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Als die ersten Menschen vor 800 Jahren Neuseeland besiedelten, lebten dort keine Landsäugetiere. Vögel wie der Moa, der Kakapo oder der Kiwi, die am Boden brüten und nicht fliegen können, hatten keine natürlichen Feinde. Gegen - vor allem von Europäern - eingeschleppte Kleinräuber wie Ratten, Wiesel oder Hunde konnten sich die heimischen Laufvögel nicht wehren. Neuseeland gilt mittlerweile als das Land mit den meisten invasiven Arten weltweit. Wissenschaftler wollen retten, was noch zu retten ist.

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Neuseeland ist als entlegenes Archipel vom Rest der Welt isoliert, und die Arten, die sich einst hier ansiedelten und sich hier weiterentwickelten, hatten sich an diese spezielle Umwelt angepasst. Sie unterscheidet sich von anderen, weil es bestimmte Tiere und Pflanzen hier nicht gab. Mit den Menschen aber kamen Spezies aus anderen Teilen der Welt nach Neuseeland.

Unter dem Motto "Raubtierfreies Neuseeland bis 2040" sind Umweltgruppen im ganzen Land aufgerufen, invasive Raubtiere mit Fallen und Säuberungsaktionen zu bekämpfen. Das Ziel gilt als ambitioniert und schwierig, doch Experten glauben, dass es bis in 25 Jahren erreichbar ist.

Im Nationalmuseum "Te Papa" in Wellington erfahren Besucher, dass Neuseeland bis vor rund 80 Millionen Jahren Teil des Superkontinents Gondwana war, zusammen mit Australien, der Antarktis, Indien, Afrika und Südamerika. Als Gondwana auseinanderbrach, drifteten die Landmassen mit ihren pflanzlichen und tierischen Bewohnern über die Erdoberfläche, angetrieben von riesigen Wärmeströmen in Erdinneren.

Neuseeland - Landschaft bei Waiomio (Foto: SWR, SWR -)
Neuseeland - Landschaft bei Waiomio SWR -

Eine wandernde Insel mit komischen Vögeln

Mit diesem Kontinentaldrift "wanderte" Neuseeland nach Südosten, bis auf seine derzeitige Position, isoliert im Südpazifik, 2.000 Kilometer östlich von Australien. Flora und Fauna des neuseeländischen Archipels entwickelten sich eigenständig weiter, auch wenn immer wieder Pflanzensamen und Vögel aus anderen Regionen, getrieben von Wind- und Meeresströmungen auf die Inseln gelangten. Säugetiere gab es – außer einer kleinen Fledermaus – keine aus Neuseeland.

Um 1250 nach Christus setzten die ersten Siedler von Polynesien aus, Maori genannt, nach Neuseeland über – in kleinen Booten. Der enorme Wandel kam dann aber mit der Ankunft der Europäer vor etwa 250 Jahren, die viele Pflanzen und Tiere – speziell räuberische Säugetiere – einschleppten oder aussetzten, das heimische Ökosystem seither zerstört haben.



Die Europäer brachten Nutztiere mit, Schafe, Rinder und Ziegen z.B., dazu Katzen – die eine große Bedrohung für die heimische Tierwelt waren, Kaninchen und Hasen. Sie hielten das für sinnvoll. Als sie dann erkennen mussten, dass Kaninchen ihr Weideland untertunnelten und ihr Vieh in Kaninchenbauten einbracht, brachten sie Hermeline, Frettchen und Wiesel ins Land, um die Kaninchen zu kontrollieren.

Der Krieg der Tiere

Erst in 25 Jahren soll es so weit sein, dass Neuseeland alle räuberischen Tiere unter Kontrolle hat, so das Ziel des Programms: "Predator –free NZ – Raubtierfreies Neuseeland 2040". Ein Ziel, das fast unerreichbar erscheint. Hier haben sich ganz besondere Vögel entwickelt, die es anderswo in der Welt nicht gibt: Einige können nicht fliegen und sie brüten ihre Eier auf dem Boden aus. Leichte Beute für Ratten und andere räuberische Säugetiere, die mit den Menschen ankamen. Auf solche Fressfeinde waren die heimischen Vögel nicht vorbereitet.

Nur auf drei kleinen Inseln im Süden Neuseelands, die weit genug von den Küsten entfernt liegen, können die vom Aussterben bedrohten Laufvögel vor räuberischen Säugetieren geschützt werden. Die Kakapo-Inseln im Süden Neuseelands sind gesperrt für die Öffentlichkeit. Dieser ungewöhnliche Lauf-Papagei hat ein grünbraunes Fell, ist so groß wie ein Fasan und ihm werden die Flugeigenschaften eines Ziegelsteins nachgesagt.

Der Park "Zealandia" will Besuchern ein Neuseeland zeigen, wie es vielleicht noch vor 500 Jahren existierte, real und begehbar. Nur der Moa und andere ausgestorbene Tiere können nur noch im Animationsfilm gezeigt werden. Ein achteinhalb Kilometer langer Zaun schützt den Park "Zealandia" vor räuberischen Säugetieren. Die Maschen sind klein genug, um größere Tiere fernzuhalten, nur Mäuse schaffen es, dennoch in den Park zu schlüpfen. Ein neuer Zaun wird deshalb noch engere Maschen haben.

Sprechende Vögel sind zurück

Ehe Zealandia eingezäunt wurde – und Possums und Ratten ferngehalten werden konnten, gab es nur sechs Tui-Brutpaare in Wellington. Heute ist der Vogel der häufigste in der Stadt. Tui haben ein dezentes Federkleid, schwarz-grün mit einem weißen Federbüschel an der Kehle wie ein Pastor.
Außerdem besitzen sie einen doppelten Kehlkopf. Damit erzeugen sie vielseitige Töne und können sogar sprechen, wenn sie trainiert werden. Die Maori hielten sich solche sprechenden Tui. Der Vogel ist mittlerweile so häufig in der Stadt, dass er angefangen hat, Feuerwehr- und Polizeisirenen nachzuahmen und das Klingeln von Mobiltelefonen.

Ein frischer Wind fegt durch den Wald. Die Wurzeln hoher Bäume sprengen die Pfade, die durch den Park "Zealandia" führen. An vielen Lichtungen stehen Vogelfutterhäuschen oder es hängen Flaschen mit Zuckerlösungen von Bäumen, an denen sich die Vögel selbst bedienen können. So zeigen sich die grünen Papageien, der kleine Hihi mit dem langen Federschwanz oder der Glockenvogel, die alle nur in Neuseeland vorkommen. So kann man sie im Park halten, denn draußen lauern ihre Feinde. Nicht nur Schulkinder, sondern eigentlich alle Bewohner von Wellington sollen sich von der Idee Raubtierfreies Neuseeland anstecken lassen.

Gegner der eingesetzten Gifte

Das Programm "Raubtierfreies Neuseeland", dass nicht nur in "Zealandia", sondern auch sechs anderen Schutzgebieten dieser Art Erfolg hatte, hat auch Gegner. Besonders auf der Südinsel, wo es viele sehr entlegene Gebiete gibt, können die Schädlinge nicht mit Fallen gefangen werden. Stattdessen werden Gift-Köder aus der Luft gestreut. Das Gift heißt 1080. Bauern und Jäger sind gegen den Einsatz und es gibt zahlreiche Diskussionen in den Medien und auf facebook darüber, ob es gut oder schlecht ist. Das lässt kaum jemanden kalt.



Unterwegs im Arthurs-Pass-Nationalpark auf der Südinsel Neuseelands, in mehr als 1.000 Metern Höhe. Ein Spazierweg führt vorbei an Südbuchen, deren Stämme und Äste in dem meist starken Wind hier so krumm und schief gewachsen sind, das sie aussehen wie eine Armee von Invaliden, die sich tapfer gegen das raue Klima verteidigt.
Judy Charles, 76 Jahre alt, ist im Dorf Arthur Pass zu Hause. Sie war einige Jahre Vorsitzende des örtlichen Umweltschutzvereins. Es ist schon eine tägliche Gewohnheit, die Tierfallen am Weg zu kontrollieren, sagt sie. Bunte Dreiecke an den Baumstämmen zeigen die Richtung an, in denen sie aufgestellt wurden. Gefragt nach dem Gift "1080" winkt Judy Charles ab. Dazu möchte sie nichts in ein Mikrophon sprechen.

Eine Insel ohne Räuber

Eingeschleppte Arten, die heimische Tiere und Pflanzen bedrohen, sind ein globales Problem. Auch in Deutschland gibt es invasive Pflanzen, die Allergien auslösen und andere Schäden verursachen. Und einige räuberische Säugetiere, die hier nicht heimisch sind. Dazu auf dem Boden brütende Vögel wie beispielsweise die Großtrappe.

Heute ist dieser Steppenvogel nur noch im dünn besiedelten westlichen Brandenburg zu finden. Zäune schützen sein Gelege vor dem eingeschleppten amerikanischen Waschbär und dem sibirischen Marderhund, aber auch vor heimischen Füchsen und Mardern. Freiwillige beobachten die Tiere und die Zäune. Wir leben aber nicht auf einer isolierten Insel. Darum könnte Neuseeland - anders als die Kontinentalgebiete - eines Tages wieder frei von räuberischen Säugetieren sein.

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