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Japans Lehren aus dem großen Beben Die Welle kommt wieder

Während die Nuklearkatastrophe bis heute für weltweite Aufmerksamkeit sorgt und das Bild der Riesenwelle sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, sind das Erdbeben und seine direkten Folgen außerhalb Japans schnell wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei bieten sie eine Vielfalt neuer Erkenntnisse darüber, wie sich Menschen in erdbebengefährdeten Regionen überall auf der Welt auf den Ernstfall vorbereiten und wie sie mit den Folgen fertig werden können.

Schüler in einem Erdbebensimulator in der Nähe von Tokio, September 2012

Schüler in einem Erdbebensimulator in der Nähe von Tokio, September 2012

Der Grund für das Erdbeben lag 130 Kilometer vor der Küste. Dort schiebt sich die pazifische langsam unter die eurasische Erdplatte. Dabei hatte sich das Gestein verhakt und enorme Spannung aufgebaut. Auf 400 Kilometern Länge entlud sie sich ruckartig. Die pazifische Platte schoss um bis zu 27 Meter nach vorn und drückte Japan mit ihrem Gewicht nach unten. Noch nie hatten Geologen ein stärkeres plattentektonisches Ereignis beobachtet.

Die zerstörte Oosawa-Kindertagesstätte in Yamada/Iwate

Die vom Tsunami zerstörte Kindertagesstätte

Vergleichbar war das japanische Beben noch am ehesten mit dem Seebeben vor der Küste von Sumatra an Weihnachten 2004. Auch damals lag das Epizentrum in ähnlicher Entfernung vor einer dicht bevölkerten Küste. Doch während der Tsunami im indonesischen Aceh auf eine völlig unvorbereitete und schutzlose Bevölkerung traf, hatte sich Japan schon seit Jahrzehnten auf die drohende Gefahr vorbereitet. Das zeigt sich in der Zahl der Opfer. Während in Indonesien über 130.000 Menschen starben, waren es in Japan weniger als 19.000. Erdbebensichere Architektur und die sehr schnelle Tsunamiwarnung haben Zehntausenden das Leben gerettet. Und trotzdem gab es Fehler im japanischen System der Katastrophenprävention. Jetzt wird nach ihnen gesucht.

Mauern sollten das Wasser aufhalten

Vor dem großen Beben gingen die Pläne davon aus, dass ein Tsunami maximal zehn Meter hoch auflaufen könnte. Viele Orte entlang der Küste waren durch Mauern vor solch einer Welle geschützt. So sicher fühlten sich die Menschen dahinter, dass sie sich trotz Warnsirenen nicht auf höher gelegenes Gelände retteten. Auch die Atomreaktoren von Fukushima standen hinter einer sechs Meter hohen Schutzmauer. Um die Nuklearkatastrophe verhindern zu können, hätten sie doppelt so hoch sein müssen.

Insgesamt muss die Präfektur Miyagi wirtschaftliche Schäden in Höhe eines gesamten Jahresbruttosozialprodukts verkraften. Zur Hälfte sind sie durch Zerstörung und Beschädigung von Gebäuden entstanden. Doch zu sehen ist davon so gut wie nichts mehr. Ruinen, herumliegende Wracks oder Schutt findet man in Ishinomaki und Umgebung kaum noch. Auffällig sind höchstens die riesigen, völlig leeren Flächen entlang der Küste. Hier war das Land auf einer Breite von bis zu zehn Kilometern vom Meer überspült. Als das Wasser nach einigen Tagen abfloss, nahm es einen Teil der zermalmten Gebäude mit. Der Rest wurde eingesammelt und in das Hafengebiet von Ishinomaki transportiert.

Müll für hundert Jahre

In 20 Meter hohen Bergen warten hier die grob getrennten Materialien auf ihre Entsorgung in einer schnell errichteten gewaltigen Recyclinganlage. Zerbeulte Waschmaschinen und Kühlschränke sind aufgetürmt. Daneben vierfach übereinander gestapelte Schrottautos. Bevor sie in die Metallpresse wandern, wird der Besitzer ermittelt, um Versicherungsleistungen klären zu können. Alle Räder sind bereits abmontiert, ihr Haufen ragt ein Stück weiter in den Himmel. Auch Metall, Holz, Beton und Steine lagern getrennt. Bis zu 130 LKW-Ladungen passieren jeden Tag das Tor zur Anlage. Dabei werden sie auf Radioaktivität getestet. Belastetes Material wird getrennt behandelt oder mit unbelastetem Material gestreckt bis es die Grenzwerte unterschreitet. Erdbeben und Tsunami haben auf einen Schlag eine Müllmenge verursacht, wie sie normalerweise in 100 Jahren anfällt. Trotzdem wird sie jetzt unter Einhaltung der gleichen Grenzwerte beseitigt wie normaler Hausmüll. Dutzende Bagger schaufeln Schutt auf lange Förderbänder.

Grad der Verstrahlung rund um das Kernkraftwerk Fukushima

Strahlenwerte der Region rund um das Atomkraftwerk

Alle nicht brennbaren Materialien werden in ihre Inhaltsstoffe getrennt. Feinschutt fällt durch Schüttelsiebe, riesige Magnete ziehen Eisenteile von den Förderbändern. Ganz oben stehen zwei Dutzend Mitarbeiter und sortieren Mischabfall per Hand. Atemmasken schützen sie gegen den Staub, Kopfhörer gegen den Lärm. Zwischen 600 und 900 Mitarbeiter sind rund um die Uhr auf der Anlage im Einsatz. Innerhalb von drei Jahren sollen sie alle Müllberge abgetragen und entsorgt haben.

Viele geben auf

In einem Zehnjahresplan haben Präfektur und nationale Regierung den Wiederaufbau der zerstörten Region akribisch geplant. Dazu gehören auch milliardenschwere Entschädigungszahlungen für Privatunternehmen, die von Erdbeben und Tsunami betroffen waren. Zum Beispiel die Suisan Fischkonservenfabrik. 80 Angestellte hatte ihr Besitzer Kimura vor dem großen Beben. 40 sind derzeit noch beschäftigt. Nachdem sie 300.000 durcheinander gewürfelte Konservendosen vom getrockneten Schlamm gesäubert hatten, nahmen sie die Produktion auf ausgeliehenen Maschinen wieder auf. Ein zweites Fabrikgebäude ist bereits in Bau.

AKW-Demo in Fukui

Anti-Atomkraftwerks-Demo in Fukui 2

4.000 Einwohner sind durch den Tsunami ums Leben gekommen, weitere 10.000 haben Ishinomaki in den Wochen danach verlassen. Zusammen waren das fast zehn Prozent der Bevölkerung. Jeder, der dort wohnt, hat Nachbarn, Freunde oder Familienangehörige verloren.
Aber jetzt kommt der nächste Schock. Denn erst jetzt bemerken die Anwohner die ganzen Probleme wirklich. Es fehlt Wohnraum, es fehlen Arbeitsplätze. Manche konnten mit den finanziellen Hilfen der Regierung ihr Leben wieder in Gang bringen. Doch es gibt eine tiefe Kluft zwischen denen, die es geschafft haben, zur Normalität zurückzufinden und denen, die aufgegeben haben.

Reisbauern haben keine Zeit

Besonders hart hat der Tsunami die vielen Reisbauern entlang der Küste getroffen. Alle Flächen, die von Meerwasser überflutet waren, sind so versalzen, dass sie sich vier bis fünf Jahre lang für die landwirtschaftliche Nutzung nicht mehr eignen. Doch so lange können viele Betroffene nicht warten. Denn 60 Prozent der Reisbauern sind bereits über 65 Jahre alt.

zerstörte Fukushima I Atom-Anlage

Tag 6 nach der Katastrophe

Doch eine Frühwarnung ist schon seit 50 Jahren möglich – und in Japan auch üblich. In Sekundenschnelle wird aus den ersten Anzeichen eines Bebens für jeden Landesteil die Gefahr errechnet und gemeldet. Es entstehen Erdbebenwellen, die sich ausbreiten. Die schnellste Erdbebenwelle, die als erste da ist, ist glücklicherweise nicht die zerstörerische, sie kann als Warnwelle benutzt werden. Dann kommen später die zerstörerischen Wellen, die S-Welle, die Sekundärwelle, und dann auch die Oberflächenwellen, die aber dann schon angekündigt worden sind durch die P-Welle, die Primäre, die als erste auftritt. Und nach diesem Prinzip arbeitet die Frühwarnung. Doch wie die Katastrophe um Fukushima zeigt, reichen diese Informationen bei Weitem nicht aus, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Eine Unbekannte bleibt immer

Die beste Frühwarnung hilft nichts, wenn sie von der betroffenen Bevölkerung ignoriert wird. Diese Gefahr wird umso größer, je öfter die Menschen Warnungen vor einer Gefahr erleben, die dann tatsächlich gar nicht eintritt, so, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war. Allerdings gilt das nicht für alle. Bei der gründlichen Analyse der Opferzahlen ist man auf ein überraschendes Phänomen gestoßen. Ausgerechnet in den ungeschützten kleinen Fischerdörfern auf einer großen Halbinsel, die zum Stadtgebiet zählt, waren auffällig wenige Menschen gestorben.

Junge aus dem japanischen Fukushima

Emotionale Unterstützung nach einer nationalen Katastrophe hat entscheidende Bedeutung

Dort leben vor allem alte Leute. Und die hatten schon den großen chilenischen Tsunami vor 50 Jahren miterlebt. Obwohl die Menschen älter waren, waren die Verluste geringer. Denn sie wussten noch aus eigener Erfahrung wie gefährlich ein Tsunami für sie werden kann. Also sind sie so schnell wie möglich weggelaufen. Bildung ist der entscheidende Faktor für das Funktionieren eines Frühwarnsystems.

Und zur Bildung gehört auch das Wissen darum, dass Erdbeben bisher nicht vorhergesagt werden können. Trotzdem ist in Japan die Überzeugung weit verbreitet, dass nun erst einmal Ruhe sein müsse. Die Geologen teilen diesen Optimismus nicht. Man geht bei Erdbeben dieser Größenordnung davon aus, dass sie immer wiederkehren, weil die Bewegungen der Platten, durch die sie ausgelöst werden, stetig fortlaufen.


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