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Mama ist depressiv Wie hilft man Kindern psychisch kranker Eltern?

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Ihre Versorgung wurde lange vernachlässigt, hat sich aber in den letzten Jahren deutlich verbessert. Doch ihre Töchter und Söhne werden bis heute meistens vergessen - obwohl sie extrem belastet und hochgefährdet sind, selbst zu erkranken. Wie hilft man Kindern psychisch Kranker Eltern?

Die Evangelische Kirche Baden hat Kindern von psychisch Kranken drei Jahre lang umfassende Hilfe geboten und diese Arbeit evaluiert. Das Präventionsprojekt hat an vier Standorten (Lörrach, Konstanz, Mosbach und Sinsheim) stattgefunden. Jetzt haben die Verantwortlichen in Karlsruhe ihren Abschlussbericht vorgelegt. Nela Fichtner hat ihn gelesen und sich ins Sinsheim angesehen, welche Hilfe die Kinder praktisch erfahren haben.

Kinder psychisch kranker Eltern brauchen Hilfe

Was passiert mit einer frühkindlichen Prägung im Erwachsenenalter?

Man muss die Gefühle der Kinder psychisch kranker Eltern ernstnehmen.

Sozialarbeiterin Christine Mohler versucht fünf Mädchen und Jungen zur Ruhe zu bringen. Nach und nach lassen sie sich auf dicke Sitzkissen plumpsen. Wie jede Woche beginnen sie ihre Runde in dem gemütlichen Dachzimmer mit großen Plüschtieren und tellergroßen Pappuhren: Darauf sind statt Zahlen lachende, weinende oder ernst blickende Gesichter abgebildet. Die Kinder sollen nun die Zeiger auf ihre momentane Stimmungslage stellen: Ein Mädchen stellt auf die Stimmung traurig, weil sie mit ihrer Mutter bald die alte Wohnung verlassen muss, Katja hingegen ist fröhlich. Passend zur Stimmung wirft sie den Plüsch-Kondor in die Luft.

Gefühle wahrnehmen und zeigen

Dagegen schnappt sich ihr bedrückter Nachbar Thomas die Schildkröte und zieht deren Kopf unter den Panzer. Während die unsichere Aila sich hinter dem metergroßen Steiff-Tiger versteckt. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auch in der Gruppe zu zeigen - das ist der erste Lernschritt, um mit den Problemen klarzukommen. Der nächste ist, das Verhalten der Eltern zu verstehen. Denn viele Kinder wissen gar nicht, dass ihre Mütter oder Väter krank sind, sagt Christine Mohler. Für die Kinder sei das in erster Linie der ganz normale Alltag. Sie würden zwar auf diffuse Weise merken, hier stimme etwas nicht, aber erst wenn sie das in der Gruppe artikulieren würden, trete ein Lerneffekt ein.

Kinder haben keine Schuld

Mann und Frau führen ernstes Gespräch, dazwischen sitzen Mädchen, das sich die Augen und ein Junge, der sich die Ohren zuhält

Kinder haben ihre eigenen Gefühle. Und sie sind nicht schuld, wenn es einem Elternteil nicht gut geht.

Auf einem großen Wandplakat sind alle Krankheitsbilder aufgelistet: vom Angstzustand über die Schizophrenie bis hin zur Zwangsstörung. Ausführlich erklären Christine Mohler und ihr Kollege den Kindern, wie und warum sie sich entwickeln. Und mit welchen Symptomen sie jeweils verbunden sind. So lernen die Mädchen und Jungen, die Probleme der Eltern nicht auf sich zu beziehen und Schuldgefühle abzubauen. Denn die meisten hatten angenommen, die Krankheit sei entstanden, weil sie selbst böse - oder für die Eltern nicht gut genug waren. Erst durch dieses Wissen können die Kinder eine gesunde Distanz aufbauen zu den Krankheiten ihrer Eltern aufbauen.

Rat von anderen Kindern

Dadurch können Ängste abgebaut werden: Lenas Mutter etwa hat oft Stimmungsschwankungen und dann hat Lena Angst vor der Mutter, die sie schon einmal brutal geschlagen hat. Lena lebt inzwischen bei ihrem Vater – in Sicherheit. Doch die seelische Belastung ist geblieben. Ähnlich geht es der 12-jährigen Elly, deren Mutter auch an Depressionen leidet. Sie lebt seit sechs Jahren in einer Pflegefamilie, und ihre Mutterverweigert den Kontakt. Daran hat Lilly zu knabbern. Trotzdem bekommt sie regelmäßig vorwurfsvolle E-mails von ihrer Mutter. Wie sie darauf reagieren soll, bespricht sie am liebsten mit den anderen Kindern.

Wissen schützt Kinder psychisch kranker Eltern

Die Probleme zeigen auch, wie wichtig die Präventionsarbeit ist. Verhaltensforscher Simon Mack von der Universität Marburg evaluiert das Projekt. Er verweist zum einen auf sehr hohe Zufriedenheitswerte sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern, zum anderen konnte gezeigt werden, dass die Kinder schon in wenigen Monaten einen Wissenszuwachs erlangt haben über psychische Erkrankungen. Und allein das kann schon ein wichtiger Schutzfaktor für die Kinder sein.

Ein Vater hält seinen Sohn im Kleinkindalter an der Hand.

Recht auf eine Familie und elterliche Fürsorge

Trotzdem gibt es nur befristete Pilotprojekte. Ein vorbeugendes Regelangebot für die Kinder psychisch kranker Eltern ist nicht in Sicht. Das neue Präventionsgesetz bleibt vage und nimmt die Krankenkassen kaum in die Pflicht. Und das Jugendamt reagiert in der Regel erst, wenn Kinder auffällig werden. Doch wer psychisch kranke Eltern hat, versucht genau das zu vermeiden. Aus Angst ins Heim zu kommen, lassen sich die meisten Kinder nichts anmerken. Selbst wenn sie ihre kranke Mutter und die Geschwister versorgen.
Rund drei Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit einem psychisch kranken Elternteil auf und sind damit selbst gefährdet. Dass es für sie keine flächendeckenden Angebote gibt, ist und bleibt ein Skandal.

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