Introvertiert – Die Stärken der Stillen

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Ob Marie Curie oder Steve Wozniak: Viele der begabtesten Menschen sind introvertiert. Im täglichen Leben werden stille Persönlichkeiten aber oft übersehen oder unterschätzt.

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Introvertierte reagieren langsamer

Introvertierte sprechen weniger leicht auf Belohnungen an, weshalb diese Art von Erlebnissen sie auch weniger reizt. Die Belohnungstheorie würde viele der introvertierten Eigenschaften wie die geringere Geselligkeit, der geringere Enthusiasmus oder die geringere Dominanz erklären. Bei Experimenten fiel Persönlichkeitsforschern neben den verschiedenen Komponenten der Introversion noch ein weiterer interessanter Punkt auf. Die Introvertierten reagierten in einigen Situationen langsamer.

Deshalb haben Introvertierte zum Beispiel bei Sitzungen oder Diskussionen mit mehreren Teilnehmern manchmal das Gefühl, nicht spontan und schnell genug reagieren zu können. Situationen, in denen das Gehirn verschiedene Reize gleichzeitig verarbeiten muss, fordern sie mehr als Extrovertierte. Und es gibt viele solcher Situationen: in der Schulklasse, im Großraumbüro, im Familienalltag. Introvertierte brauchen danach immer wieder Zeit für sich. Das bedeutet aber nicht, dass sie schüchtern oder ungesellig sind, wie Extrovertierte manchmal denken. Dafür arbeiten sie genauer, denken unabhängiger und es unterlaufen ihnen weniger Fehler als Extrovertierten.

Introvertierte sind nicht immer schüchtern

Die Freude am Alleinsein, die viele Introvertierte empfinden, führt oft zu dem Schluss, sie seien schüchtern. Das stimmt so aber gar nicht. Zwar ist eine ganze Reihe von Introvertierten gleichzeitig auch schüchtern. Es gibt aber auch viele, die es nicht sind. Prominente Beispiele dafür sind der US-Politiker Al Gore, der Schauspieler Matthias Brandt oder Kanzlerin Angela Merkel. Sie bewegen sich souverän in der Öffentlichkeit und haben dennoch eine eher introvertierte Persönlichkeit.

Das Gefüge, das eine Persönlichkeit ausmacht, ist sehr komplex in seinen Wechselwirkungen. Man geht davon aus, dass nur 50 Prozent davon angeboren ist. Die andere Hälfte ist Sozialisation. Ein schlechteres Selbstbewusstsein könnte also auch erworben worden sein. Besonders schädlich ist es, wenn Kinder und Jugendliche von Bezugspersonen für ihre vermeintliche Passivität oder Ungeselligkeit gedemütigt oder abgewertet werden. Die Selbstachtung kann darunter auf die Dauer sehr leiden.

Wie Eltern, Erzieher oder Lehrer auf ein ruhiges und in sich gekehrtes Kind reagieren, ist von Fall zu Fall natürlich sehr unterschiedlich. In Familien hängt es auch vom Temperament der Eltern ab. Die bringen oft mehr Verständnis für ein Kind mit einem ähnlichen Temperament auf. Einer extrovertierten Mutter fällt es schwerer nachzuvollziehen, dass ihr introvertiertes Kind gerne stundenlang alleine spielt und keineswegs darunter leidet.

Die stillen Kreativen

Tatsächlich sind viele Introvertierte unter den besonders kreativen, erfinderischen und erfolgreichen Persönlichkeiten der Kulturgeschichte. Die Wissenschaftler Marie Curie und Albert Einstein, Apple-Mitgründer Steve Wozniak, Regisseur Woody Allen, Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling oder auch Bob Dylan, der Gewinner des Literatur-Nobelpreises 2016 – sie alle sind oder waren eher introvertiert. In den Medien und in Teilen der Arbeitswelt scheinen dennoch oft geselligere, auffälligere Persönlichkeiten zu dominieren.

Friedensnobelpreisträger Al Gore und Bundeskanzlerin Angela Merkel (2007). Beide gelten als introvertiert. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Friedensnobelpreisträger Al Gore und Bundeskanzlerin Angela Merkel (2007). Beide gelten als introvertiert. picture-alliance / dpa -

Doch wer mehr und lauter spricht, wird in unseren westlichen Kulturen nicht nur als sympathischer, sondern auch als kompetenter wahrgenommen. Das zeigen Untersuchungen. Sie haben aber auch gezeigt: In Wirklichkeit bringen die Vielredner ein Team oft weit weniger voran, als man denkt. Introvertierte dagegen spielten sich oft ungern in den Vordergrund, dafür haben sie andere Stärken, mit denen sie punkten können.

Rücksicht auf die Bedürfnisse Introvertierter steigert deren Produktivität im Beruf

Auch Großraumbüros, die ja gemeinhin als kommunikationsfördernd gelten, stressen viele Mitarbeiter mehr als gedacht, wie Untersuchungen in den USA belegen. Sie beeinträchtigen Gedächtnis und Konzentration und machen Mitarbeiter unproduktiver. Rahmenbedingungen zu Gunsten der Bedürfnisse Introvertierter zu verändern ist in vielen Unternehmen aber noch nicht angekommen.

Menschen an Computern in Großraumbüro (Foto: SWR, SWR - Jochen Sülberg)
Besonders Introvertierte reagieren im unruhigen Großraumbüro oft mit Stress. Unternehmen sollten auf diese Bedürfnisse Rücksicht nehmen, um das Potenzial dieser Mitarbeiter voll ausschöpfen zu können. SWR - Jochen Sülberg

Für Unternehmen kommt es darauf an, mehr über introvertierte Mitarbeiter zu wissen, um deren Potenzial besser zu nutzen. Introvertierte sollten ein geeignetes Arbeitsumfeld für sich finden, in dem sie ihre Stärken einbringen können. Dass es sehr produktiv sein kann, wenn Introvertierte und Extrovertierte respektvoll zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Stärken dabei einbringen können, zeigen exemplarisch Tandems wie Steve Wozniak und Steve Jobs, das Gründerduo der Firma Apple. Aber auch im Kleinen funktioniert dieses Modell sehr gut.

SWR 2016

Bücher zum Thema

  • Sylvia Löhken: "Leise Menschen - starke Wirkung. Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden", Gabal Verlag, ISBN-13: 978-3869363271
  • Sylvia Löhken: "Intros und Extros. Wie sie miteinander umgehen und voneinander profitieren", Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492307000
  • Susan Cain, "Still", Goldmann Verlag, ISBN-13: 978-3442157648

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