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Abgeklemmt: Kein Geld für Strom

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AUTOR/IN
Richard Fuchs
ONLINEFASSUNG
U. Barwanietz & R. Kölbel

Kein Geld für die Stromrechnung. Zu wenig Bares, um die Wohnung zu heizen. Diese Sätze klingen nicht nach Europa. Dabei gibt es solche Energiearmut von Menschen auch in Deutschland - oft nur eine Tür von der eigenen Wohnung entfernt.

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Wer seinem Energieversorger 100 Euro und mehr schuldet, der läuft Gefahr, dass der den Strom abschaltet. Als erstes kommt eine Mahnung, dann vier Wochen Schonfrist. Drei Tage vor der Stromsperre – ein letzter Zahlungsaufruf. Dann kommt der Außendienst, bittet ein letztes Mal um Sofortkasse - sonst ist der Stromzähler zu.

Ist das soziale Kälte?

Oder nicht doch ein schmerzhafter, aber notwendiger Weckruf für säumige Zahler? Das ist auch unter Energiekostenberatern umstritten. Dabei gibt es Stromschulden und Stromsperren nicht nur in armutsgefährdeten Regionen wie dem Ruhrgebiet.

Auch im vermeintlich reichen Südwesten Deutschlands - in Baden-Württemberg wie Rheinland-Pfalz - wird der Strom aus Geldmangel immer häufiger abgeklemmt. Schwerpunkte sind hier Mainz, Ludwigshafen, Mannheim und Stuttgart.

Energiearmut

Eine Entwicklung, die Andreas Löschel seit Jahren beobachtet. Er ist Professor für Energieökonomik an der Universität Münster. Und er ist gleichzeitig Mitglied DER Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung die Energiewende unabhängig evaluiert. Und wie viele andere Wissenschaftler nennt er das, was er sieht: Energiearmut.

Statistisch gesehen hat jeder Zehnte zu wenig Energie zum Leben. Bei alleinerziehenden Müttern und Vätern ist es sogar jeder Fünfte. Doch wer herausfinden will, wie sich ein Leben ohne Strom anfühlt, der trifft auf taube Ohren, verschlossene Lippen. Nach langer Suche findet sich ein Mann, der seine Türe öffnet.

Auch er will keinen Namen nennen

Er wohnt in einem 50er-Jahre Reihenhaus, der ockerfarbene Putz ist brüchig.
Seine Erdgeschosswohnung: dunkel und zugestellt mit schweren, braunen Holzmöbeln. Erst wenige Tage liegt seine Energiesperre zurück. Er ist arbeitslos, hat körperliche Gebrechen durch eine Behinderung. In der Zeit seiner Stromsperre behalf er sich mit einem Stromkabel zur Nachbarwohnung.

Für Caren Lay, mietenpolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag, verbirgt sich hinter den hunderttausenden von Haushalten ohne Strom eine stille, soziale Katastrophe. Für sie sind Stromsperren ein Relikt der Vergangenheit. Weshalb Caren Lay mit der Linkspartei - als einzige politische Kraft in Deutschland - dafür kämpft, Strom- und Gassperren gesetzlich zu verbieten.

Nur Reiche können sparen

Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass in ärmeren Haushalten, mit mehrheitlich bildungsferneren Bewohnern, Energieverschwender leben. Schlecht isolierte Wohnungen, stromfressende Elektrogeräte, sorgloser Umgang mit Energie inklusive.

Antje Kahlheber von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hört derlei Zuschreibungen häufig. Bestätigen kann sie das aber nicht. Im Gegenteil. Ärmere Haushalte verbrauchen im Schnitt ähnlich viel Energie wie reichere Haushalte. Nur ihre Möglichkeiten, Strom und Geld im großen Maßstab einzusparen, seien geringer, sagt Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut.

Stromrechnung mit Hartz4

Für viele Geringverdiener ist damit der Weg in die Energieschuldenfalle vorgezeichnet, sagt Michael Kopatz. Denn wer Sozialleistungen nach Hartz-4 bezieht, der bekommt zwar Wohn- und Heizungsgeld oben drauf. Stromrechnungen muss er oder sie aber vom Hartz4-Regelsatz in Höhe von 400 Euro selbst begleichen. Ebenso wie mögliche Nachzahlungen und Sperrgebühren.

Sparschwein, Geld, Stromkabel (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Ärmere Haushalte haben weniger Möglichkeiten, Strom und Geld im großen Maßstab einzusparen Foto: Colourbox.de -

Viele Wohlfahrtsverbände fordern politische Nachbesserungen. Besonders, weil gerade bei Geringverdienern häufig die Warmwasserbereitung mit den teuren und stromfressenden elektrischen Durchlauferhitzern gemacht wird, sagt der Wissenschaftler.

Steigende Strompreise

2017 setzten steigende Netzentgelte den Strompreis weiter drastisch unter Druck. Zahlreiche Stromversorger kündigten Preiserhöhungen an, oder setzten sie bereits um. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die bis im vergangenen Jahr regierende Große Koalition von Union und SPD für die unterirdische Verlegung von einigen Stromautobahnen geeinigt hatte. Das Verlegen von Erdkabeln - die teuerste aller Optionen. Und den Preis zahlen – die ärmeren Haushalte.

Doch wie kann eine faire und sozial gerechte Energiewende aussehen?
Julian Aicher ist überzeugt, den Schlüssel dafür gefunden zu haben. Aicher lebt auf der Rotismühle bei Leutkirch, einem Weiler inmitten der grünen Hügellandschaft des baden-württembergischen Allgäus.

Julian Aicher erzeugt seinen Strom selbst (Foto: SWR, SWR - Richard Fuchs)
Julian Aicher erzeugt seinen Strom selbst SWR - Richard Fuchs

Energiearmut statt Energiewende

Aicher, ein Endfünfziger mit grauem Dreitagebart, hoher Stirn, Sweater und Jeans, betreibt auf dem Mühlengelände seiner Familie eine Kleinwasserkraftanlage. Ein Wasserrad, das sein Haus zu Zeiten zusammen mit Solaranlage und Holzofen energieunabhängig macht.

Aicher ist überzeugt: Eine sozial gerechte und faire Energiewende gibt es nur, wenn die Vorteile der Erneuerbaren Energien auch direkt bei jedem einzelnen Bürger ankommen. Dazu müsse nicht jeder wie er 100 Prozent Eigenstrom produzieren.

Aber er hat eine andere Forderung, geteilt von Umweltverbänden und Vertretern der Erneuerbaren-Energien-Branche: Statt energieintensive Unternehmen von der Ökostromförderung zu befreien, wie es derzeit noch immer bei über 2000 Unternehmen praktiziert wird, sollten die Mehrkosten für die Energiewende fair auf alle verteilt werden. Das könnte die EEG-Umlage für Privatkunden beträchtlich senken.

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Energie: aktuelle Beiträge

Klimawende Wie unsere Industrie klimaschonend wird – Energie effizient nutzen (2/3)

Wie kann die Industrie Energie effizient nutzen? Alle Maschinen erzeugen Abwärme. Sie ist die größte noch nicht erschlossene Energiequelle. Ihre Nutzung ist kompliziert und erfordert Kooperation. Die Maßnahmen sind kleinteilig und lohnen sich oft erst bei hohen Energiepreisen, also genau jetzt. Von Dirk Asendorpf. (SWR 2022) | Ihr wollt SWR2 Wissen live erleben? Kommt zum SWR Podcast-Festival vom 12. bis 14. Januar 2023 in Mannheim. Mehr Infos, Line-Up und Tickets gibt es hier: http://swr.li/swr-podcastfestival | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/industrie-klimaschonend | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

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Energiewende Wie wir im Haushalt Strom und Gas sparen – Energie effizient nutzen (1/3)

Wirtschaftsminister Robert Habeck ruft die Menschen zum Energiesparen auf. Welche Maßnahmen schonen nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Klima? Ökoprogramm für Waschmaschinen, Fegen statt Saugen, Geräte nachts abschalten – das beruhigt nur das eigene Gewissen. Wer im Haushalt Energie sparen will, muss die großen Dinge angehen. Von Dirk Asendorpf. (SWR 2022) | SWR2 Wissen, Deutschland3000, Gefühlte Fakten und noch viele Formate mehr könnt Ihr beim SWR Podcast-Festival live erleben. Hier geht es zu den Tickets: http://swr.li/swr-podcastfestival | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/energie-sparen | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen

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25.11.1973 Erster autofreier Sonntag – Sondersendung

25.11.1973 | Im Herbst 1973 drosseln die OPEC-Länder den Erdölexport und sorgen damit für die erste weltweite Ölkrise.
Das Ölembargo ist eine Reaktion auf den „Jom-Kippur-Krieg“. Am 6. Oktober hatten Ägypten und Syrien überraschend Israel angegriffen - am höchsten Jüdischen Feiertag. Trotz schwerer Verluste kann Israel den Agriff abwehren. Es erobert und besetzt Teile der syrischen Golanhöhen.
Die OPEC-Staaten setzen daraufhin das Erdölembargo als Sanktion gegen den Westen ein, der sich im Konflikt auf die Seite Israels gestellt hat.
Die Bundesrepublik reagiert auf die Ölknappheit mit einer ungewöhnlichen Sparmaßnahme. Sie verhängt vier autofreie Sonntage sowie Tempolimits. Der erste dieser Sonntage ist der 25. November. Der Südwestfunk sendet dazu nachmittags eine dreistündige Sondersendung. Wir hören einen Zusammenschnitt aus der ersten Stunde. Vor allem die Musik haben wir herausgeschnitten. Besonders hörenswert: Die launige Reportage von SWF-Reporter Pit Klein, etwa ab 03:00 dieser Aufnahme.  mehr...

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