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Entweder oder Kierkegaards Philosophie

"Kierkegaards Philosophie ist eine radikale Philosophie des Einzelnen. Søren Kierkegaard ist ein großer Wachrufer innerhalb der Philosophiegeschichte, der uns klarmacht, dass es nicht nur darum geht, zu denken, sondern leben zu lernen, eine eigene Existenz zu führen. Er ist der erste große Philosoph der Existenz der Moderne." (Robert Zimmer)

Leben heißt, sich entscheiden

Leben heißt, sich entscheiden

Für Kierkegaard ein ganz zentraler Begriff ist der Begriff der Selbstwahl: Ich wähle mich selbst. Das heißt für ihn, ich erkenne, dass ich ein Mensch bin, der die Freiheit hat zu bestimmen, was im eigenen Leben wichtig ist, was nicht wichtig ist, durch die eigenständige Wahl einer Lebensform.

Leben heißt: Entscheiden

Das ist der Kern von Kierkegaards Hauptwerk "Entweder-Oder". Darin entfaltet er - unter zwei verschiedenen Pseudonymen - zwei unterschiedliche Lebensmodelle. Der Mensch könne sich entscheiden zwischen einer, wie Kierkegaard es nennt, ästhetischen Lebensweise, die nach Genuss und Schönheit des Augenblicks strebt, sich aber im Möglichen einrichtet und treiben lässt, und auf der andern Seite einer ethischen Lebensweise, in der es um Nachhaltigkeit und Verantwortung geht. Nachdem der Mensch sein innerstes Bedürfnis, seine Talente und Bestimmung erkannt hat, ganz für sich allein. Diesen Augenblick der Selbsterkenntnis stilisiert Kierkegaard zu einem mystischen Moment, einer Begegnung mit dem Göttlichen.

Freiheit macht Angst

Entscheiden heißt, am Abgrund stehen

Entscheiden heißt, am Abgrund stehen

Kierkegaard definiert seinen Glauben, der ihm im Elternhaus verleidet wurde, noch einmal neu. Den Schuldgefühlen und der Sündenangst setzt er Gottvertrauen entgegen; Angst sei eine Grundbefindlichkeit des Menschen, die mit der Freiheit zusammenhänge. Michael Bongardt:
Die Freiheit setzt den Menschen in eine ganz merkwürdige Offenheit, die Offenheit der Möglichkeiten, vor denen er steht. Und vor allen Dingen auch die Offenheit, dass ich das, was möglich ist, mir noch gar nicht so richtig vorstellen kann. Das was möglich ist, ist ja noch nicht wirklich. Ich stehe ja eigentlich in dem Moment, wo ich mich zu entscheiden habe vor dem Nichts. Im Sinne von noch nichts oder noch nicht. Und er vergleicht das mit einem Abgrund.

Angst und Verzweiflung in Grenzsituationen

Es gibt immer auch wieder einen Weg aus der Verzweiflung

Es gibt immer auch wieder einen Weg aus der Verzweiflung

Die Angst ist sozusagen der Humus, aus dem dann das selbstverantwortliche Leben wächst. Kierkegaard ist der erste, der Angst zu einem philosophischen Begriff macht. (Robert Zimmer)
Dabei meint Kierkegaard nicht die konkrete Angst im Alltag, vor Krankheit oder Unfall, Naturereignissen oder Einsamkeit. Er meint vielmehr eine Grundstimmung jedes Menschen, eine Lebensunsicherheit, vor allem in Extremsituationen, sagt der Literaturwissenschaftler Christian Wiebe:

Bei Kierkegaards Begriff der Existenz sind das Ausnahmesituationen (oder Situationen) in denen der Mensch verzweifelt ist. Der Mensch in großer Angst. Der Mensch, der eine weittragende Entscheidung trifft. Solche Aspekte sind es, die Kierkegaard in den Blick zu nehmen versucht, wo die Existenzialität des Menschen hervortritt.

Kierkegaard rehabilitiert damit die Ängstlichkeit und die Krisen im Leben vieler Menschen. Verwunderung und Furcht angesichts von Schicksalsschlägen könnten den einzelnen zur Selbsterkenntnis führen. Zu einem neuen Gleichgewicht zwischen Angst und Entschiedenheit: (oder einfacher: zu mehr Zuversicht:).

Freiheit als Gottesgeschenk

Michael Bongardt: Und für dieses Vertrauen ist dann für ihn wieder der christliche Hintergrund wichtig. Ein glaubender Mensch braucht deshalb keine Angst zu haben, weil diese Möglichkeiten, die vor ihm liegen, Möglichkeiten sind, die Gott ihm geschenkt hat, und er sicher sein darf, dass er aus dieser Beziehung nicht herausfallen wird.

"Jede tiefe und innerliche Selbsterkenntnis geschieht unter göttlicher Leitung."

Dieser Gott - das ist eigentlich nur noch ein Name. Für die selbstbestimmte Lebensform des Individuums, meint der Philosoph Robert Zimmer.

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