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Mythos Rotwein Forscher bezweifeln angebliche Heilwirkung

Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren. Stimmt das? Der maßvolle Konsum von Rotwein wurde bislang als gesundheitsfördernd gehandelt. Und zwar weil der Wein den Stoff Resveratrol enthält. Zahlreichen Studien zufolge sollte er gegen Entzündungen helfen und gegen Herz-Kreislauf-Erkankungen und Krebs vorbeugen. Jetzt stellen Forscher der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore die positive Wirkung des Resveratrols in Frage. Dazu im Impuls-Gespräch Werner Eckert, von der Redaktion SWR-Umwelt & Ernährung.

Eine Frau riecht an einem Glas Rotwein

Mythos Wein - ist der maßvolle Genuss von Wein gesund - oder doch nicht?

Eine neue Studie aus Baltimore zeigt angeblich: Der Inhaltsstoff Resveratrol, der auch im Rotwein ist, soll keine lebensverlängernde Wirkung haben. Aber es gibt auch schon Einspruch gegen die Baltimore-Studie. Wer hat nun recht?

Werner Eckert, was bewirkt Resveratrol genau?

2 Weingläser mit Rotwein

Rotwein als Lebenselixier?

Eckert: Also man glaubt, dass der Stoff die Plaque-Einlagerungen in den Adern verhindert, so dass diese elastischer bleiben und das Leben so verlängert wird. Das ist das, was man dem Stoff unterstellt hat. Resveratrol steht hinter dem sogenannten French-Paradox, das ist eine Studie, die zeigte, dass Menschen in den Mittelmeerländern sehr lange leben, obwohl sie ungesündere Fette zu sich nehmen als die Amerikaner. Diese Studie wurde so interpretiert, das läge am Rotwein und am Resveratrol. Daher kommt der Mythos über diesen Stoff.

Wie gut und seriös ist die Studie?

Werner Eckert mit Weinflasche

Weinexperte Werner Eckert

Eckert. Sie ist gut. Man hat 800 ältere Menschen über neun Jahre hinweg in mehreren Stufen umfassend untersucht. Aber es ist auch eine Untersuchung, die keine direkten Zuordnungen möglich macht, die beispielsweise sagt, das längere Leben hänge von diesem oder jenem Faktor ab. Das ist die Crux. Festgestellt hat man dort nur, wie lange Menschen leben, egal ob sie nun Rotwein trinken oder nicht. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis. Es gibt andere Studien, die zeigen, dieses French-Paradox hat nichts mit Rotwein zu tun, und das wird durch die Baltimorestudie bestätigt.

Jetzt könnte man sagen, der Stoff ist trotzdem "gerettet", weil er auch in anderen Lebensmitteln drin ist?

Frau trinkt Wein

Zu jung zum Wein trinken?

Eckert: Ja, etwa in Traubensaft, das stimmt schon, es ist wohl wie immer in der Ernährungswissenschaft: Man findet einen Stoff, der angeblich als Gesundbrunnen fungiert, das wird dann groß beworben. Ich glaube, der wahre Wert solcher Studien ist, deutlich zu machen, so einfach ist unser Leben nicht, man kann sein Leben nicht einfach beliebig verlängern, indem man Rotwein trinkt.

Ein Forscher der Uni Heidelberg sagt, diese Studie sei ernst zu nehmen, von der Universitätsmedizin in Mainz sagt ein anderer knallhart: das können Sie "in die Tonne treten". Wie ist das möglich, dass es zu so völlig konträren Einschätzungen kommt?

Weil die Experten auch völlig gegensätzliche Dinge gefragt worden sind. Beim Heidelberger Experten, einem Pharmakologen, stand eben nur der Wirkstoff Resveratrol im Mittelpunkt. Der Mainzer Forscher sagte eben: mag ja sein, dass man durch Weinkonsum das Leben nicht verlängern kann, aber Resveratrol in Pillenform sei sehr viel höher konzentriert. Und dazu sage diese Studie nichts, könne man also "in die Tonne treten". Das ist richtig, da ging es um den Weinkonsum.

Computergrafik: In der Blutbahn angesammeltes Cholesterin verstopft das Blutgefäss, die Blutkörperchen können nicht mehr fließen

Lassen sich Gefäßablagerungen durch Resveratrol reduzieren?

Es gibt aber auch schon eine Reihe von Studien dazu, dass Resveratrol oder überhaupt solche sekundären Pflanzenschutzstoffe – das ist ja der Oberbegriff dazu – in Pillenform noch weniger wirken als im natürlichen Zusammenhang. Also das würde ich jetzt nicht unbedingt als Argument gelten lassen. Man kann sicherlich sagen, dass solche Stoffe positive Auswirkungen haben auf bestimmte Vorgänge im Körper. Aber diese Vorgänge sind in der Regel nicht so "gewaltig", und stehen auch nicht alleine. Man lebt nicht automatisch länger, wenn das Plaque in der Ader in einem Versuch durch Resveratrol etwas reduziert werden kann .

Reserveratrol hin oder her – Ist Rotwein nun doch wieder "gesund"?

Wein als "Gesundheitstrunk"?

Wein als "Gesundheitstrunk"?

Für das Herz- Kreislauf-System gibt es bestimmte positive Wirkungen, aber Rotwein ist untrennbar verknüpft mit Alkohol und der ist tumorauslösend und ein Nervengift. Und wenn man das in der Summe betrachtet – für mich gilt immer noch eine Studie, die mal im Lancet stand. Da hat man alle Studien zum Wein übereinandergelegt und gefragt: was ergibt sich eigentlich für mich als Konsumenten? Die Antwort war ein bisschen frustrierend für alle jüngeren Menschen und ein bisschen bedrohlich für alle jene, die sehr früh angefangen haben, Wein zu trinken: Unter 40 gar keinen Tropfen Alkohol. Darüber einschleichend sich daran gewöhnen, dann aber mit 50, 60 kann man ein Glas am Tag trinken, ab 70 überwiegen die kurzfristig wirksamen positiven Effekte so sehr, und man erlebt die langfristig negativen Effekte dann auch nicht mehr, dass man ab 70 im Grunde "ungebremst" dem Weine zusprechen darf. Aber wie gesagt nur, wenn man früher nichts getrunken hatte.

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