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Fluch einer Wunderwaffe Geschichte der Kalaschnikow

Das sowjetische Sturmgewehr "Awtamat Kalaschnikowa", bei der "Nationalen Volksarmee der DDR" als Maschinenpistole oder kurz "MPi K" bezeichnet, ist heute die erfolgreichste und meistverbreitete Kriegswaffe aller Zeiten. Mit ihr wurden mehr Menschen umgebracht als mit allen Massenvernichtungswaffen. Sie trägt den Namen ihres Erfinders, des Ingenieurs Michail Kalaschnikow. Ihre Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg.

Der russische Konstrukteur Michail T. Kalaschnikow mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr

Michail Kalaschnikow, Erfinder der berüchtigten AK-47

1943 vergab das nationalsozialistische Rüstungsamt an die Suhler Waffenfirma Haenel den Auftrag, eine moderne, automatische Infanteriewaffe zu bauen, die an Feuerkraft, Treffgenauigkeit und Robustheit allen anderen überlegen war: einen Maschinenkarabiner. Adolf Hitler persönlich setzte dafür den Namen „Sturmgewehr 44“ durch. Die Neuentwicklung musste auf Veränderungen in der Kampftaktik des Ersten Weltkrieges reagieren.

Feuerkraft auf kurzer Distanz

Statt bei offenen Feldschlachten stießen Menschenmassen in Sturmangriffen und beim Nahkampf um Bunker und Schützengräben aufeinander. Mobile Technik wurde eingesetzt, vor allem Panzer. Weit reichende Schützenwaffen – also Karabiner wie der deutsche K98, mit denen man Gegner auf über 300 Meter Entfernung treffen konnte – waren bei solchen Stellungskämpfen sinnlos. Stattdessen brauchten die Soldaten mehr Feuerkraft auf kurze Distanzen, schnelle Schussfolgen, leichtere, handlichere Gewehre und die entsprechende Munition.

Für den Russlandfeldzug kündigte das Führerhauptquartier neue Blitzkriege im Osten an. Die Strategie hatte seit 1939 funktioniert: Mit gewaltiger technischer Übermacht waren Polen und Frankreich überrannt worden. Tatsächlich war Sowjetrussland anfangs dem Ansturm nicht gewachsen. Stalins Truppen wurden aufgerieben, Mängel in der Bewaffnung und Ausbildung waren katastrophal. Es hatte nicht einmal jeder Soldat ein eigenes Gewehr.

Was war zuerst da?

Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, ausgebildet als Schlosser, seit 1938 beim Militär, wird als Panzerfahrer 1941 verwundet, hört im Lazarett vom Elend der schlechten Bewaffnung und will den deutschen Gewehren etwas Besseres entgegensetzen. Doch Kalaschnikows Sturmgewehr kam zu spät für den Kampf gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Erst 1947 wurde es serienreif.

Eine Kalaschnikow AK-74 (Automat Kalaschnikow 74)

Eine Kalaschnikow AK-74 (Automat Kalaschnikow 74)

Äußerlich ähnelt die AK-47 dem deutschen Sturmgewehr 44; hartnäckig hält sich auch nach 60 Jahren die Legende, die Kalaschnikow sei eine Kopie. Tatsächlich erfüllt sie dieselben taktischen Anforderungen, verschießt denselben Munitionstyp – die sogenannte Mittelpatrone.

In Korea erscheint der Awtamat Kalaschnikowa erstmals auf einem Kriegsschauplatz; mit Gründung des Warschauer Paktes 1955 wird er zur Standard-Infanteriewaffe bei allen Verbündeten Moskaus; damals auch dem China Mao Zedongs. Die chinesische Lizenzproduktion überdauert sogar den Bruch der sowjetisch-chinesischen Beziehungen.

Flut der Kalaschnikows

Zahllose chinesische AK-47 und deren Weiterentwicklungen werden in alle Welt exportiert. Die Kalaschnikow ist reif für die Massenproduktion – dank Blechprägetechnik – und so kehrt der Nachfolger und Gegenentwurf des Sturmgewehrs 44 auch nach Suhl zurück. Sturmgewehr darf er nicht mehr heißen; unter der Bezeichnung „MPi K“ wird er in der DDR in Lizenzfertigung der AK-47 produziert.

Kalaschnikow - das Gewehr vieler Revolutionäre: Libysche Freiheitskämpfer im April 2011

Kalaschnikow - das Gewehr vieler Revolutionäre

In aller Welt verschenken und verkaufen die Ostblockstaaten die AK-47 zu Hunderttausenden an „Nationale Befreiungsbewegungen“, verbündete Heere, neutrale Staaten. Ein beispielloser Siegeszug beginnt und damit auch unsägliches Leid für Millionen Menschen. Wie überlegen die AK-47 ist, erfahren zuerst die amerikanischen GIs in Vietnam.

In den 60er-Jahren führten die Amerikaner als Antwort auf die AK-47 ein neues Automatikgewehr bei ihren Truppen ein, das M16. Eugene Stoner, ein Luftfahrttechniker, hatte es entwickelt. Es war leichter als vergleichbare Waffen, weil statt Stahl und Holz Kunststoffe und Leichtmetalle verbaut wurden, und verschoss Munition, die nur noch halb so schwer war wie das bisherige NATO-Kaliber.

Krieg der Technik

Da für den Infanteristen jedes Gramm zählt, wurde das Leichtgewicht anfangs bejubelt. In den Reisfeldern und im Dschungel Vietnams offenbarte es jedoch seine Verarbeitungsmängel. Sie kosteten Tausende GIs das Leben. Erfinder Stoner und die
Herstellerfirma Colt gerieten politisch unter schweren Beschuss.

Mitglieder einer palästinensischen Spezialeinheit mit Sturmgewehren vom Typ AK-47

Mitglieder einer palästinensischen Spezialeinheit

Zwischen 1963 und 1967 müssen 159 Nachbesserungen am M16 vorgenommen werden, ein schweres Hemmnis für die Serienfertigung, ein tödliches Desaster für die Soldaten. Der Ruhm der Kalaschnikow aber wächst unaufhaltsam: Sie wird zum Symbol des "antiimperialistischen Kampfes", Mosambik führt sie als Symbol im Staatswappen. Sie bewährt sich auf allen Kontinenten.

In den 70er-Jahren wird die Waffe technisch weiterentwickelt – auch in Suhl. Hier dürfen sich die Produzenten rühmen, die Innenverchromung der Läufe zu beherrschen, was den Geschossdurchlauf verbessert und die Lebensdauer verlängert. Außerdem werden zahlreiche Modifikationen für Spezialeinheiten, z. B. Fallschirmjäger oder Scharfschützen, eingeführt.

Epidemie eines Modells

Vom Erfolg der Kalaschnikow profitiert auch der Chefexporteur der DDR. Schalck-Golodkowski füllt die klamme Staatskasse auf, indem er in Suhl und Wiesa gefertigte Sturmgewehre massenweise verhökert. Dabei bedient er Iraker und Iraner während des ersten Golfkrieges, Sandinisten und Contras in Nicaragua und über Zwischenhändler die USA. Von dort wandern sie zu Mudschaheddin, die damit in Afghanistan auf sowjetische Invasoren feuern.

Kindersoldat in Sierra Leone (Archivbild 1998)

Kindersoldat in Sierra Leone

Geschätzte 100 Millionen Kalaschnikows sind heute in aller Welt unterwegs. Langsam begreifen Politiker, welches Problem den wirtschaftlich und politisch immer enger verflochtenen Staaten in einer Zeit des Terrorismus und der regionalen Konflikte aus der unkontrollierten Verbreitung solcher Kriegswaffen erwächst. Michael Klare, Professor für Friedensstudien am Hampshire College in Massachusetts, bezeichnet „halbwüchsige Männer mit AK-47“ als das „tödlichste aller Kampfsysteme“. Bis zu neunzig Prozent ihrer Opfer sind Zivilisten.

Richtungsänderung

„Control Arms“ – so heißt eine Kampagne von Amnesty International, Oxfam und anderen Nicht-Regierungsorganisationen, die seit 2003 das öffentliche Bewusstsein dafür schärft und Verantwortliche in Politik und Wirtschaft zur Kontrolle des Waffenhandels drängt. Die Kalaschnikow in ihren vielen Spielarten wird überall auf der Welt nachgebaut. Es gibt keinen Patentschutz; Nachbau und Reparatur sind – das ist nun einmal das Erfolgsrezept der Waffe – spielend leicht. Im Drogenkrieg und in den ethnischen Konflikten Afrikas gelangt sie so tatsächlich in die Hände von Kindern.

Zwei Berühmtheiten: Ein Gewehr und sein Erfinder

Zwei Berühmtheiten: Ein Gewehr und sein Erfinder

Im November 2009 ist Michail Timofejewitsch Kalaschnikow 90 Jahre alt geworden. Er wird nicht mehr erleben, dass seine Wunderwaffe in aller Welt eingesammelt wird, weil die Menschheit sich endgültig für die friedliche Lösung von Konflikten entschieden hat. Dass wenigstens der Waffenhandel reguliert und eingedämmt wird, ist dagegen keine Utopie. Es ist eine politische Verpflichtung, an der sich Regierungen heute ebenso messen lassen müssen, wie Konstrukteure und Hersteller von Waffen.

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