Gefilterte Weltsicht Wie das Internet unsere Wahrnehmung prägt

SWR2 Wissen. Von Dirk Asendorpf

Facebook und Google füttern uns mit Informationen, die zu unserer Weltsicht passen. Ihre Algorithmen entscheiden, was wir im Netz zu lesen bekommen. Wie kann man die „Filterblasen“ zum Platzen bringen?

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"Wir sind das Volk" – ein paar Hundert Anhänger der ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung rufen das nicht nur, sie glauben es tatsächlich. Denn mit Fakten und abweichenden Meinungen müssen sie sich kaum noch auseinandersetzen.

Zeitung, Fernsehen und Hörfunk haben die Hoheit über den Zugang zur Information verloren. Die neuen Gatekeeper heißen Facebook, Google oder Youtube. Ihre Algorithmen entscheiden darüber, wie wir die Welt wahrnehmen. Meist bieten sie uns Inhalte an, die zu unseren Vorlieben passen und unsere Vorurteile bestärken.

screenshot twitter seite (Foto: © Colourbox.com -)
Auch bei Twitter sind Filter im Einsatz © Colourbox.com -

Wissenschaftler sprechen von der Filterblase oder den Echokammern des Netzes. Auch Journalisten klassischer Medien sind davor nicht gefeit, denn ihre Recherchen finden immer öfter online statt. Gleichzeitig bietet das Internet eine nie dagewesene Informationsvielfalt und Informationsfreiheit. Doch nutzen können wir sie nur, wenn wir es schaffen, die Filterblase zum Platzen zu bringen.

Deine oder meine Blase

Der amerikanische Politologe Eli Pariser hat den Begriff der Filterblase erfunden. 2011 stellte er ihn auf den TED Talks in Los Angeles zum ersten mal vor. Im Publikum saßen Internetgrößen wie die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, die Gründerin der Huffington Post, Arianna Huffington, Apples damaliger Chef Steve Jobs und viele Mitarbeiter von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Flickr.

Fünf Jahre später ist die Botschaft bei der deutschen Kanzlerin angekommen. Zur Eröffnung der Münchener Medientage 2016, der größten jährlichen Versammlung von Verlegern, Chefredakteuren, Intendanten und ihren Mitarbeitern, fordert sie von den großen Internet-Portalen mehr Offenheit über ihre Methoden der Personalisierung.

„Algorithmen sind niemals neutral.“ So beginnt auch das Gründungsmanifest von Algorithm Watch, einer 2016 in Deutschland gegründeten Organisation, die sich für demokratische Kontrolle der automatisierten Entscheidungen einsetzt. Algorithmen bestimmen darüber, was wir im Internet sehen und was nicht.

Algorithmen werden nicht veröffentlicht

Und sie bedienen keineswegs nur die Vorlieben menschlicher Nutzer, zunehmend spielen Computerprogramme eine Rolle, sogenannte Social Bots. Im Interesse von Lobbygruppen, Parteien oder Unternehmen bombardieren sie die Netzwerke mit vollautomatisch erzeugten Botschaften, bewerten sie und leiten sie weiter.

Ein Drittel aller Pro-Trump-Tweets und ein Fünftel der Pro-Clinton-Tweets kamen nach dem ersten TV-Duell der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten von Robotern, nicht von Menschen. Trotzdem gibt es Einwände gegen zu viel Algorithmen-Transparenz.

Trump auf Twitter (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Donald Trump auf Twitter picture-alliance / dpa -

Denn Algorithmen sind das wichtigste Betriebsgeheimnis von Internet-Portalen wie Facebook, Google oder Twitter. Es ist wie mit dem Rezept für Coca Cola, würde man es offenlegen, könnte es jeder kopieren – und manipulieren.

Qualität spielt keine Rolle

Doch eine frei erfundene Geschichte, ein verleumderischer Kommentar ein dumpfes Gepöbel – vieles von dem, was über Facebook, Youtube, Google oder Twitter verbreitet wird, hätten die meisten Redaktionen früher direkt in den Papierkorb befördert. Heute steht es im Internet gleichberechtigt neben den Ergebnissen journalistischer Recherche.

Was die Nutzer davon wahrnehmen, entscheidet sich danach, an welcher Stelle es auf den Bildschirmen auftaucht. Algorithmen sind für das Ranking zuständig, ihr höchstes Ziel ist es, so viele Klicks wie möglich zu erzeugen – und damit Werbeeinnahmen zu steigern. Kaum eine Rolle spielen die Qualität oder der Wahrheitsgehalt einer Veröffentlichung.

EuropaFlagge und Union-Jack (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Auch der Brexit wurde in den digitalen Medien heiß diskutiert Thinkstock -

Welche Botschaften bei Facebook unter den Tisch fallen und welche bevorzugt verbreitet werden – spätestens in der aufgeheizten Kampagne zum EU-Austritts Großbritanniens und vor der US-Präsidentenwahl 2016 wurde diese Frage zum Politikum.

Wer macht die Nachrichten?

Obwohl die sogenannten sozialen Netzwerke sich nicht als Medienunternehmen verstehen und keine Journalisten beschäftigen, bestimmen sie doch zunehmend die Tagesordnung öffentlicher Debatten. Bereits die Hälfte aller US-Amerikaner informiert sich dort über die Nachrichtenlage, eine gedruckte Zeitung lesen nur noch halb so viele Menschen.

In Deutschland ist der Wandel etwas langsamer, doch auch hier haben soziale Netze als Nachrichtenquelle bereits zur gedruckten Zeitung aufgeschlossen. Jeder vierte Deutsche liest mindestens einmal wöchentlich Nachrichten auf Facebook. Zu Spiegel-Online, dem größten journalistischen Angebot im Netz, findet nur jeder Fünfte einmal die Woche. Und die Themen, die dort behandelt werden, stammen auch immer häufiger aus den sozialen Netzen.

Stimmungsbilder, Umfragen, Empörungspotenzial – auch seriöse Medien präsentieren ihre Online-Recherchen gerne groß. Im Kleingedruckten wird erwähnt, dass die online erhobenen Daten und Zitate nicht repräsentativ sind. Doch im Eifer des Gefechts geht diese Information schnell unter.

Tunnelblick im Internet

Und je häufiger sich die Menschen ihre Nachrichten von Facebook, Youtube, Google oder Twitter zusammenstellen lassen, desto wirkungsloser ist die Gewichtung der journalistischen Online-Medien. Sie können dann nur noch versuchen, die Themen, die sie für besonders relevant halten, mit geschickter Formulierung und Terminierung auf die oberen Plätze der Startbildschirme und Suchergebnisse zu bringen.

Filterblasen lassen sich mit solcherlei Tricks allerdings nicht knacken. Wer es sich am Lagerfeuer Gleichgesinnter erst einmal so richtig gemütlich gemacht hat, kann alles, was nicht ins Weltbild passt, einfach wegklicken – selbst wenn es doch einmal auf dem Bildschirm auftauchen sollte.

Doch steckt hinter der Angst vor der gesellschaftlichen Wirkung von Filterblasen am Ende nur ein Generationenkonflikt? Auch auf der Berliner Konferenz der Internetforscher ist diese Meinung zu hören. Nicht die Filterblasen seien das Problem, sondern der kritiklose Umgang mit dem, was sie einem zuspülen. Der belgische Kommunikationswissenschaftler Cédric Courtois ist einer der wenigen, der sich empirisch mit der Frage beschäftigt hat.

Ein Mann zeichnet verschiedene Symbole, wie Email, Web-Clouds, Dropbox, neben ein Sicherheitsschloss. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der Datenschutzbeauftragte des Landes befürchtet, dass viele Datenpannen verschwiegen werden Thinkstock -

Man muss es auch wollen

100 Testpersonen, zur Hälfte eher rechts, zur Hälfte eher links eingestellt, hatte Courtois einige Tage lang an Computern googeln lassen, die über Wochen mit eindeutigen Suchanfragen auf die jeweils entgegengesetzte Weltsicht trainiert worden waren. Dann stellte Courtois den Testpersonen zahlreiche politische Fragen noch einmal, die sie schon vor dem Experiment beantwortet hatten.

Das erstaunliche Ergebnis: Kein Unterschied. Nur der Grad der Überzeugung hatte durch die tagelange Konfrontation mit entgegengesetzten Meinungen leicht abgenommen. Das ist kein Beweis, aber doch ein Indiz dafür, dass der Einfluss von Filterblasen auf die Meinungsbildung begrenzt ist.

Es ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Die gute: Mit etwas Bildung und Aufmerksamkeit kann man auch im Internet Hass und Falschmeldungen aus dem Weg gehen, Vorurteile abschütteln, die Filterblase platzen lassen. Die schlechte Nachricht: Man muss es auch wollen.

Junge Frau tippt auf ihrem Smartphone. Um ihren Hals hängen Ohrstöpsel. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Letztlich geht es beim Abfiltern von Falschinformationen auch um Medienkompetenz. Thinkstock -
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