Medizin

Intensivmediziner: Wir müssen Booster-Impfungen erheblich beschleunigen

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INTERVIEW
Jochen Steiner im Gespräch mit Christian Karagiannidis

Auch im Südwesten wird es eng auf den Intensivstationen. In Baden-Württemberg sind von etwa 2.260 Intensivbetten gut 2.000 belegt, knapp 16 Prozent davon mit Patientinnen und Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. In Rheinland-Pfalz sind von etwas mehr als 1.000 Intensivbetten 860 belegt, 9,2 Prozent davon mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten.

Jochen Steiner im Gespräch mit dem Lungenfacharzt Prof. Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin.

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Wegen der stark steigenden Infektionszahlen ist aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft eine Überlastung der Intensivstationen nicht mehr abzuwenden.

Herr Karagiannidis, werden wir erleben, dass die Intensivstationen in Deutschland bald nicht mehr alle Patientinnen und Patienten aufnehmen und versorgen können?

Ja, ich befürchte, dass wir das punktuell sehen werden in Deutschland. Wir haben ein relativ starkes Gefälle von Norden oder Nordwesten gegenüber dem Osten und dem Süden – insbesondere Bayern, Baden-Württemberg – und auf der östlichen Seite Sachsen, Thüringen. Ich glaube, dass sich insbesondere in manchen bayerischen Landkreisen die Situation jetzt so zuspitzt, dass es wirklich schwierig wird, dass man jeden Patienten zumindest vor Ort versorgen kann.

Baden-Württemberg

Kurz vor der Corona-"Alarmstufe" Kliniken voll - Wohin mit den Covid-Intensivpatienten aus Baden-Württemberg?

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Ich hoffe sehr, dass wir mit unserem extrem guten Rettungsdienst, den wir in Deutschland haben, die Patienten zumindest verteilt bekommen. Ich befürchte ein bisschen, da werden in den nächsten Tagen und Wochen Bayern und Baden-Württemberg an die Grenze kommen. Ich glaube, wir müssen die Patienten über das ganze Bundesgebiet verteilen.

Sind die Kliniken gleich stark belastet, die großen wie die kleinen?

Wir haben jetzt noch mal eine Analyse der ersten drei Wellen gemacht. Die dritte Welle war ja schon Alpha mit deutlich mehr jüngeren Patienten. Wir haben gesehen, dass die allermeisten Patienten mit Covid in den großen Krankenhäusern in Deutschland versorgt worden sind. Das heißt, die Universitätskliniken vor allen Dingen, aber auch die Maximalversorger. So wie in Stuttgart zum Beispiel. Die haben extrem viele Patienten versorgt. Und auch Schwerpunktversorger. Das sind meist Krankenhäuser, die so um die 400 bis 500 Betten haben und eine große Rolle in der Region spielen. Die kleineren Krankenhäuser haben eher wenig an der Covid-Versorgung teilgenommen. Wenn, dann eher in der Erstversorgung.

Wer wird momentan auf der Intensivstation behandelt? Jüngere? Ungeimpfte?

Es hat sich in den letzten Wochen eine gewisse dynamische Entwicklung ergeben. Wir haben schon noch zum größten Teil junge, ungeimpft Patienten. Was jetzt aber hinzukommt, das kristallisiert sich seit vier, fünf, sechs Wochen heraus: Dass wir auch zunehmend ältere Patient*nnen haben, die geimpft sind, die doppelt geimpft sind und dann trotzdem schwer erkranken. Deswegen glaube ich so ein bisschen, dass wir im Laufe dieses Winters einen zweigipfligen Verlauf kriegen: auf der einen Seite die jungen Ungeimpften, auf der anderen Seite aber auch Ältere oder Immunsupprimierte, die doppelt geimpft sind und trotzdem schwer erkrankten.

Wofür sind diese Medikament? Wie läuft eine Behandlung auf der Intensivstation ab?

Wir brauchen relativ viele Medikamente. Das sind insbesondere Mittel gegen Schmerzen und Mittel, damit man eine Narkose machen kann; die Patienten schlafen. Wir brauchen vor allen Dingen auch spezielle Medikamente, so wie wir es in unsere Living Guideline zu Covid geschrieben haben. In der Frühphase der Erkrankung gibt es spezielle Medikamente, die die Entzündungsreaktion drosseln. In der späteren Phase sehen wir leider auch zunehmend, dass auf diese Covid-Lungenentzündung noch eine Lungenentzündung mit Bakterien kommt. Das haben nicht wenige Patienten. Das heißt, normale Antibiotika kommen auch noch hinzu. Das Bild – das fand ich jetzt, ehrlich gesagt, gar nicht so viel. Wenn Sie im Klinikalltag bei manchen Patienten sind, dann haben Sie manchmal noch viel mehr, was Sie am Tag verbrauchen. Das ist schon enorm viel. Es hilft einfach, das Leben aufrechtzuerhalten für die Zeit.

Müssen Patient*innen durch die Behandlung mit Nebenwirkungen rechnen?

Ja. Grundsätzlich gibt es in der Intensivmedizin je nach Länge der Erkrankungen und je nach Schwere der Erkrankung einige Folgezustände. Es gibt Patienten, wenn die ganz schwer erkrankt sind und wochenlang an den Beatmungsgeräten hängen – da braucht die Muskulatur danach sechs bis zwölf Monate, bis man wieder so weit ist, dass man die Treppen vernünftig steigen kann. Es gibt aber auch Patienten, die wachen auf und können nach zwei Wochen wieder arbeiten gehen.

Viele dieser Medikamente, aber vor allem auch die Grunderkrankungen, haben schon ganz schöne Folgen. In der letzten großen Untersuchung, die wir in Deutschland dazu zugemacht haben, von Thomas Bein aus Regensburg, an 2.500 Patienten mit Lungenversagen, haben wir gesehen, dass ungefähr 50 Prozent der Patienten, die das überstehen, nach einem Jahr wieder arbeiten können, 50 Prozent aber auch nicht – und das war noch vor der Covid-Zeit.

Wird die Lage auf den Intensivstationen schlimmer als 2020? Wovon gehen Sie in Ihrem DIVI-Prognosemodell aus?

Wir haben das große Problem, dass wir das nicht eins zu eins mit 2020 vergleichen können. Wir hatten letztes Jahr noch deutlich mehr Bettenkapazität zur Verfügung. Wir haben im Laufe der Pandemie von 12.000 Beatmungsbetten ungefähr 3.000 durch den Pflegepersonalmangel verloren. Der ist auch nicht abwendbar, und den werden wir auch nicht aufgefüllt bekommen in den nächsten Wochen. Das heißt, wir haben bei ähnlichen Lasten viel geringere Kapazitäten. Das muss man, glaube ich, wenn man die Zahlen jetzt anguckt, auch immer mit ins Kalkül ziehen. Wenn wir letztes Jahr 6.000 Patienten geschafft haben, heißt das nicht, dass wir das dieses Jahr ohne Weiteres wieder schaffen.

Wir haben heute noch mal mit den Zahlen von heute – und die Inzidenz gehen mir im Moment ein bisschen zu sprunghaft nach oben – unser Modell nachjustieren müssen. Wir werden gar nicht drumherum kommen, dass wir am Ende wieder, wenn es so weitergeht, bei 4.000, 5.000, 6.000 Patienten landen. Die Frage ist: Wann geht es endlich runter? Und wie kommt das Ganze überhaupt zum Stillstand?

Was müsste passieren, damit es auf den Intensivstationen nicht zu so hohen Zahlen kommt?

Wir brauchen, ganz wichtig, eine Langzeitperspektive. Wenn wir vielleicht erst mal im Kopf behalten, dass wir ein echtes Problem haben und das vielleicht auch ernst nehmen, vielleicht auch ernster, als das in den letzten Wochen und Monaten genommen worden ist, dann wäre schon mal ein erster, ganz wichtiger Schritt getan. Zum anderen sollten wir im Hinterkopf behalten, dass die jetzige Welle wahrscheinlich erst im April / Mai nächsten Jahres auslaufen wird. Das heißt, wir müssen nicht nur darauf gucken, was jetzt passiert, sondern wir müssen vor allen Dingen gucken, dass wir im Januar, Februar, März über die Runden kommen.

Ein Schlüssel ist die Booster-Impfung. Die schützt zum einen die hochaltrigen Patient*innen; die haben wir zunehmend mit den Impfdurchbrüchen. Und dann ist der Schutz nach der Boosterung wirklich extrem gut, sodass nur noch wenige davon auf der Intensivstation landen werden. Zum anderen ist es aber auch so: Gerade, wenn ich Jüngere impfe, nachdem ich die Älteren abgearbeitet habe, habe ich den großen Vorteil, dass sich das Virus nicht mehr so in der Bevölkerung ausbreitet. Und das würde, wenn wir alle boostern würden, den R-Wert durchaus um 0,2 bis 0,25 senken. Ich glaube, das sind die ganz entscheidenden Maßnahmen. Und für die Akutsituation kann man nur hoffen, dass uns 2G und 3G helfen werden.

Die Impfzentren sind geschlossen, die Hausarztpraxen haben viel zu tun. Kommen wir schnell genug mit dem Impfen hinterher?

Nein, damit bin ich, ehrlich gesagt, unzufrieden im Moment. Wir haben 25.000, Hausarztpraxen in Deutschland, die wirklich einen super Job machen, die aber im Moment natürlich total überlaufen sind mit anderen Atemwegserkrankungen. Vor allen Dingen bei jüngeren Erwachsenen, bei Kindern haben wir relativ viel RSV- Infektionen im Moment. Die Hausarztpraxen arbeiten zum Teil wirklich am Limit. Und gestern erzählte mir ein Patient in der Ambulanz mit einer chronischen Lungenerkrankung, dass er Anfang Januar den ersten Termin zum Boostern bekommen hat. Das ist bei manchen wirklich die Regel. Deswegen glaube ich, dass wir, egal mit welchem Mittel, die Booster-Geschwindigkeit erheblich nach oben treiben müssen.

Was könnten die Krankenhäuser tun, damit deren Intensivstationen nicht überlastet werden?

Ein Schlüssel ist zu versuchen, das Personal innerhalb der Kliniken zu verschieben – was aber seine Grenzen hat; das muss man auch dazu sagen. Das ist das, was die Charité vorgestern gemacht hat: Dass man aus dem Regelbetrieb rausgeht und sich wieder voll auf die Notfallversorgung konzentriert. Damit schafft man neue Betten mit Personal, was zum Teil ausgebildet ist, zum Teil aber auch nicht ausgebildet ist für diese speziellen Bereiche. Das schafft zumindest mal akut Kapazitäten.

Das zweite, was ich auch für extrem wichtig halte, ist, dass die Krankenhäuser in Deutschland jetzt solidarisch untereinander sind. Das würde bedeuten, dass wenn Bayern, Baden-Württemberg überlaufen, dass man dann auch hergeht und die Patienten nach Schleswig-Holstein, nach Nordrhein-Westfalen verlegt, nach Niedersachsen – wenn da noch freie Kapazitäten sind.

Ärgert Sie, dass nach Jahren der strengen Sparpolitik in den Kliniken immer noch das Pflegepersonal fehlt, das wir jetzt dringend bräuchten?

Was mich ärgert, ist, dass man uns, glaube ich, nicht so ernst genommen hat, wie es vielleicht gut gewesen wäre. Die Wurzeln dieser Pflegekrise liegen nicht in Corona, sondern die liegen weiter vorn. Das ist unser extrem ökonomisch ausgerichtetes Krankenhauswesen. Zum Teil ist es, glaube ich, auch gut, dass wir darauf schauen, dass das Geld nicht zum Fenster rausgeschmissen wird. Zum Teil hat es aber auch dazu geführt, dass man sich in so einem stetigen Hamsterrad befindet. Man muss immer mehr machen. Man muss immer mehr Leistungen erbringen, damit die Kosten gedeckt sind im Krankenhaus. Das hat man über viele Jahre auf dem Rücken der Pflege ausgetragen. Dieses Grundproblem müssen wir lösen – und das kriegen wir in der Corona-Krise nicht gelöst. Das müssen wir aber dringendst, wirklich dringendst mit der neuen Bundesregierung angehen.

Herr Karagiannidis, besten Dank für diese Informationen und Einschätzungen.

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