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Mädchen scheinen mit dem deutschen Schulsystem besser zurechtzukommen. Nicht nur in bezug auf die Leistungen. Immer mehr Jungs, die sich nicht anpassen können, landen mit Etiketten wie ADHS, autistischer Störung oder als schwer beschulbar im Wartezimmer des Kinderpsychiaters.

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Während viele Mädchen brav auf ihren Stühlen sitzen und eifrig Buchstaben malen, hibbeln nicht wenige Jungs auf ihren Stühlen herum. Eine Situation, wie sie täglich in Grundschulen vorkommt. Nicht selten macht sich dieser Unterschied dann auch auf dem Zeugnis bemerkbar.

Jungs sind die schlechteren Schüler

Die Zahlen sprechen für sich: Bei Jungs wird viermal häufiger ADHS diagnostiziert als bei Mädchen. Störungen der zentral-auditiven Verarbeitung sollen etwa doppelt so viele Jungs wie Mädchen haben. Doch sind Jungs tatsächlich "gestörter"? Oder verhalten sie sich auffälliger, weil sie mit den gegebenen Umständen nicht zurecht kommen?

Marcel Helbig ist Professor für Bildung und soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt und zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter am renommierten Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In einer umfangreichen Publikation hat er den Wandel geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs untersucht. Dass es eine Bildungsungerechtigkeit zwischen Jungen und Mädchen gibt, hat auch schon der erste nationale Bildungsbericht aus dem Jahre 2006 belegt. Und dieses Fazit untermauert Helbigs Studie. Sein Fazit: Es gibt Unterschiede im Lernerfolg von Mädchen und Jungs.

Die Geschlechter sind nach seiner Untersuchung zwar gleich intelligent, doch es fällt auf, dass rund drei Fünftel der Kinder, die ein Jahr später eingeschult werden, Jungs sind. 11 von 100 Mädchen werden vorzeitig eingeschult, aber nur 7 von 100 Jungs. Auch bei den Kindern, die eine Klasse wiederholen, ist die Quote an Jungs bereits in der Grundschule höher.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mehr Schüler als Schülerinnen werden nicht versetzt. picture-alliance / dpa -

Artgerechte Schule

Jungs sind inzwischen im Bildungssystem tatsächlich benachteiligt sagt Birgit Steiner, die Rektorin der Scheffelschule in Rielasingen. 165 Schüler besuchen die Scheffelschule, eine ganz „normale“ Grundschule mit sport- und bewegungsorientiertem Profil und einer Ganztagesschule in Wahlform.

Ausgerechnet die Schulleiterin dieser Grundschule einer beschaulichen Gemeinde nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, sorgt für Diskussionen in der Bildungslandschaft. Mit ihrem Buch "Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung" nimmt sie das Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Schule ins Visier.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Muss sich der Unterricht ändern? picture-alliance / dpa -

Bis in die 60er Jahre wurden Jungen und Mädchen vielerorts getrennt unterrichtet. Mit der sogenannten Koedukationsdebatte wurde in den 70ern der gemeinsame Unterricht flächendeckend durchgesetzt. In den 90er Jahren schließlich kam der Begriff der „reflexiven Koedukation“ auf. Hierbei geht es nicht mehr darum, Jungen und Mädchen im Unterricht generell zu trennen.

Bewegung und Konzentration

Es geht darum, sich an den jeweiligen Besonderheiten und Lernerfordernissen der beiden Geschlechter zu orientieren und den Unterricht dem entsprechend geschlechtergerecht durchzuführen – ohne dabei Jungen und Mädchen explizit zu trennen.

Den Mädchen als Gruppe hat die Koedukation genutzt, bekamen sie doch endlich dieselben Chancen wie ihre männlichen Mitschüler. Die Jungs dagegen haben sich im Zuge der Koedukation zum förderbedürftigen Geschlecht entwickelt.

Sport Lehrer Unterricht (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Der Lehrer ist eine wichtige Bezugsperson Foto: Colourbox.de -

Polarisierende Thesen: Sind Mädchen beflissener?

Birgit Steiner sieht noch einen weiteren Aspekt, worin sich Jungs und Mädchen im Lern- und Arbeitsverhalten unterscheiden: Die meisten Mädchen sind in ihren Augen stark auf Erwachsene fixiert. Sie wollen gefallen, so die These der Pädagogin. Deshalb lernten sie also grundsätzlich in die Breite und seien dabei fleißiger als Jungs.

Zugegeben: Die Pädagogin Steiner polarisiert mit ihren Thesen. Die Gefahr dabei ist die, dass sehr schnell das Klischee von "dem Jungen" und "dem Mädchen" verbreitet wird. Natürlich gibt es auch Jungen, die ohne jegliche Probleme durch die Schule kommen. Sowie Mädchen, die mit viel Temperament und Bewegungsdrang gesegnet sind. – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Im Grunde aber decken sich die Überlegungen Steiners mit den Ergebnissen pädagogischer Forschungsstudien, wie sie auch Marcel Helbig durchgeführt hat. Der Wille auf ein Ziel hinzuarbeiten, sich anzustrengen und damit bereit zu sein, Leistung zu bringen – sind das die Eigenschaften, an denen es gerade den meisten Jungs mangelt? Sind das die Hürden, an denen sie bereits in den ersten vier Schuljahren scheitern?

Mehr Bewegung für alle

Mit Sitzbällen und Fußwippen hat Steiner eine eigene Unterrichtsumgebung geschaffen. Fensterbänke hat sie zu Stehpulten umfunktioniert. Und die Bewegung wird an der Scheffelschule Rielasingen konsequent in den Unterricht integriert. Und umgekehrt: Mathe im Sportunterricht.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mehr Bewegung im Unterricht. picture-alliance / dpa -

Multisensorisch. Mit allen Sinnen. Besonders für Jungs sei dies wichtig, weil diese über eine ausgeprägte taktile Neugierde verfügten. Jungs nehmen Dinge von Natur aus in die Hand, meint die Pädagogin. Aus ihren Beobachtungen und Erfahrungen kreierte Birgit Steiner schließlich ihr jungengerechtes Erziehungsprinzip.

Freiheit und Grenzen

Nach diesen Prinzipien unterrichtet Birgit Steiner. Bei den Jungs käme das gut an, sagt sie. Doch genau genommen nutzt dieses Erziehungsprinzip allen Schülern – denn Bewegung im Unterricht tut auch den Mädchen gut.

Die Kinder seien im Allgemeinen ausgeglichener und lernbereiter, so die Pädagogin. Dennoch müsse man speziell auf die Jungs eingehen, ihnen thematisch entgegenkommen. So könne man auch deren Lesekompetenz steigern.

Sowohl Wissenschaftler als auch Lehrer und Eltern sind sich einig, dass sich etwas ändern muss im Schulsystem, damit am Ende alle gewinnen – Jungs wie Mädchen.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Von einer durchdachten Schulreform könnten alle profitieren. picture-alliance / dpa -

Hauptproblem sind Geschlechterrollen

Ideen gibt es durchaus: Zwei Grundschuljahre mehr, wie es in manchen Bundesländern bereits üblich ist, könnten den Jungs mehr Zeit verschaffen, sich im Schulsystem zu etablieren. Mehr Experimentier- und Forschergeist, mehr naturwissenschaftliche Themen und Denkansätze in der Grundschule - auch das wäre vielleicht ein Weg, um die Jungs besser zu motivieren.

Die Koedukation, die gemeinsame Beschulung wieder abzuschaffen, wäre überhaupt keine Lösung. Da sind sich alle einig. Auch wenn zeitweilige getrennte Unterrichtsmodelle vielen Mädchen zur Anerkennung in den Naturwissenschaften und Mathematik verholfen haben.

Ein großes Problem ist aber nach wie vor das Verhalten der Jungen. Ihre Peergroup suggeriert ihnen, dass sie sich nicht anstrengen müssten, um erfolgreich zu sein. Sie seien ohnehin das begabtere Geschlecht.

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