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An jedem zweiten Montag im Januar wird der "Coming-of-age"-Tag gefeiert: Alle Zwanzigjährigen gehören nun zu den Erwachsenen, und dürfen rauchen, trinken und wählen gehen

Eine Jugend ohne Träume? Japans Generation Y

"Generation Y" wird die Gruppe der heute etwa 20- bis Mitte 30-Jährigen international genannt. Im Westen sagt man ihr nach, sie sei eine Generation selbstverliebter "Ich-linge". Die Japanerinnen und Japaner dieser Altersgruppe sind - wie ihre deutschen Altersgenossen - im Wohlstand aufgewachsen. Das Ergebnis: Sie sind egozentrisch, politisch desinteressiert und weigern sich immer häufiger erwachsen zu werden. So der Vorwurf der Älteren. Doch liegt genau darin eine Chance?

Japan: das Land fleißiger Menschen, die jeden Tag in übervollen U-Bahnwaggons zur Arbeit drängen. Ein Klischeebild, an dem einiges wahr ist – und das sich das Inselreich hart erarbeiten musste. Für dessen Verwirklichung muss man schon früh die Weichen stellen. Japanische Kinder und Jugendliche verbringen ihre Abende oft in Paukschulen und büffeln bis spät in die Nacht, um die Eintrittsprüfung in eine gute Oberschule zu schaffen, und von dort den Sprung auf eine Spitzen-Universität. Wer es auf die Wunsch-Uni geschafft hat, muss sich zeitig Gedanken machen, was danach kommt.

Ein kleiner Junge nimmt an dem Neujahrswettbewerb für Kalligrafie teil

Ein kleiner Junge nimmt an dem Neujahrswettbewerb für Kalligrafie teil

Bewerbung für den Kindergarten

Vor oder nach dem Studium einfach mal eine Auszeit nehmen, jobben, reisen, nach sich selbst suchen – das ist in Japan nicht üblich. Japanische Unternehmen bilden ihren Nachwuchs on-the-job aus und wollen junge, formbare Absolventen, direkt von der Uni. Für viele Studierende bestehen die ersten Maßnahmen vor den Vorstellungsgesprächen darin, die Feinheiten der japanischen Höflichkeitsetikette zu üben.

Je früher man den optimalen Start ins Berufsleben vorbereitet, desto besser. Selbst der Besuch mancher renommierter Kindergärten ist daher heute mit einer Aufnahmeprüfung verbunden. Eine Entwicklung, die Takeshi, der Blogger und Arbeitsverweigerer, kritisiert.

Morgendliche Rushhour in Tokio; eine Studie ergab, dass die Gesundheitskosten bei der japanischen Arbeitsethik zu hoch liegen - dennoch fällt es Beschäftigten weiterhin schwer, Urlaub zu nehmen

Morgendliche Rushhour in Tokio, eine Studie ergab, dass die Gesundheitskosten bei der japanischen Arbeitsethik zu hoch liegen - dennoch fällt es Beschäftigten weiterhin schwer, Urlaub zu nehmen

Streik der Generation

Takeshi hat alle Prüfungen bestanden und es bis auf die berühmte Keio-Universität geschafft. Doch dann ging er in den Streik und wurde zum Neet – zu einem der mittlerweile über einer halben Million jungen Japanerinnen und Japaner, die sich weigern, einer Arbeit oder Ausbildung nachzugehen.

Die Neets tauchten in Japan Anfang des neuen Jahrtausends vermehrt auf – und bereiten der japanischen Regierung heute große Sorgen. Denn einige von ihnen sind wie Takeshi top ausgebildet und gehen der japanischen Wirtschaft verloren.

Tugenden wie Fleiß und Bescheidenheit, aber auch die Unterordnung in strenge Hierarchiegefüge prägen die japanische Gesellschaft. Seine Wurzeln hat dieses Sozialverhalten unter anderem im Konfuzianismus, der bereits im 5. Jahrhundert von China nach Japan gelangte und das Denken im Inselreich prägte.

das "Rote Tor" der Tôdai, der Universität Tokyo

Wer hier durch darf, für den hat sich die nächtelange Büffelei der letzten Jahre gelohnt: das "Rote Tor" der Tôdai, der Universität Tokyo, Japans renommiertester Elite-Hochschule

Kinderärmstes Land der Welt

Doch dieses Denken und die damit einhergehende Unterdrückung der eigenen Individualität passen immer weniger zum Selbstverständnis der jungen Generation. Mit einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau im Jahr 2012 gehört Japan zu den kinderärmsten Ländern der Welt. Und viele, die heute zur Generation Y gehören, sind so aufgewachsen wie Takeshi: als umsorgtes Einzelkind in der Anonymität der Großstadt.

Die japanischen Neets – Auswüchse einer verwöhnten Spaßgeneration? Oder sind sie auch Opfer der eigenen Lebensangst? Auf die Interviewanfrage per Mail hat Takeshi positiv reagiert, aber auch ein bisschen unsicher. Er wisse nicht, ob er in einem Interview gut antworten könne, denn er sei andere Menschen nicht mehr gewöhnt. Seit Takeshi vor zwei Jahren zum Neet wurde, hat er mit niemandem mehr gesprochen außer seinen Eltern.

Zwei Leute sitzen in einem Pavillon vor dem See des Ritsurin-Gartens in Takamatsu - einer der wichtigsten historischen Gärten Japans

Zwei Leute sitzen in einem Pavillon vor dem See des Ritsurin-Gartens in Takamatsu - einer der wichtigsten historischen Gärten Japans

Selbstgewählte Einsamkeit

Die selbstgewählte Einsamkeit ist nicht nur typisch für die japanischen Neets, beobachtet der Wirtschaftswissenschaftler Yûji Genda. Im Zuge einer seiner Forschungsarbeiten hat er jungen Leuten die Frage gestellt "Haben Sie viele Freunde?" 70 Prozent der Befragten haben mit "Nein" geantwortet.

In einigen Fällen führt die mangelnde soziale Kompetenz auch zu psychischen Störungen, etwa Angstzuständen. "Hikikomori", so nennt man in Japan jene Menschen, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen und oft nicht einmal mehr mit der eigenen Familie kommunizieren. Die Grenze vom sozial zurückgezogenen Neet wie Takeshi zum völlig isolierten "Hikikomori" ist oft fließend.

der Psychologe und Therapeut Prof. Shigeru Iwakabe

"Japaner werden von klein auf dazu erzogen, sich zu schämen," so der Psychologe und Therapeut Prof. Shigeru Iwakabe

Kultur der Scham

Für den Psychologen und Therapeuten Shigeru Iwakabe sind die Strukturen der japanischen Kultur ein entscheidender Grund für die zunehmende Vereinsamung. Er bezeichnet die japanische Kultur als "Kultur der Scham": Diesen Mythos prägte vor allem die amerikanische Anthropologin Ruth Benedict mit ihrem 1946 erschienen Buch "Crysantheme und Schwert". In der Kulturwissenschaft ist die Frage, ob Japaner ein stärkeres Schamempfinden besitzen als andere Völker, stark umstritten.

Die japanische Schamerziehung, erklärt der Psychologe Shigeru Iwakabe, schürt auf lange Sicht häufig Ängste: davor, der Umwelt sein wahres Ich zu zeigen und dafür abgelehnt zu werden. Doch wer sich nicht öffnen kann, hat es schwer, richtige Bezugspersonen zu finden. Das bestätigt auch der Neet Takeshi.

Japans Generation Y: Kei

"Nicht aus der Reihe tanzen, sich der Harmonie der Gruppe anpassen": in Japan besonders wichtig. Kei litt als Teenager unter diesem Gruppenzwang. Heute hat sie ihren eigenen Weg gefunden.

Die Luft nicht lesen können

"KY" - so lautet in Japan die vor allem unter Jugendlichen beliebte Abkürzung für den Ausdruck "kûki ga yomenai" – "die Luft nicht lesen können". Das bedeutet so viel wie: kein Gespür für eine bestimmte Situation zu haben und unbedacht seine Meinung zu äußern. Wer "KY" ist, zerstört unter Umständen die Gruppenharmonie und bringt sich selbst ins Aus. So wie die 28jährige Kei. Nachdem sie in der Schule immer wieder gemobbt wurde, ging sie nicht mehr hin.

Kei ist kein Einzelfall. "Futôkô" – "Schulverweigerung" ist ein Phänomen, das in Japan seit Jahren Schlagzeilen macht. Laut japanischem Erziehungsministerium waren im Jahr 2013 circa 120.000 Schulverweigerer registriert. Einem Großteil von ihnen geht es so wie damals Kei: Sie haben Angst vor dem Mobbing der Mitschüler. Eltern, Lehrer und auch die Regierung sind mit der Situation überfordert, versuchen mit Hausbesuchen, Therapien und Ersatzunterricht gegenzusteuern.

Yujun Wakashin

Yujun Wakashin hat eine Firma für "Neets" gegründet, für junge Japaner, die sich weigern, zu arbeiten. Wakashin hat einen Traum: eine japanische Gesellschaft mit weniger Leistungsdruck und Konformität.

Neet Aktiengesellschaft

Im November 2013 hat Yujun Wakashin gemeinsam mit 166 Neets im Alter zwischen 20 und 35 Jahren die "Neet Aktiengesellschaft" gegründet und damit in der japanischen Presse von sich reden gemacht. Das Geschäftsmodell der Aktiengesellschaft beruht darauf, dass jeder seine eigenen Stärken einbringen kann und seine eigenen Projekte innerhalb der Firma startet, egal ob Spiele entwickeln oder T-Shirts entwerfen.

Und das Wichtigste: Wakashin gibt nichts auf Gruppenharmonie. Die Neets sollen lernen, sich zu behaupten, statt in Passivität zu versinken. Und obwohl das Thema Kommunikation besonders betont wird, passt sich die Arbeitsweise der Firma den Bedürfnissen der oft kontaktscheuen Neets auch an. Die Arbeit läuft meist übers Homeoffice, jedes Firmenmitglied benutzt ein Pseudonym, und viele Diskussionen werden über Skype geführt und nicht persönlich an einem Ort ausgetragen.

Auf dem jährlichen Soma-Nomaoi Samurai Festival wird die Geschichte der Samurai nacherzählt

Auf dem Soma-Nomaoi Samurai Festival wird jedes Jahr aufs Neue die Geschichte der Samurai nacherzählt, den alten Kriegeradel des vorindustriellen Japans

Samurai ist vorbei

Das eigene Potential erkennen - davon ist Takeshi noch weit entfernt. Seine Eltern haben ihn nie wirklich gefragt, weshalb er nicht arbeiten will. Vermutlich hoffen sie, dass ihr Kind nur in einer schwierigen Phase steckt, einer Phase, die nun schon seit zwei Jahren anhält. Takeshis Eltern sind bereits über 60 und in Rente. Um sich und ihren Sohn, der nicht arbeiten will, zu finanzieren, müssen sie weiterhin Nebenjobs machen. Aber wie soll es für Takeshi weitergehen, wenn seine Eltern irgendwann nicht mehr für ihn da sein können?

Der alte Traum vom Firmen-Samurai ist endgültig ausgeträumt. Doch allmählich beginnen sich bei den Japanern neue Hoffnungen zu regen. Das konnte Yûji Genda von der Universität Tôkyo bei einer wissenschaftlichen Umfrage feststellen: Die Wünsche und Hoffnungen der Japanerinnen und Japaner haben immer weniger mit ihrem Beruf zu tun, sondern fokussieren sich mehr und mehr auf Bereiche wie die Familie, die eigene Gesundheit, den persönlichen Lebensstil. Also fragen sie sich: wofür arbeiten wir überhaupt soviel?

Ob die Generation Y tatsächlich die erste Generation sein wird, die diesen neuen japanischen Traum auch leben wird? Neet-Firmen-Gründer Yujun Wakashin jedenfalls gibt die Hoffnung nicht auf.

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