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Eine blühende Wiese

ARD-Themenwoche Heimat Kann man Heimat riechen?

Was ist Heimat? Ein Ort, an dem man sich immer wieder gerne erinnert? Auch dann wenn man schon lange woanders lebt? Und wodurch wird diese Erinnerung ausgelöst? Durch einen Geruch oder einen Geschmack? Kann man Heimat also riechen oder schmecken?

Wonach schmeckt ihre Heimat?

Kartoffelwurst, Spuntekäs, das ist für mich Heimat. Petersilienkartoffeln, irgendwie, Schweinebraten solche Sachen halt, die so typisch deutsch sind ...

Und wonach riecht sie?

Gemähtes Gras - das erinnert mich einfach an die Heimat, weil ich vom Land komme und da ist das der Geruch, den ich öfter mal rieche. Ich fahre viel Fahrrad und da fahre ich viel in der Natur herum und das ist der Geruch von Heimat...

Ein Mann mäht mit seinem Traktor Grass auf der Wiese.

Der Duft von gemähtem Gras kann Erinnerungen an die Kindheit wecken


Ich war in Südfrankreich im Urlaub in einem Winzerhaus. Und da kamen wir in die Wohnung und da war so ein mostiger Geruch. Und ich habe mich erinnert, genau immer diesen Geruch gerochen zu haben, wenn ich am Keller eines Nachbarn vorbei gegangen bin, der selber Wein gemacht hat. Das war für mich Kindheit und Heimat ...

Düfte wecken Erinnerungen

Auch wenn wir etwa Himbeerkuchen essen und uns der Geschmack das Gefühl gibt, wieder 5 Jahre alt zu sein und im Garten unserer Oma zu sitzen, dann ist es eigentlich der Geruch der Beeren und des Teigs, der uns sofort in die Vergangenheit katapultiert. Der Geschmack kommt nur dazu. Das sagt Stephan Schöller. Er ist Diplom-Oenologe in Bodenheim und befasst sich seit vielem Jahren mit Geruch.

Eigentlich riechen wir viel besser als wir schmecken, wir bezeichnen es nur landläufig nicht so. Wenn wir alltäglich viele Dinge unter der Nase haben, dann sagen wir häufig: Oh das schmeckt mir gut, oder das schmeckt mir weniger aber wir meinen meistens den Geruch damit.

Verantwortlich dafür ist das limbische System. Das ist, ganz kurz ausgedrückt, der Teil des Gehirns, der unter anderem dafür zuständig ist, Erinnerungen mit Gefühlen zu verknüpfen.

Unser Gehirn ist ja sehr unterschiedlich aufgebaut und hat zwei Abteilungen, die einmal für das Rationelle zu verarbeiten ist, also das Rationale und das Emotionale. Und da wo Emotionen verarbeitet werden, da werden auch Bilder verarbeitet und an derselben Stelle, im limbischen System, da werden auch Gerüche verarbeitet. Und je nachdem wie das Geruchsempfinden damals war, bleibt die eben sehr intensiv im Gedächtnis hängen. Und eine emotionale Erinnerung ist immer sehr viel besser als eine rationale. Eine Emotion, die bleibt sehr lang haften, je nachdem wie extrem die war, entweder positiv oder negativ.

Geruchserinnerungen der Kindheit

20.-30.000 Riechzellen hat jeder von uns. Schon Neugeborene können sie nutzen und Gerüche einordnen in schön oder weniger schön. Und es sind gerade die Geruchserinnerungen der Kindheit, die uns ganz besonders prägen, denn nie wieder lernen und speichern wir so schnell wie in den ersten Jahren.

Kinder auf Bank auf Blumenwiese

Düfte und Gerüche aus der Kindheit bleiben oft ein Leben lang in Erinnerung

Deshalb hat jeder von uns seinen eigenen Geruch nach Heimat, der sofort dieses tiefe Gefühl und Geborgenheit auslöst. Für den einen ist es Himbeerkuchen, für den anderen gemähtes Gras und für den Dritten ein bestimmtes Waschmittel. Für Geruchsspezialist Stefan Schöller ist es der Geruch der Salbe, mit der ihm seine Mutter früher immer die Brust einrieb, wenn er krank war:

Man war krank, aber die Mutter kümmerte sich und da war ein Gefühl von Geborgenheit und dann ging es einem auch irgendwie besser. Und das ist auch im Gedächtnis drinnen, nicht das einzelne ätherische Öl, sondern das Gesamtbild, die gesamte Situation prägt sich ein Und das läuft zwar über den Geruch, über unsere Riechzellen. Aber im Hippocampus, also in unserem Langzeitgedächtnis, da bleibt diese Erinnerung: bisschen krank, Mutter hilft, gute Situation, am Schluss wieder gesund geworden. Das bleibt in Erinnerung und das geht das ganze Leben über und so hat jeder seine Rückbesinnungen auf die Kindheit...

Gerüche hinterlassen Spuren

Unsere Heimat ist die Türkei und – ja, das kann man riechen, Hat was ganz Eigenes, wenn man auch in Deutschland den Geruch an die Nase kommt, wo man sagt, es riecht gerade nach Heimat, es riecht nach Türkei. Aber wonach es riecht, kann ich Ihnen nicht beschreiben, es riecht nicht nach Brot, es riecht nicht nach irgendetwas Anderem aber es hat was an sich irgendwie.

Irgendetwas, das eine Erinnerung und ein Gefühl von Heimat wachruft, auch dann noch wenn man schon jahrzehntelang woanders lebt. Hört das irgendwann einmal auf?

Stephan Schöller: Dann wird das ihr Leben lang so bleiben. Da können sie sicher sein, solange ihr Gedächtnis funktioniert, haben sie auch diese Erinnerung.

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