalls bei den Grundschülerinnen und Grundschülern im Ruhrgebiet, die Steinig untersucht hat.

Überfordernde Freiheit

Schreibende Hand

Was ist die beste Methode?

Wolfgang Steinigs Untersuchung zeigte aber auch, dass die soziale Schere in den Schulen größer wurde. Der soziale Status der Eltern wirkt sich auf die Schreibfähigkeiten stärker aus als früher. Weitere empirische Befunde scheinen das Ergebnis von Steinigs Untersuchung zu bestätigen, wie zum Beispiel die Vergleichsstudie der Potsdamer Didaktikerin Agi Schründer-Lenzen. Danach können Kinder, die nach der Fibel gelernt haben, besser lesen und schreiben als Kinder, die mit offenen Methoden unterrichten wurden. Schründer-Lenzen hatte ihre Untersuchung in Berliner Brennpunktschulen durchgeführt. Eine weitere Studie von Marburger Wissenschaftlerinnenn aus dem Jahr 2002 kam zu einem ähnlichen Fazit.

Der Erwerb der Schriftsprache ist etwas anderes als das Sprechen lernen. Sprechen lernen alle Kinder durch Nachahmung der Erwachsenen, dazu brauchen sie keine besondere Anleitung. Jahrtausende lang hatten aber die meisten Menschen nicht Schreiben und Lesen gelernt. Schriftgelehrte besuchten Schulen, adlige Kinder bekamen Privatunterricht. Das Erlernen von Lesen und Schreiben ist also an gezielte Unterweisung und an die Einrichtung von Schulen geknüpft. Und das gilt ganz besonders für die Kinder, in deren Umgebung weder das Schreiben und Lesen noch die gehobene Schriftsprache besonders gepflegt wird.

Sprechen ist nicht gleich Schreiben

Finger schreiben auf PC-Tastatur

Schriftsprache unterscheidet sich von der gesprochenen Sprache

Nach den ersten Schreibversuchen sollten Kinder also bald damit vertraut gemacht werden, dass man eben nicht in jedem Fall so schreibt wie man spricht, allein schon, weil es viel mehr Laute als Buchstaben gibt, und dazu sollten sie recht früh geschriebene Texte kennen lernen.
Konzeptionelle Schriftsprachlichkeit, das heißt hier ebenso: Die Schriftsprache unterscheidet sich von der gesprochenen Sprache. So sind SMS oder E-Mails zwar geschrieben, aber sie sind oft die rasche Verschriftlichung von Gesprochenem – sie schreibt man wirklich, wie man spricht. Dagegen ist ein Vortrag oder eine Predigt zwar mündlich übermittelt, ist aber in der komplexeren Schriftsprache verfasst.

Die Schriftsprache eröffnet den Zugang zu einer anderen Welt als die Alltagssprache. Sie ist distanzierter, aber facettenreicher und komplexer. Wer beim Schreiben lernen dabei stehen bleibt, die Alltagskommunikation zu verschriftlichen, dem wird dieser Zugang verwehrt.

Unzugängliche Sprache

Lernt man Lesen und Schreiben durch eigene Erfahrung oder durch Vermittlung? Letztlich verbirgt sich dahinter eine Auseinandersetzung, die fast die gesamte Pädagogik durchzieht: Geht es in der Persönlichkeitsentwicklung und beim Lernen darum, im Kind immer schon vorhandene Begabungen und Fähigkeiten sich entfalten zu lassen, oder brauchen junge Menschen Anleitung und gezielte Lenkung durch Impulse von außen? In der Schule und im gezielten Lernen werden sich immer Mischformen finden – die Schule, die ja entstanden ist als Anstalt, in der Kinder lesen und schreiben lernen, ist immer mit Instruktion und Anleitung verbunden.

Jenseits des pädagogischen Grundsatzstreits geht es um die Besonderheit des Erlernens der Schriftsprache, die eben nicht, wie die gesprochene Sprache spontan durch Nachahmung erlernt werden kann.

Rolle der Lehrpersonen

Land setzt auf Förderung

Auf die richtige Didaktik kommt es an

Wie können nun Kinder am besten Sprache lernen? Grundschullehrerinnen und –lehrer haben in ihrem Studium erstaunlich wenig über den Lese- und Schreibunterricht gelernt. Und so suchen sie sich das zusammen, was für ihre Praxis passt und was sich bisher an ihrer Schule bewährt hat. Und die fachdidaktische Debatte über den Schreib- und Leseunterricht scheint festgefahren zu sein. Der pädagogische Zeitgeist hat sich gewandelt.

Mit Recht wird heute wieder mehr die Rolle der Instruktion, also der Anleitung von Schülerinnen und Schülern durch die Lehrperson betont. Gerade hat die Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie darauf hingewiesen, dass die Instruktion durch die Lehrperson für erfolgreiches Lernen wichtig ist. Und vieles deutet darauf hin, dass gerade Kinder aus bildungsfernem Milieu die Unterstützung durch die Lehrperson brauchen. Es reicht eben nicht, die Laut-Buchstaben-Verbindung zu lernen, und dann die weitergehenden Rechtschreibregeln drauf zu setzen, sondern es geht auch darum, sich die komplexere Schriftsprache anzueignen, die man braucht, um den Zugang zur Bildung und zur Teilnahme an der Gesellschaft zu bekommen.

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