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Gebratene Wachtel mit eingelegtem Pfirsich und Linsen

Jagd auf die Weidenammer Warum Singvögel auf dem Teller enden

Die meisten hierzulande haben wahrscheinlich schon Ente oder Gans probiert, aber wohl noch nie das Fleisch eines Singvogels. Genau das gilt als Delikatesse zum Beispiel in China. Dort werden so viele Singvögel gefangen, dass der Bestand mancher Arten gefährdet ist.

Welche Tiere darf man essen und welche nicht? Auf diese Frage geben verschiedene Kulturen nicht dieselbe Antwort. In China, Korea und Vietnam zum Beispiel bieten Restaurants Hundefleisch an, in einigen asiatischen und afrikanischen Staaten wird sogar das Fleisch von Affen gegessen. Hierzulande ist das undenkbar. Dafür essen viele Deutsche gerne Rind, für Muslime ist das ein Tabu. Auch beim Verspeisen von Vögeln gibt es kulturelle Unterschiede.

Weidenammer für die Speisekammer

Wissenschaftler aus Deutschland, Japan, England, Russland und Finnland haben nun in einer Studie die Auswirkungen des Vogelfangs in Südostasien genauer untersucht. Konkret haben sie den Bestand der Weidenammer analysiert. Früher war das eine sehr häufige Vogelart, die auch in Europa lebte, doch das hat sich geändert.

Mit ihrer kanariengelben Färbung gehört die Weidenammer zu den auffälligeren Vertretern der Singvögel

Mit ihrer kanariengelben Färbung gehört die Weidenammer zu den auffälligeren Vertretern der Singvögel

Den Gesang der Weidenammer konnte man früher im Herbst an deutschen Küsten und vor allem auf Helgoland hören. Dann machten die kleinen Singvögel mit dem gelben Bauch Rast auf ihren Weg in den Süden. Weidenammern waren zahlreich. Im Sommer brüteten sie vor allem in Finnland und Russland.

Im Herbst zogen riesige Scharen nach China, Kambodscha oder Thailand. Doch von dort kehrten viele Vögel nicht zurück. In einer internationalen Studie haben nun Wissenschaftler den Bestand der Weidenammer überprüft. Die Ergebnisse sind alarmierend, sagt der Landschaftsökologe Johannes Kamp von der Universität Münster. Die Bestände sind um 90 Prozent eingebrochen, was sehr extrem ist.

Tradition des Vogelfangs

Auf dem europäischen Kontinent ist die Weidenammer kaum noch zu sehen, sagt Johannes Kamp. Auch andere Zugvögel, die in Südostasien überwintern, seien gefährdet. Den Grund sehen die Wissenschaftler vor allem in der Tradition des Vogelfangs in China und seinen Nachbarländern. Dabei sterben viele Millionen Vögel pro Jahr.

Vögel auf Stromleitung

Nur etwa 12 Gramm wiegt das Fleisch eines Singvogels

Dafür werden riesige Netze aufgespannt und die Vögel an ihren Schlafplätzen und Sammelplätzen hinein getrieben, so kann man in kurzer Zeit sehr viele Vögel fangen. Inzwischen gibt es nicht mehr viele Weidenammern. Dafür landen andere Arten in den Netzen, sagt Johannes Kamp.

Das betrifft vor allem kleinere Singvögel, Arten, die auf dem Boden rasten und sich in größeren Scharen ansammeln. Manche Vögel dürfen nicht gejagt werden. Chinas Regierung zum Beispiel schützt die Weidenammer schon seit 1997 per Gesetz. Doch bisher wurde es zu wenig überprüft, sagt Johannes Kamp.

12 Gramm Fleisch pro Vogel

Zumeist stellen einfache Bauern die Netze auf. Händler kaufen ihnen die Vögel ab und liefern sie an Restaurants. Nur etwa 12 Gramm wiegt das Fleisch eines Singvogels. Auf dem Teller werden daher gleich mehrere auf einmal serviert. Sie gelten als Delikatesse, 30 Euro kann ein Gericht kosten. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Verzehr von Vögeln zumindest in China in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Eine Schwalbe fliegt

Wachteln, Mauersegler oder Schwalben gelten als Delikatesse

Solche Speisen sind jedoch nicht nur ein asiatisches Phänomen, im Mittelmeerraum sind sie ebenfalls üblich. Dort werden jährlich Millionen Singvögel gefangen - vor allem in Ägypten. Wachteln, Mauersegler oder Schwalben gelten als Delikatesse. Schaffen es die Zugvögel dennoch bis nach Europa, droht ihnen auch hier Gefahr durch die Jagd.

Viele Millionen Singvögel werden pro Jahr vor allem in Frankreich, Italien, Malta und Spanien geschossen, teilweise zu Speisezwecken aber auch als Sport, bei dem die Tiere zu Zielscheiben werden. Die Jagd auf häufige Arten ist oft legal, doch trifft es teilweise durch Wilderei auch bedrohte Arten wie die Feldlerche, den Kibitz oder den Ortholan.

Vor allem Zugvögel

Im Herbst 2014 veröffentlichten Wissenschaftler unter anderem vom Bundesamt für Naturschutz eine Studie zum Bestand der heimischen Vogelarten. Demnach leben heute rund 420 Millionen Vögel weniger in Europa als noch vor drei Jahrzehnten. Das entspricht einem Rückgang von etwa 20 Prozent. Neben Agrararten, die unter der industrialisierten Landwirtschaft leiden, sind vor allem Zugvögel betroffen, sagt Johannes Schwarz vom Dachverband Deutscher Avifaunisten.

Das Ausmaß der Jagd im Mittelmeerraum ist bereits seit Jahren bekannt. Zumindest in Europa bemühen sich daher viele Staaten unter Einfluss von Naturschutzverbänden, bedrohte Arten vor der Jagd zu schützen. Es sind Vögel, die auch in Deutschland brüten.

Unter der Jagd in Südostasien dagegen leiden vor allem Zugvögel aus Sibirien. Ihr Bestand war bislang wenig erforscht, genauso wie der Vogelfang in Asien. In den kommenden Jahren sollen daher weitere Studien zum Thema folgen, sagt Johannes Kamp. Er und seine Kollegen hoffen, mit ihrer Forschung das Bewusstsein für den Vogelschutz zu stärken.

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