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Käthe Kollwitz – Friedensaktivistin und Grafikerin

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Käthe Kollwitz (8.7.1867 - 22.4.1945) war vieles: begabte Künstlerin, glühende Pazifistin, moderne Frau. Ihre Meisterwerke gegen soziales Elend und Krieg sind auch 75 Jahre nach ihrem Tod noch aktuell.

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Käthe Kollwitz: erschüttert von Gerhard Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber"

Es gibt Ereignisse, die verändern ein Leben für immer: Am 26. Februar 1893 erlebt die Künstlerin Käthe Kollwitz im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die Aufführung von Gerhard Hauptmanns Werk "Die Weber". In einer aufwühlenden Inszenierung werden Ausbeutung, Not, Empörung und die dramatische Niederlage der schlesischen Weber im Jahre 1844 auf der Bühne nachvollzogen. Als das aufpeitschende Lied "Blutgericht" gesungen wird, treibt es die Zuschauer von den Plätzen. Die Aufführung endet mit tosendem Beifall. Käthe Kollwitz ist erschüttert.

Zuerst will sie das Drama nur illustrieren. Sie entwirft, zweifelt, unterbricht, sucht für ihre Ergriffenheit die überzeugende Form, schult autodidaktisch ihre Radiertechnik – bis sie nach vier Jahren beharrlicher Arbeit ein eigenständiges Werk geschaffen hat: Drei Lithografien und drei Radierungen – vereint im Bilderzyklus zum "Weberaufstand".

1898 zeigt Käthe Kollwitz, die damals noch nahezu unbekannt ist, ihren Weber-Zyklus in der Großen Berliner Kunstausstellung neben über 1.000 anderen Künstlern. Sachkennern verschlägt es die Sprache. Max Liebermann, der Förderer moderner Kunst, setzt in der Jury den Vorschlag durch, Käthe Kollwitz die "Kleine Goldmedaille" zu verleihen. Kaiser Wilhelm II., der damals den Kunstgeschmack diktiert, lehnt den Vorschlag jedoch entrüstet ab und teilt der Jury herablassend sein Veto mit:

"Ich bitte Sie, meine Herren, eine Medaille für eine Frau. Das käme ja einer Herabwürdigung jeder hohen Auszeichnung gleich."

"Rinnsteinkunst": Kaiser Wilhelm II. äußert sich verächtlich über Kollwitz' Werk

Weit mehr erzürnt den Monarchen wohl die dem "Weber-Zyklus" innewohnende Sozialkritik. "Rinnsteinkunst" nennt er dergleichen verächtlich. Käthe Kollwitz nimmt es gelassen. Ihre "Weber" werden für weitere Ausstellungen angefragt und bald in etablierte Sammlungen aufgenommen. Zuerst vom Dresdner Kupferstichkabinett, dessen Direktor, Max Lehrs, sogar ihre Auszeichnung mit der "Silbernen Plakette" bewirkt. Mit einem Schlag gehört Kollwitz zur ersten Riege der Künstler – und ist glücklich. Der Weber-Zyklus markiert den Durchbruch der Dreißigjährigen in die von Männern dominierte Kunstwelt. Ihren Weg dahin kennen damals aber nur wenige, denn ihre aufschlussreichen Tagebücher gelangen erst nach ihrem Tod in die Öffentlichkeit.

Unterstützt vom Vater: Käthe will Malerin werden, nichts sonst

In Käthes Tagebüchern liest man, dass die Eltern, Katharina und Karl Schmidt, niemals die strafende Hand gegen ihre vier Kinder erheben. Sie tolerieren wilde Verkleidungsspiele durch griechische Mythen, Schillers Tragödien und fröhlich verdrehte Opern. Sie lassen ihre Sprösslinge privat unterrichten, weil sie den Drill des preußischen Bildungssystems ablehnen, sie verlangen Respekt, geben Liebe und viel Freiheit.

Der Vater erkennt ihr Talent und fördert ihre künstlerische Ausbildung: In Königsberg erwirbt Käthe Grundkenntnisse im Zeichnen. Danach nimmt sie in Berlin Unterricht bei einem Maler – auch hier wieder privat, denn Frauen sind von einer akademischen Ausbildung ausgeschlossen.

1891 heiratet Käthe Schmidt Karl Kollwitz, der sich mittellos durch sein Studium gekämpft und eine Anstellung als Kassenarzt der Berliner Schneiderinnung angenommen hat. Als angehende Künstlerin will sie beweisen, dass sie Beruf und Ehe schafft. Sie ist nun Ehefrau, zweifache Mutter und Künstlerin. Einer Freundin gesteht sie, dass sie seit der Geburt der Kinder kaum zum Arbeiten kommt.

Ein Schwarz-Weiss-Foto von Käthe Kollwitz beim Zeichnen vor freiem Himmel (Foto: IMAGO, imago stock&people)
Käthe Kollwitz beim Zeichnen vor freiem Himmel imago stock&people

Kollwitz sieht das Elend Berliner Textilarbeiter in der Praxis ihres Mannes

Das Erstaunliche aber ist, dass Käthe Kollwitz genau in dieser belasteten Zeit jenen aufsehenerregenden Zyklus zum Weberaufstand gestaltet. Während sie daran arbeitet, kommt täglich das Elend der Berliner Textilarbeiter aus den nahen Mietskasernen über den Wohnungsflur in die Arztpraxis von Käthes Mann. "Nicht Mitleid, sondern Mit-Leiden" habe die Kollwitz bewegt, schreibt der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss später in seinen Erinnerungen an diese Zeit. Als Student hatte er die verehrte Künstlerin 1905 in ihrer Berliner Wohnung kennengelernt.

Reisen nach Paris prägen Käthe Kollwitz' besonderen Stil

Käthe Kollwitz hat ihren Stil von zwei Reisen aus Paris mitgebracht. In der Hauptstadt moderner Kunst ist sie 1901 dem inspirierenden Zeichner Théophile Steinlen begegnet, der wie sie aus dem Arbeitermilieu schöpft. Drei Jahre später kann sie dem Pariser Publikum ihren berühmten "Weber-Zyklus" zeigen. Sie trifft den verehrten Bildhauer Auguste Rodin, belegt Kurse und erlernt die Kunst plastischer Gestaltung. Abends genießt sie auf dem Montmartre mit Freunden die Leichtigkeit der Boheme. Danach wird die Kunst der Käthe Kollwitz vorübergehend farbenfroh.

Hochemotionales Thema: Mutter, Kind und Tod

Das erste Jahrzehnt im 20. Jahrhundert beschreibt Käthe Kollwitz als glücklich und schöpferisch. Kurzzeitig gestaltet sie vitale Aktbilder, sinnliche Szenen, die an Peter Paul Rubens denken lassen. Aber ein hochemotionales Thema ganz anderer Art wird sie nie mehr loslassen: Mutter, Kind und Tod. Einen Zyklus zum deutschen Bauernkrieg beendet Käthe Kollwitz 1908 mit der gebeugten Gestalt einer verzweifelten Mutter, die auf dem Schlachtfeld ihren toten Sohn findet. Ein greller Lichtstrahl beleuchtet sein Gesicht, das deutlich die Züge ihres Sohnes Peter trägt.

In der Nationalen Gedenkstätte Unter den Linden in Berlin steht eine Pieta von Käthe Kollwitz in einem großen sonst leeren Raum (Foto: IMAGO, Jürgen Ritter via www.imago-images.de)
Neue Wache: In der Nationalen Gedenkstätte Unter den Linden in Berlin steht eine Pieta von Käthe Kollwitz Jürgen Ritter via www.imago-images.de

Sohn Peter fällt im Alter von 18 Jahren im Ersten Weltkrieg

Es ist wie eine dramatische Vorwegnahme: Ihr eigener Sohn Peter Kollwitz stirbt im Oktober 1914 auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Käthe fühlt eine entsetzliche Mitschuld, hat sie doch ihren Mann zu der Unterschrift überredet, die der noch minderjährige Sohn stürmisch forderte, um als Freiwilliger in den Krieg ziehen zu können. Gerade achtzehn Jahre alt ist er geworden, Maler wollte er werden, der Mutter folgen. Nun ist er tot. Lange schweigen ihre Tagebücher. Doch in ihrem ungebändigten Schmerz will Käthe dem verlorenen Sohn ein Denkmal schaffen und ihm dabei nahe bleiben.

Erste Frau in der Akademie der Künste

1919 wird Käthe Kollwitz als erste Frau in die Akademie der Künste berufen. Sie wird zur Professorin ernannt und schließlich mit der Leitung der grafischen Meisterklasse betraut. In den Alltag von Käthe Kollwitz kehrt wieder mehr Leichtigkeit ein, nicht zuletzt durch die Enkelkinder aus der Ehe ihres Sohnes Hans. Das verbreitete Klischee einer meist traurigen, depressiven Künstlerin hält einer Prüfung nicht stand.

Jahrelang ringt Käthe Kollwitz damit, wie sie den erlebten Krieg als künstlerische Mahnung weitergeben kann. Erste Radierungsentwürfe verwirft sie als zu matt, ohne elektrisierende Kraft. Fast blitzartig erkennt sie: Es liegt an der Technik. Das Thema Krieg braucht die Wirkung des Holzschnitts. Hartnäckig erlernt Käthe Kollwitz seine kontrastreichen Besonderheiten. In zwei Jahren, zwischen 1921 und 1923, gestaltet sie einen Kriegs-Zyklus, der Betrachter im Berliner Kollwitz-Museum auch an heutige Kriege denken lässt. Ihre sechs Holzschnitte, gereiht an einer Wand, zwingen innezuhalten.

"Nie wieder Krieg!" ist eine leidenschaftliche Hoffnung der Künstlerin, die sie 1924 auf einem gleichnamigen Plakat ausdrückt: Eine junge Frau reißt mahnend ihren Arm nach oben, trägt den Protestschrei förmlich auf den Lippen: Nie wieder Krieg! Das Plakat wird zur Ikone der Friedensbewegung.

Mahnmale gegen den Krieg

An kaum einem Werk hat Käthe Kollwitz so lange gearbeitet wie an dem Denkmal für ihren gefallenen Sohn Peter. Zwei Granitskulpturen sind es am Ende geworden: Skulpturen einer Mutter und eines Vaters, mit den Gesichtszügen von Käthe und Karl. Im Sommer 1932, 18 Jahre nach Peters Kriegstod, ist sie mit dabei, als sie auf dem Soldatenfriedhof im flandrischen Roggenfelde aufgestellt werden, dort, wo der Sohn mit anderen Opfern begraben liegt.

Im Juli 1936 holt die Gestapo die 69-Jährige zum Verhör. Sie soll sich öffentlich von einem Artikel der Moskauer Zeitung "Iswestija" distanzieren, der ihre Lebensumstände als bedrückend schildert. Käthe Kollwitz distanziert sich. Die Gestapo hat ihr mit Konzentrationslager gedroht. Sie vollendet noch die Plastik "Mutter mit totem Kind", ihre Pietà, und kündigt ihren Atelierplatz. Wenige Tage vor dem Ende des Krieges stirbt Käthe Kollwitz am 22. April 1945 an Herzversagen.

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