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Joseph Beuys – mehr als der "Spinner" mit Fett und Filz

Beuys wollte mithilfe der Kunst die Gesellschaft verändern und brachte Alltagsmaterialien ins Museum. Er wollte alte Wunden heilen und den Menschen mit der Natur versöhnen. „Spinner“ war noch das mildeste Schimpfwort, das Joseph Beuys (12. Mai 1921 bis 23. Januar 1986) entgegenschallte.

Bis heute verehren ihn die einen als Visionär, die anderen fühlen sich vor den Kopf gestoßen von Fett und Filz und die dritten glauben, er habe seinen freiwilligen Einsatz im Zweiten Weltkrieg verharmlost. Möglicherweise spiegelt sich in der Diskussion um Beuys‘ Vergangenheit auch unser Umgang mit der deutschen Geschichte. In jedem Fall polarisiert Joseph Beuys bis heute das Publikum.

Beuys selbst hat seine Biografie als einen Werklauf geschrieben, als Abfolge von Kunstwerken und Ausstellungen. Seine Geburt am 12. Mai 1921 versinnbildlichte er mit einer Säuglings-Badewanne. Das Objekt wurde legendär, weil Damen eines SPD-Ortsvereins es 1973 bei einem Fest im Museum nicht als Kunstwerk erkannten und Gläser darin spülten.

Joseph Beuys lachend bei der Biennale in Venedig 1981 (Foto: Imago, imago images/Leemage)
Joseph Beuys bei der Biennale in Venedig 1981 Imago imago images/Leemage

Joseph Beuys wuchs zwischen den zwei Weltkriegen in Kleve auf. Mit fünfzehn Jahren schloss er sich der Hitlerjugend an, verpflichtete sich 1941 für zwölf Jahre zur Luftwaffe und wurde Bordfunker. 1944 stürzte er mit dem Flugzeug über der Krim ab. Der Pilot starb, Beuys überlebte und war nach drei Wochen im Lazarett wieder einsatzfähig.

Joseph Beuys und die Tartarenlegende

Später hat Beuys den Flugzeugabsturz in eine Legende verwoben. Umherziehende Tartaren hätten ihn gefunden, mit Fett gesalbt, in Filzdecken gehüllt und auf diese Weise geheilt. Für Beuys, den Erfinder des „erweiterten Kunstbegriffs“, war auch sein eigener Lebenslauf künstlerisches Material.

Joseph Beuys, Stuhl mit Fett, 1963, Block Beuys, Raum 3, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 (Foto: Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD)
Joseph Beuys, Stuhl mit Fett, 1963, Block Beuys, Raum 3, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Manche Biografen werten den kreativen Umgang mit den Fakten als Verdrängung. Das eigensinnige Werk spricht dagegen. Denn wie kaum ein anderer Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Joseph Beuys die Kunst von Regeln und Dogmen befreit.

Außerdem beinhaltet die Tartarenlegende künstlerisch einen wahren Kern: Sie übersetzt die Bedeutung von Fett und Filz und rückt die Geste des Heilens ins Zentrum. Fett, als die chaotische Energie, kann den rechten Winkel einer harten Stuhllehne heilen. Filz isoliert und schützt. Beuys rollt sich selbst in Filz und entwirft einen Filzanzug.

Joseph Beuys, FOND III, 1969  Grauballemann, 1952  Filzanzug 1970, Block Beuys, Raum 2, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 (Foto: Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD)
Joseph Beuys, FOND III, 1969 / Grauballemann, 1952 / Filzanzug 1970, Block Beuys, Raum 2, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Schwere Lebenskrise 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg

Mitte der1950er-Jahre drohte Joseph Beuys an einer schweren Depression zu Grunde zu gehen. Er erholte sich bei der Feldarbeit auf dem Bauernhof seiner Schulfreunde, der Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten aus Kranenburg.

Offenbar holte Beuys in dieser Lebenskrise die Erinnerung ein. Heute würde man von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen. Als eine Methode der Traumatherapie gilt inzwischen, sich die Grenzen des Körpers bewusst zu machen, damit das Nervensystem nicht von der gespeicherten Angst überwältigt wird. Die schwarz gummierte Kiste ist der Ort, an dem Joseph Beuys sich seiner Vergangenheit stellt und seine künftige Kunst konzipiert. Aus diesem Zusammentreffen der Zeiten entsteht bei ihm die Energie für Veränderung.

Als Beuys die Krise überwunden hat, bestellt er bei einem Tischler eine Holzkiste. Und während sich Beuys die Kiste zimmern lässt, beginnt er gleichzeitig an einem Wettbewerbs-Entwurf zu arbeiten für ein Mahnmal im Konzentrationslager Auschwitz.

Vielleicht wird Joseph Beuys heute auch deshalb so hart attackiert, weil sein Lebenslauf so eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Joseph Beuys, Auschwitz-Demonstration, 1956 - 1964, Block Beuys, Raum 5, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 (Foto: Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD)
Joseph Beuys, Auschwitz-Demonstration, 1956 - 1964, Block Beuys, Raum 5, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 Hessischen Landesmuseums Darmstadt | Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Joseph Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler"

Joseph Beuys spricht jedem Menschen die Macht des Künstlers zu, mithilfe der Kreativität sein Leben zu verwandeln. Heute ist die Aufregung nicht mehr zu verstehen, die Joseph Beuys provozierte, als er sagte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Damals befürchteten die Kritiker Dilettantismus und Banalität.

"Wenn ich sage: Jeder Mensch ist ein Künstler, sage ich ja nicht, jeder Mensch ist ein Maler, ein Bildhauer, ein Architekt, ein Tänzer, ein Komponist."

Er stellte vielmehr klar:

"Jede menschliche Tätigkeit kann den Anspruch der Kunst haben. Kann also auf dem Niveau der Kunst liegen und muss eigentlich als Kunst gesehen werden, denn sonst wäre es nicht richtig, den Menschen als ein schöpferisches Wesen schlechthin zu bezeichnen."

Beuys' Verhältnis zur Natur

Joseph Beuys' Vater war Futtermittelhändler, er selbst träumte als Kind davon, als Schäfer mit seiner Herde über das Land zu ziehen. Als Jugendlicher schloss er sich einem Zirkus an und arbeitete dort als Tierpfleger.

Er studierte bei Ewald Mataré, der mit großen Tierplastiken berühmt geworden war. Tiere bevölkern auch die Zeichnungen von Beuys, das emotionale Reservoir seines Werks. Als Totems, als Krafttiere treten der Hase und der Hirsch auf. Der gewitzte Hase, der seine Verfolger foppt, indem er überraschende Haken schlägt. Der majestätische Hirsch, der die dunklen Stunden des Künstlers begleitet. Das Umweltengagement von Joseph Beuys speist sich aus dieser seelischen Verbundenheit mit der Natur.

Omnipräsenz ab den 1970ern

In den 1970er-Jahren begann seine Omnipräsenz – und damit die vielleicht schwierigste Zeit. Joseph Beuys wird zur öffentlichen Person, zum Mann mit Hut und Anglerweste. Er redet, er diskutiert, er hält Vorträge. Und er führt Wahlkampf für die Grünen mit einem Plakat, das einen großen Hasen vor einem winzigen Soldaten zeigt. Beuys tritt gegen das atomare Wettrüsten auf, für Umweltschutz und eine Reform des Bankensystems. Mit seinem Sendungsbewusstsein kann er auch nerven, denn niemand will sich zu Veränderungen drängen lassen.

Über zehn Jahre lehrt Beuys an der Akademie in Düsseldorf, 1972 wird er entlassen, weil er keine Zulassungsbeschränkungen für seine Klasse akzeptiert. Später gewinnt er den Prozess gegen Johannes Rau, den damaligen Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, will sich dann aber nicht mehr an die Kunstakademie binden.

Studenten der Universität Düsseldorf demonstrierten am 18.10.1972 gegen den Numerus Clausus und die Entlassung von Joseph Beuys durch Johannes Rau (Foto: Imago, IMAGO / Klaus Rose)
Studenten der Universität Düsseldorf demonstrierten am 18.10.1972 gegen den Numerus Clausus und die Entlassung von Joseph Beuys durch Johannes Rau Imago IMAGO / Klaus Rose

1976 ist Beuys bei der Biennale von Venedig eingeladen. In dem von den Nationalsozialisten umgestalteten Pavillon erinnert er sich an einen Punkt in seinem Leben, an dem sich schon einmal Vergangenheit und Zukunft begegneten. „Straßenbahnhaltestelle – Monument für die Zukunft“ rekonstruiert die Haltestelle, an der er als Kind in Kleve gewartet hat.

Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, 1976, Rauminstallation (Detail) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / akg-images | akg-images)
Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, 1976, Rauminstallation (Detail) picture-alliance / akg-images | akg-images

Ein Denkmal aus dem 17. Jahrhundert, das aus einem Kanonenrohr, vier Mörsern und Kugeln besteht. Beuys setzt einen Kopf mit geöffnetem Mund auf das Rohr – einen stummen Schrei. Die Schienen führen ins Ungewisse.

Der Mann mit Hut und Anglerweste war einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

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