Judith Butler (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Philosophin und Feministin Judith Butler zum Sechzigsten

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Die US-amerikanische Sprachwissenschaftlerin und Philosophin Judith Butler ist eine wichtige Theoretikerin – für die feministische Bewegung, für die Gendertheorie und die kulturwissenschaftliche Erforschung sexueller Identitäten, den sogenannten Queer Studies. Ihr Denken ist komplex, ihre Sprache nicht ganz einfach – und um sie wirklich zu verstehen, hat man am besten Derrida und Foucault gelesen.

Bei Judith Butler hat Sprache einen hohen Stellenwert. Sprache, also Begriffe, bezeichnen Dinge und abstrakte Denkvorgänge. Im Alltagsverständnis gehen wir davon aus, dass zuerst das Ding da ist und wir dann einen Begriff dafür haben. Beispiel: da steht ein Möbelstück mit vier Beinen, einer Lehne und einer Sitzfläche. Mein Begriff dafür ist Stuhl. Bei Butler ist es andersrum: der Begriff, also die Bezeichnung für etwas, kommt zuerst und konstituiert dann erst das Ding. Ich sage also „Stuhl“ und nur die Tatsache, dass ich einem bestimmten Ding die Eigenschaften eines Stuhls zuschreibe (ist ein Möbel, kann man drauf sitzen, hat meistens vier Beine etc.) macht das Ding zu einem Stuhl. Komplexer wird das, wenn wir von einfachen Bezeichnungen zu gesellschaftlichen Zuschreibungen kommen.

Theaterbühne mit einem Stuhl (Foto: picture-alliance / ZB  -)
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Sprache erschafft Dinge

Da kommen die so genannten Diskurse ins Spiel. Ein Diskurs, wie Butler in der Folge von Foucault ihn versteht, bezeichnet den gesamten Hintergrund, Kontext, das Denkgebilde und die Zuschreibungen, die etwas in unserer Gesellschaft zu unserer Zeit ausmacht. Beispiel: Arbeit. Arbeit war vielleicht vor noch 100 Jahren lediglich ein Broterwerb, oft nicht selbst gewählt. Heute steckt in unserer Arbeit mehr; sie ist noch immer Mittel zum Geldverdienen, aber auch Selbstverwirklichung, die Freizeit auf der anderen Seite gehört dazu, das Feierabendbier mit den Kollegen usw. Und natürlich alle Gefühle, Einstellungen, Wünsche und Erwartungen, die wir immer im Hintergrund mitdenken, wenn der Begriff „Arbeit“ fällt. Alles das ist der Diskurs Arbeit, und der ist spezifisch für unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Auch hier ist es nun für Butler wie bei dem Stuhl: Entgegen unserem Alltagsverständnis ist sie der Ansicht, dass zuerst der Diskurs Arbeit da ist und erst dieser definiert, was Arbeit dann praktisch tatsächlich ist. Würde ich zum Beispiel den Begriff „Freizeit“ als Gegenbegriff zu „Arbeit“ gar nicht kennen, würde ich mich auch nicht um mehr Freizeit und ihre Ausgestaltung mit Dingen, die mir Spaß machen, bemühen.

Sprache hat also für Butler eine konstituierende Funktion. Ohne Sprache ist nichts, und das macht Sprache zu einem Instrument von Macht. Wobei „Macht“ hier nicht einer Regierung o.ä. zufällt, sondern eine Art Kraftfeld von Wechselwirkungen der Menschen untereinander ist. Diese Konstruktion beherrscht, wie wir die Welt sehen.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Damit kommen wir zu dem, wofür Butler vor allem bekannt ist: Geschlecht.

Was für den Stuhl und die Arbeit gilt, gilt auch für Geschlechter. Ein Mann wird erst dadurch als Mann definiert, dass wir ihm diese Eigenschaft mit sprachlichen Begriffen zuschreiben. Das geschieht natürlich nicht bewusst, aber die Aussage der Hebamme "Es ist ein Junge!" schreibt für Butler dem Kind sein Geschlecht erst zu. Das ist schwierig zu verstehen, denn im Allgemeinen würden wir davon ausgehen, dass das biologische Geschlecht zuerst da ist – das Kind hat einen Penis oder eben nicht. Das ist aber nur ein äußerliches Merkmal, und zu Geschlecht gehört deutlich mehr.

Indem die Hebamme das Kind als männlich bezeichnet, aktiviert sie die gesamten Diskurs unserer Gesellschaft zu den Themen Männlichkeit und Geschlecht. Erst durch diese Zuschreibung, die im Laufe des Lebens dieses Kindes natürlich immer mehr erweitert und spezifiziert wird, bekommt dieses Kind überhaupt ein soziales Geschlecht. Die Zuschreibung des biologischen Geschlechts dient nur der Vereinfachung.

Baby, Blau, Rosa, Socken (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
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Geschlecht als soziales Konstrukt

Mehr noch: Butler ist der Ansicht, dass der Körper an sich erst durch den Diskurs „Körper“ entsteht. Körper und Geschlecht sind also soziale Zuschreibung. Das bedeutet aber, und hier wird es wichtig für die feministische Theorie, dass sie veränderbar sind. Wenn wir die Sprache verändern, verändern wir Geschlecht. Das ist vielleicht das Wichtigste, was Butler für die feministische Bewegung geleistet hat: Sie unterscheidet nicht zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozial konstruierten Gender – für sie gibt es nur das sozial konstruierte. Und das muss nicht männlich oder weiblich sein, sondern kann unendlich viele Formen annehmen und sich im Laufe des Lebens auch verändern.

Flagge Gay Rights, LGBT (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
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Die Performance zählt

Diese Konstruktion-Dekonstruktion bewegt sich immer zwischen dem, was von außen an uns herangetragen wird und dem, was wir selbst zu werden versuchen. Das bedeutet auch, dass Geschlecht perfomativ ist. Heißt: meine Verhaltensweisen konstruieren mein Geschlecht mit.

Wie ich gehe, welche Kleidung ich trage, wie ich spreche, ob ich Fußball und Bier oder Mode und Cocktails mag – an dieser Stelle sind Stereotype ein gutes Mittel, um zu verdeutlichen. Ich produziere mein Geschlecht also durch mein Verhalten, und das wiederum ist durch die Gesellschaft konstituiert.

Schauspieler, Bühne, Performance, (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
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Die Macht der Gesellschaft

Auch hier spielt Macht wieder eine Rolle, denn unsere heteronormative Gesellschaft mit ihrem Zwei-Geschlechter-System übt über die Sprache Macht auf uns als Körper aus. Wer nicht in unsere Mann-Frau-Dichotomie passt, hat ein Problem und wird unterdrückt. Weil unser System nicht für mehr Geschlechter gemacht ist. Und das wiederum erzeugt Unsicherheit und oft Ablehnung von nicht-heteronormativen Geschlechtern.

Insgesamt kann man also sagen, dass Geschlecht für Butler immer politisch ist, weil der Diskurs darum in einem gesellschaftlichen Kontext ent- und fortbesteht. Insofern ist auch die Entgrenzung von Geschlechternormen immer politisch aufgeladen und eine Frage von Machtstrukturen.

Die einzige Möglichkeit von Handlungsfreiheit ist, die gesellschaftlichen Begriffe wie zum Beispiel "Weiblichkeit" immer wieder zu boykottieren, indem mit ihnen gespielt und so ihre bisherige Bedeutung in Frage gestellt wird. Das wiederum funktioniert aber nur im Bezug auf das bestehende System – eine völlige Abkehr davon ist also nicht möglich.

Danke, Judith!

Die verschiedenen Themen, die Judith Butler behandelt, spiegeln wider, wie sie arbeitet: nicht linear strukturiert, sondern diskursiv. Auch wenn ihr Werk zunächst als sehr divers erscheint, nähert es sich immer wieder von verschiedenen Seiten dem gleichen Themenkomplex: Macht, Diskursivität, Sprache, Performativität, Konstruktion und Dekonstruktion von Wirklichkeit.

Und ganz praktisch? Geschlecht ist eine konstruierte und damit veränderbare Kategorie – das hat die Genderbewegung in all ihren Facetten von Butler mitgenommen. Wir müssen uns den Kategorien Mann und Frau mit all dem, was dazu gehört, nicht unterwerfen. Jede und jeder kann selbst entscheiden, was für ein Geschlecht sie oder er hat und wie es ausgestaltet werden soll. Ganz platt: Mein Chef darf einen pinken Schlips oder auch Pullover tragen, ich darf im Fußballstadion Prosecco trinken – und damit definieren wir unsere Geschlechterrollen um. Und das ist nicht zuletzt der Verdienst von Judith Butler.

Mann mit Rosa Schlips (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
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Die wichtigsten Werke von Judith Butler

  • Das Unbehagen der Geschlechter
  • Körper von Gewicht
  • Haß spricht. Zur Politik des Performativen
  • Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen
  • Am Scheideweg: Judentum und die Kritik am Zionismus

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