Sandbänke im Rhein bei Oberwesel (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

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Kein Sand am Meer – Warum vielen Stränden der Rohstoff ausgeht

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Sand ist – nach Wasser – der wichtigste Rohstoff der Menschheit. Und er wird, kaum zu glauben, knapp. Und obwohl sogar die Strände verloren gehen, kümmert das bisher kaum jemanden.

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Der jährliche Verbrauch liegt bei 15 Milliarden Tonnen – für Straßenbau und Betonherstellung, in der Glas- und Chemieindustrie, für Elektronikbauteile und Solarzellen, beim Fracking von Öl- und Gasquellen. Schwimmbagger saugen den Sand vom Meeresboden, Lasterflotten schaffen ihn aus Flussbetten heran und Hunderttausende Staudämme verhindern, dass Flüsse den Sandnachschub aus Erosion und Gesteinsverwitterung ins Meer spülen können.

Sand (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Die Sedimente entstehen durch Verwitterung und Erosion in den Bergen, werden von Flüssen zum Meer gespült, machen womöglich einen Zwischenstopp am Strand und lagern sich am Ende auf dem Boden der Ozeane ab picture-alliance / dpa -

Unscheinbare Grundlagen

Dünen werden abgetragen oder bebaut und falsch geplante Küstenschutzmaßnahmen blockieren den natürlichen Sandkreislauf am Meer. Die Folge: viele Strände schrumpfen. Doch Gegenmaßnahmen sind möglich: neue Staudammkonzepte, Rückbau an den Küsten, Sandaufschüttungen. Und in der Forschung wird getestet, ob Beton auch aus Wüstensand hergestellt werden kann.

Weltweit ist es stets der gleiche Prozess: Die Sedimente entstehen durch Verwitterung und Erosion in den Bergen, werden von Flüssen zum Meer gespült, machen womöglich einen Zwischenstopp am Strand und lagern sich am Ende auf dem Boden der Ozeane ab, an manchen Stellen viele Hundert Meter hoch. Inzwischen wird diese Reise der Sedimente allerdings immer öfter unterbrochen. Statt im Meer landet der Sand dann in Beton, Glas, Elektronik- und Chemieindustrie.

Ein Schaufellader bringt in Westerland auf Sylt Sand an den Strand (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein Schaufellader bringt in Westerland auf Sylt Sand an den Strand picture-alliance / dpa -

Die Mafia des Sandes

Am Strand von Madh Island, dem äußersten nördlichen Ende der indischen 20-Millionen-Einwohner-Metropole Mumbai, treffen sich sonntags die Jugendlichen zum entspannten Cricket- oder Fußballmatch. Doch an Werktagen verwandelt sich der Strand in einen geschäftigen Arbeitsplatz. Fischer flicken ihre Netze und trocknen den Fang an Holzgerüsten. Ihre Frauen sieben auf großen zementierten Plattformen Krabbenmehl für die umliegenden Hühnerfarmen.

Und dort, wo der Strand an der Mündung des Manori Creek in einen Mangrovenwald übergeht, liegen kleine Barkassen vor dem Ufer, junge Männer wuchten Eimer an Bord, sie sind mit Sand gefüllt. Dabei ist der Sandabbau in den Gewässern rund um Mumbai seit 2013 illegal. Kurzfristig nahm der Sanddiebstahl daraufhin tatsächlich ab, inzwischen hat er sich fast wieder auf altem Niveau eingependelt. Das Geschäft liegt in den Händen gut vernetzter skrupelloser Seilschaften.

Betonbrücke über den Rhein (Foto: SWR, SWR -)
In einem Wohnhaus stecken über Hundert Tonnen Sand, in einer Schule über Tausend Tonnen, über Zehntausend in jedem Kilometer Autobahn und über zehn Millionen Tonnen in einem Atomkraftwerk SWR -

Bauen mit Sand

Über mangelnde Nachfrage muss sich die Sand-Mafia keine Sorgen machen. Gebaut wird immer und überall, und das nicht nur in Mumbai. Weltweit entstehen zwei Drittel aller Neubauten aus Stahlbeton, und der wiederum besteht zu zwei Dritteln aus Sand. In einem Wohnhaus stecken über Hundert Tonnen Sand, in einer Schule über Tausend Tonnen, über Zehntausend in jedem Kilometer Autobahn und über zehn Millionen Tonnen in einem Atomkraftwerk.

Der Bedarf steigt – und damit auch der Preis. Denn die leicht erschließbaren Quellen in der Nähe der Metropolen sind schon geplündert, jetzt muss der Sand aus immer größerer Entfernung herangeschafft werden. Selbst über Ozeane wird Sand bereits verschifft. Weltmarktführer ist Australien, größter Abnehmer ist ausgerechnet das Wüstenemirat Dubai. Sand gibt es dort zwar genug, für Stahlbeton höchster Qualität, wie er in Dubais gigantische Skyline fließt, ist die Körnung des Wüstensandes allerdings zu gering und zu einheitlich.

Alternativen zum Sandverbrauch

Seit das Emirat seine der Küste vorgelagerten Sandbänke verbraucht hat, wird der Baustoff deshalb importiert. Vor Australiens Küste wühlen sich die Schaufelbagger dafür bis zu Hundert Meter tief durch North Stradbroke Island. Auf der zweitgrößten Sandinsel der Welt sinkt dabei der Grundwasserspiegel so weit ab, dass ein benachbartes, völkerrechtlich geschütztes Feuchtgebiet durch nachströmendes Meerwasser zu versalzen droht.

Dabei gibt es Alternativen zum enormen Sandverbrauch der Bauindustrie. Der erste Schritt ist das Recycling von Bauschutt. Deutschland ist dabei führend, 90 Prozent des Abbruchmaterials werden hierzulande wiederverwendet, 66 Millionen Tonnen im Jahr. Brechmaschinen zerkleinern den Schutt, Magnete entfernen Stahl und Eisen, Siebe trennen den Rest in verschiedene Korngrößen. Am Ende dient das Material als Füllstoff im Tiefbau und kann sogar zu neuem Beton verarbeitet werden. 13 Prozent der in Deutschland verbrauchten Baustoffe stammen inzwischen aus dem Recycling.

Sylt auf Sand

Und Beton lässt sich auch aus Sanden herstellen, die bisher als ungeeignet galten. Denn auch mit einem höheren Zementanteil kann Wüstensand zu stabilem Beton werden. Dies ist allerdings teurer als die Nutzung von Material aus Sandkuhlen, Dünen und Sandbänken, selbst wenn dieses Material aus Australien importiert wird. Mit etwas Geld könnten auch Sedimente erschlossen werden, die sich bisher ungenutzt hinter Staudämmen ansammeln. Das hätte einen doppelten Nutzen: Die Kapazität des Staudamms würde wieder größer und die Strände bekämen Sandnachschub.

Auf Deutschlands größter Nordseeinsel kann man ein Lied davon singen wie aufwändig es ist, den Strand mit Aufspülungen zu erhalten. Jedes Jahr verliert Sylt in den Winterstürmen rund eine Million Kubikmeter Sand an die Nordsee, die gleiche Menge wird im Sommer von der vorgelagerten Sandbank wieder auf den Strand zurück gepumpt. Sechs Millionen Euro kostet dieser ewige Kreislauf im Jahr.

Buntes Plastikkinderspielzeug im Sand (Foto: SWR, SWR -)
Würde man die Insel den Naturkräften überlassen, gäbe es keine Touristen mehr und die Inselhauptstadt Westerland wäre in Gefahr SWR -

Seilziehen der Kräfte

Wäre nur die Natur am Werk, hätte die Nordsee längst einen guten Teil der Sylter Westküste geschluckt, die Touristen blieben fort und die Inselhauptstadt Westerland wäre in Gefahr. Seit über 150 Jahren kämpft die Insel mit technischen Mitteln dagegen an. Bei Überflügen im Hubschrauber oder Flugzeug wird die Sandhöhe einmal im Jahr mit einem Laserscanner auf den Zentimeter genau vermessen.

In Zukunft ist das vielleicht nicht mehr nötig. Christian Winter leitet die Arbeitsgruppe für Küstendynamik am Zentrum für marine Umweltwissenschaften an der Bremer Universität. Dort wird ein elektromagnetischer Strömungsmesser, kombiniert mit anderen Sensoren für Trübungsmesser, Salinität und Temperatur, eingesetzt, um die Interaktion zwischen Strömung und Sandtransport zu messen. So werden auf Sylt die einzelnen Wellen und die Kräfte gemessen, die die Wellen auf den Sand auswirken. Mit den Messwerten vom Strand füttern Winter und Team eine Computersimulation.

Dennoch, obwohl der Sand an den Stränden unter aller Augen verloren geht, hat das Thema die Öffentlichkeit bisher kaum bewegt. Viel zu oft wird der Sand als unendliche Ressource gesehen, Abbau und Diebstahl werden nicht mit der Umweltzerstörung an den Küsten in Zusammenhang gebracht. Viel Aufklärungsarbeit ist nötig, um ein Bewusstsein für die Endlichkeit des Rohstoffs Sand zu schaffen.

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