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Wachstum um jeden Preis? Der neue Boom der Kapitalismuskritik

Der Kapitalismus ist am Ende. So wirkt es zumindest, wenn man die aktuelle gesellschaftliche Debatte verfolgt. Da ist die Mehrheit der Beobachter, der Sachbuchautoren und der Gesellschaftskritiker wohl einig: Es läuft etwas schief im System. Christoph König sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann über die neu aufgeflammte Kapitalismuskritik.

Sujet Finanzkrise, verbranntes Geld

Laut Piketty verschlingt das Wirtschaftswachstum unsere Ressourcen und zerstört die Umwelt

Grundtenor der neu aufgekommenen Kapitalismuskritik und auch des Buches "Kapital im 21. Jahrhundert" des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty: Das Wirtschaftswachstum verschlingt unsere Ressourcen und zerstört die Umwelt. Ein anderer Punkt: Die Gewinne des Wachstums stecken einige wenige ein, Verluste werden stattdessen der Allgemeinheit übertragen. Das Ergebnis ist eine soziale Schieflage, die Gesellschaft, Sicherheit und Stabilität der Wirtschaft gefährdet. Das ist auch ein Thema, das Michael Hartmann seit Jahren untersucht, er ist emeritierter Professor für Soziologie an der TU Darmstadt und hat sich einen Namen gemacht als Elitenforscher.

Herr Hartmann, sind Sie mit Piketty einer Meinung, die ungleichen Vermögensverhältnisse gefährden unser Gesellschaftssystem?
"Ja, das wird auf Dauer so sein, wobei man sehen muss, dass sich der Kapitalismus als sehr robust und überlebensfähig erwiesen hat, es wird viele Korrekturen an diesem System geben, weil auf Dauer eine ökonomische Ungleichverteilung in der Gesellschaft Proteste hervorrufen wird, aber das muss nicht gleich ein ganzes System zerstören. Ich vermute prinzipiell, dass es in Zukunft, in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren, Proteste geben wird, in welchen Ländern, das passieren wird, werden wir dann sehen."

Der französische Ökonom Thomas Piketty spricht zu Studenten und Gäste bei einer Präsentation am Kings College in London

Thomas Piketty, Autor des Buches "Kapital im 21. Jahrhundert"


Das Thema von Piketty ist überhaupt nicht neu, wie kommt es, dass sein Buch ein Bestseller geworden ist?
"2007 ist ein Buch erschienen, das Piketty zusammen mit einem Co-Autoren herausgegeben hat und das alle Zahlen zu dem ökonomischen Problem enthält. Das Buch ist in Fachkreisen beachtet worden, das wars aber dann auch schon. Warum der Mann jetzt so Erfolg hat, hat damit zu tun, dass es nach 2007 die Finanzkrise gegeben hat, die hat den Glauben in der Bevölkerung, dass der Markt alles zugunsten der Gesamtbevölkerung schon regeln wird, erschüttert. Hinzu kommt: Erst als das Buch in den USA erschienen ist, stellte sich der weltweite Erfolg ein. Das lag daran, dass der Teil der Bevölkerung, der so ein Buch kauft, unmittelbar von den Thesen von Piketty betroffen ist.

Das sind etwa ganz normale Hochschulprofessoren, die gehören zu den oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher. Die haben feststellen müssen, dass in den letzten vierzig Jahren ihr Anteil am Gesamteinkommen stabil geblieben ist, währenddessen sich der Anteil des oberen Prozents verdreifacht und der der oberen Promille vervierfacht hat. Also die haben gesehen, dass die Reichen immer reicher geworden sind. Und der Anteil am Vermögen dieser Schicht, zu der die Professoren gehören, ist in den letzten Jahrzehnten sogar gesunken, während sich der Anteil des oberen Prozents fast verdoppelt hat auf mittlerweile über 40 Prozent des Gesamtvermögens. Ich glaube Pikettys Buch trifft einmal den Nerv der Zeit, macht auf ein reales Problem aufmerksam, und es trifft gleichzeitig auf viele betroffene Menschen, das macht den Erfolg aus."



Wir Deutschen sind doch immer stolz gewesen auf die soziale Marktwirtschaft, was ist da in den letzten Jahren passiert, warum lief der Kapitalismus aus dem Ruder?
"Es haben sich Kräfteverhältnisse verändert. Die Gewerkschaften haben massiv an Einfluss verloren, siehe USA und England, die dortigen Regierungen haben das unter Thatcher und Reagan forciert, dann kam 1989 der Zusammenbruch des Ostblocks, der ein riesiges Arbeitskräftereservoir frei gesetzt hat, es gab deshalb große ökonomische Probleme. Und das System der sozialen Marktwirtschaft hat sich ja nicht deshalb gebildet, weil die Unternehmer eingesehen hätten, dass der soziale Aspekt wichtig wäre, sie haben sich darauf einlassen, weil sie den politischen Kräfteverhältnissen gehorchten, also war die soziale Marktwirtschaft in dieser Hinsicht keine Tat von wirklich überzeugten Unternehmern."

Die Profiteure des kapitalistischen Systems sagen uns immer wieder, das System sei alternativlos, stimmt das?
"Ich glaube, dass man Alternativen immer erkämpfen muss, das ist eben keine Frage von Argumenten sondern Kräfteverhältnissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in vielen Industrieländern eine goldene Phase, die sehr geringe Einkommensungleichheiten aufwies, das betraf Deutschland, Frankreich, England, die USA, das war die Folge des Zweiten Weltkriegs. Dann hat sich das eine Weile gehalten, dann total umgedreht, die Schere zwischen Arm und Reich ist immer weiter auseinander gegangen. Und die Eliten haben sich eingerichtet in einer Welt, in der man sich nur noch gegenseitig auf die Schultern klopft, sich bestätigt, die Eliten rekrutieren sich aus jenen Schichten, die von der Entwicklung profitieren. Und die Teile der Bevölkerung, die am stärksten unter dieser Entwicklung zu leiden haben, nehmen am politischen Leben nicht mehr Teil, das untere Drittel der Bevölkerung geht teilweise überhaupt nicht mehr zur Wahl oder wählt Protestparteien. Ich glaube, gerade wegen dieser Entwicklung müssen Proteste kommen, um sowohl die Eliten als auch die Nichtwähler aufzuwecken."

Was halten Sie vom Konzept einer Postwachstumsgesellschaft, die jetzt einige Soziologen präferieren?
"Ich bin da skeptisch. Diejenigen, die jetzt immer davon sprechen, dass wir den Gürtel enger schnallen sollen, dass wir das Wachstum als Ideologie und Lebensform endlich aufgeben sollen, die verlangen das nicht von sich selbst, sondern in erster Linie von der Masse der Bevölkerung, und das ist selbstgerecht. Also da bin ich vorsichtig, was ich unterschreibe ist, dass wir eine andere Form von Wachstum benötigen."

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