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Zwitter, Hermaphroditen, Intersexe Junge oder Mädchen – wenn Eltern und Ärzte entscheiden

Zwitter, Hermaphroditen, Intersexe – Menschen, die weder Mann noch Frau sind, und damit nicht in unser Bild von zwei Geschlechtern passen. Deswegen wurden viele Intersexe schon als Kind operiert, um einem der beiden Geschlechter zu entsprechen – für die meisten eine traumatisierende Erfahrung.

Ärzte entscheiden nach der Geburt über Identität und Geschlecht von Intersex Kindern

Ärzte entscheiden über Identität und Geschlecht von Intersex Kindern

Hermaphroditen: Störung oder Vielfalt

Die Diagnose: DSD – "Disorder of sexual development", "Störung der Geschlechtsentwicklung". Für Mediziner eine Krankheit, für Betroffene ganz natürliche Variation. Verantwortlich dafür sind ganz komplexe Prozesse: Wenn es zu Abweichungen kommt bei X- und Y-Chromosomen; bei Hormonen, wie Östrogen oder Testosteron; bei Keimdrüsen, also Eierstock und Hoden; oder auch bei den Genitalien.
So auch bei Daniela Truffer. Und was auf ihre Diagnose folgte, waren folgenschwere Operationen: Als sie zweieinhalb Monate alt war, wurden die Hoden entfernt, im Alter von sieben Jahren ihre vergrößerte Klitoris verkürzt. Eine Kindheit voller Erlebnisse, die Daniela Truffer schlichtweg als traumatisierend beschreibt.

Mann oder Frau, oder warum Norm?

Mann oder Frau, oder warum Norm?

Über ihre Erfahrungen zu sprechen, fällt Daniela Truffer nicht leicht. Noch heute hat die 58-Jährige Schmerzen. Doch am meisten leidet sie darunter, dass ihr die Operationen einfach ein Geschlecht aufgedrückt haben. Dabei ist sie kein Einzelfall. Genaue Zahlen über Intersexualität gibt es jedoch nicht.

Umstrittene "Genitalkorrekturen"

Die "Intersex Society of North America" schätzt, dass jedes hundertste Kind mit einem atypischen Geschlecht auf die Welt kommt. Das reicht von kleineren Anomalien der Genitalien bis hin zu tiefgreifenden Veränderungen der Erbanlagen. Die Dunkelziffer ist allerdings hoch. Und so hatten – wie Daniela Truffer – viele andere nie eine Chance auf einen selbst gewählten Weg.
Solche Genitalkorrekturen – wie sie Truffer erlebt hat – sind rein kosmetische Operationen, die nicht lebensnotwendig sind. Deshalb hat Truffer die Menschenrechtsorganisation Zwischengeschlecht.org gegründet. Zusammen mit ihrem Partner Markus Bauer kämpft sie für ein Verbot von Genitalkorrekturen bei Minderjährigen.

Fotos der französischen Fotografin Bettina Rheims ihrer Arbeit "Gender Studies"

Fotos der französischen Fotografin Bettina Rheims ihrer Arbeit "Gender Studies"

Ihr Ziel: Intersexe sollen ab dem 18. Lebensjahr selbst entscheiden können, ob sie Mann oder Frau sein wollen – oder ob sie eben einfach so bleiben, wie sie sind. Bis dahin kann die Entscheidung für ein Geschlecht auf anderem Wege erfolgen.

Sich selbst finden dürfen

Ein OP-Verbot soll nicht nur Betroffene schützen, sondern auch Eltern entlasten. Denn die sind mit der Entscheidung so kurz nach der Geburt meist völlig überfordert. Zudem ist die Diagnose von Intersexualität sehr schwierig, da es ganz vielfältige Formen gibt: Bei einer werden Mädchen mit Eierstöcken und eher männlichen Genitalien – einem sogenannten Mikropenis – geboren. Wieder andere zeigen sich erst am Anfang der Pubertät, wenn bei Mädchen die erste Regel ausbleibt oder Jungen eine Brust bekommen.

Vor dem Landgericht in Köln, 2007 - nach einem jahrelangen Leidensweg als Zwitter und dem unfreiwilligen Leben als Mann hat eine Krankenpflegerin einen Chirurgen in Köln verklagt

Vor dem Landgericht in Köln, 2007

Frühe OPs sollen das verhindern, damit das Kind später nicht unter Hänseleien leidet. Doch dass es auch anders gehen kann, beweisen Fälle, bei denen sich Eltern gegen eine Operation entschieden haben. Eine dieser mutigen Eltern war eine Mutter, die Markus Bauer kennengelernt hatte. In diesem Fall hatten die Ärzte davor gewarnt, dass es später im Kindergarten zur sozialen Katastrophe kommen würde. Doch wurde es für die Kinder dann in Wirklichkeit gar kein großes Thema oder Problem – sondern nur für die Erwachsenen.

Hermaphroditen: Wer braucht normal?

Wenige Intersex-Formen können lebensbedrohlich werden und müssen behandelt werden. Wenn es aber darum geht, verkürzte Harnröhrenöffnungen an die Penisspitze zu verlegen, weil es zum Mann-Sein gehört, im Stehen zu pinkeln; oder wenn es darum geht, eine etwas zu groß geratene Klitoris zu verkleinern, weil sie nicht mädchenhaft genug ist, dann ist eine Operation nicht nötig. Denn dann geht es nicht um Leben oder Tod, sondern um ein Duktus von Normalität. Und was da nicht reinpasst, darf nicht einfach weggeschnitten werden.
Die Menschenrechtsorganisation „Zwischengeschlecht.org“ kämpft für die Rechte dieser Menschen und fordert ein Verbot von Genitaloperationen. Weitere Informationen finden Sie auf ihrer Internetseite zwischengeschlecht.org. Eine kurze Einführung zum Thema bietet außerdem das Buch: „Intersexualität. Intersex. Eine Intervention“ von Heinz-Jürgen Voß.

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