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Impulse für das Leben Nachwirkungen

Wie konnte der "Dichterphilosoph", wie Kierkegaard gern genannt wird, den Facettenreichtum seiner Gedanken den Lesern vermitteln? Wie reagierten seine Zeitgenossen auf ihn? Und welchen Einfluss hat und hatte er auf die Nachwelt?

Bühne des Lebens - Das Leben lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten

Bühne des Lebens - Das Leben lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten

Christian Wiebe: Søren Kierkegaard hat eine Fülle kleiner und größerer Schriften verfasst, die - mit Ausnahme seiner Predigten - alle die gleiche Methode haben. Die meisten ästhetisch- philosophischen Schriften sind gar nicht unter dem Namen Søren Kierkegaard erschienen, sondern unter Namen von Pseudonymen, die Kierkegaard gewählt hat. Und ein anderes Pseudonym könnte etwas ganz anderes dazu sagen: Darauf muss man immer gefasst sein, dass ein anderer Blick möglich wird und das bisher Gedachte unterläuft.

Die Bühne des Lebens

Kierkegaard war der Meinung, dass man die Lebensprobleme nicht theoretisch lösen kann, sondern dass man sie sozusagen vorführen muss wie ein Theaterstück auf der Bühne. Er entwirft wie ein Dramendichter seine Verfasser, die etwas vorführen, Wahlmöglichkeiten anbieten. Und darauf beruht diese eigenartige Weise des Schreibens, dass Søren Kierkegaard keine philosophischen Traktate schreibt, sondern dass er quasi dichterisch die Werke schreibt und pseudonyme Verfasser kreiert. (Robert Zimmer)

Pseudonyme, keine Helden

Da schreiben etwa Johannes de Silentio oder Constantin Constantius. Johannes Climacus verfasste die "Philosophischen Brocken". Das Hauptwerk "Entweder-Oder" entwarf ein Victor Eremita - und Kierkegaard lässt zugleich noch weitere fiktive Autoren zu Wort kommen. Über den "Begriff der Angst" schrieb Vigilius Haufniensis, und die autobiografischen "Stadien auf des Lebens Weg" ein sogenannter Hilarius Buchbinder. Ein Spiel mit witzigen Pseudonymen, das es Kierkegaard erlaubt, wenig fassbar zu bleiben. Und dennoch sehr intime Regungen auszudrücken. Er legt Wert darauf, keine Helden zu kreieren und keine Rezepte zu geben.

Einsamkeit und Spott

Seiner frühen Liebe Regine Olsen trauert Kierkegaard später hinterher

Seiner frühen Liebe Regine Olsen trauert Kierkegaard später hinterher

Am Ende seines Lebens steht Søren Kierkegaard alleine da. Er trauert seiner ersten Liebe Regine Olsen nach, die inzwischen geheiratet hat. Das abgeschlossene Studium der Theologie führte ihn nicht ins Pfarramt, seine philosophische Promotion nicht in eine akademische Karriere. Er schrieb seine Werke wie ein Besessener in wenigen Jahren und zog sich dazu immer wieder nach Berlin zurück, in ein kleines Zimmer nahe dem Gendarmenmarkt und der Humboldtuniversität. Wenn er zurückkam, begegnete ihm Spott. Michael Bongardt:

Es gab damals den "Kosaren", eine Zeitschrift, die man vielleicht ein bisschen mit der heutigen Titanic vergleichen kann, also eine Satirezeitung, in der er anfangs als Autor mitgearbeitet hat. Nach einem Streit mit dem Herausgeber des Korsaren wurde Kierkegaard dann selbst zum Lieblingsspottobjekt in dieser Zeitung. Es gibt eine Reihe Karikaturen, dass er einen kleinen Buckel hat, dass seine Beine nicht gleichlang waren, und das wird natürlich genüsslich ausgeschlachtet.


Ruhm posthum

Kierkegaard wusste, dass er nicht nur für die Kopenhagener der 40er und 50er Jahre des 19. Jahrhunderts schrieb, sondern für die Nachwelt, und er hatte Recht, 70 Jahre später wurde er vor allem in Deutschland entdeckt, und da begann seine große Karriere in der Philosophiegeschichte. (Robert Zimmer)

Er hat mit einer unglaublichen Anspannung gelebt und gearbeitet. Es gibt Zeichnungen von ihm, die wohl die Realität durchaus treffen, dass er nachts beim Kerzenschein am Schreibtisch sitzt und seine Füße in eine Wanne mit kaltem Wasser hat, um nicht einzuschlafen. Er ist in dem Moment als 42jähriger gestorben, als auch sein Körper nicht mehr konnte. Er hatte das, was er philosophisch und theologisch zu sagen hatte gesagt, und das Vermögen seines Vaters aufgebraucht. Für die Beerdigungskosten musste schon sein Bruder aufkommen, weil von dem Vermögen nichts mehr da war. (Michael Bongardt)

Das war im November 1855. Mit 42 Jahren erlag der dänische Dichter einem Nervenleiden. In seiner posthum erschienenen Schrift "Der Gesichtspunkt für meine Wirksamkeit als Schriftsteller" schreibt er:

"Das Märtyrium, das dieser Schriftsteller litt, lässt sich kurz folgendermaßen beschreiben: er litt daran, ein Genie in einer Kleinstadt zu sein."

Einfluss auf, Sartre, Camus, Heidegger

Søren Kierkegaard war nach seinem Tod zunächst einmal für Jahrzehnte vergessen. Erst zu Beginn es 20. Jahrhunderts hat man ihn dann wiederentdeckt. Und zunächst haben ihn die deutschen Existenzphilosophen wiederentdeckt, vor allem eben Martin Heidegger, der ihn gelesen hat zu einer Zeit als Kierkegaard sonst nicht gelesen wurde. Auch Jaspers hat Kierkegaard schon sehr früh gelesen, über die deutschen Existenzphilosophen kam er dann nach Frankreich. Und dort war es vor allem natürlich Jean-Paul Sartre und Albert Camus, die Kierkegaard gelesen haben und von ihm beeinflusst wurden. (Robert Zimmer)

Subjektive Religiösität im Trend

Krisen überwinden mit Kierkegaard?

Krisen überwinden mit Kierkegaard?

Christian Wiebe hat die frühe Rezeption im deutschsprachigen Raum untersucht. "Der leidenschaftliche, tiefe, witzige Kierkegaard" heißt sein gerade erschienenes Buch, das zeigen will, wie unterschiedlich der Däne mehr als 50 Jahre nach seinem Tod in Deutschland gelesen wurde:
Kierkegaards Religiosität war für viele Schriftsteller, viele Autoren sehr attraktiv. Man muss vorausschicken, dass um 1900 eine Zeit ist, wo im deutschen Raum offenbar massiv nach neuen Formen von Religiosität gesucht wird. Gottsucher treten auf, neue Propheten treten auf, die Mystik wird wieder ganz attraktiv für viele, und da wird Kierkegaard rezipiert als Autor, der eben nicht auf Dogmen, auf Lehrmeinungen sieht, sondern ganz von einer subjektiven Religiosität ausgeht. Eine Religiosität, die nicht mit der Institution Kirche verbunden ist, sondern im Individuum wurzelt.

Das wäre auch eine alte These der Kierkegaard-Forschung, Kierkegaard ist ein Autor für Krisenzeiten - das können persönliche oder gesellschaftliche sein, so dass Kierkegaard während der Zeit des 1. Weltkriegs für viele Menschen interessant wurde.


Inspirator der modernen Existenzphilosophie

Kierkegaard gilt als Inspirator der modernen Existenzphilosophie, vertreten in Deutschland durch Martin Heidegger und in Frankreich durch Jean-Paul-Sartre. Die Elemente der Angst, der Grenzsituation, der Verzweiflung werden hier aufgenommen. -Christian Wiebe:   Bei Sartre ist es immer der Blick auf solche Randsituationen. Die Menschen kurz vor ihrer Hinrichtung. Die Menschen im geschlossenen Raum, diese berühmte Drama, wo sie nicht heraus können. Es sind extreme Randsituationen - das findet sich nicht in dieser Schärfe, aber das ist angelegt im Denken bei Kierkegaard.

Kierkegaard als Türöffner

Kierkegaard als Türöffner

Kierkegaard als Türöffner

Søren Kierkegaard, der Krisenphilosoph und dichtende Denker, hat Gefühle und Erfahrungen der menschlichen Existenz auf neue Weise beschrieben. Er hat das Tor zu einer modernen Theologie geöffnet, Erkenntnisse der Psychologie vorbereitet durch präzise Skizzen persönlicher Wirrnisse, er hat die Philosophie von der jahrtausendealten Vorstellung befreit, es müsse eine objektive, für alle gültige Wahrheit geben. Schließlich kommen seine Thesen den Erkenntnissen der Hirnforschung nahe: jeder Mensch gestaltet seine Entwicklung, er wird das, was er lebt. Und was und wie er lebt, hängt davon ab, was ihn im Innersten berührt. Auch für Menschen von heute lohnt es sich daher, Kierkegaard zu lesen.

Schon alles gesagt

Robert Zimmer, der in seinem Buch "Das Philosophenportal" viele wichtige Denker porträtiert hat, trifft bei der Kierkegaard Rezeption auf ein sehr aktuelles Problem:

Eigentlich braucht man die Existenzphilosophen nicht mehr, also Heidegger und Sartre, weil die haben das meiste sowieso geklaut bei Kierkegaard. Also alles, was (an der Existenzphilosophie wichtig ist,) was für mich an der Existenzphilosophie wichtig ist, das find ich nämlich schon dort.

Auch der Literaturwissenschaftler Christian Wiebe sieht bei dem dänischen Philosophen Impulse, die bis heute reichen:

Dass man die eigenen Subjektivität ernstnimmt, die eigenen Entscheidungen ernstnimmt, die sind wichtig bei Kierkegaard, da kann man noch ganz viel lernen, die eigene Subjektivität beim Schopfe zu packen und ernst zu nehmen.

"Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen in seinem Herzen verbirgt, aber dessen Lippen so beschaffen sind, dass es wie schöne Musik klingt, wenn ihnen Seufzer und Schreie entströmen." (Kierkegaard)

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