Schlaues Kind = liebes Kind? Intelligenz und Moral bei Grundschülern

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Eine neue Studie zeigt: Schlaue Kinder können ethisches Verhalten nicht besser erkennen als durchschnittlich Begabte. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt haben dafür das moralische Verhalten von 129 sechs- bis neun-Jährigen untersucht. Ralf Caspary sprach mit der Studienleiterin Hanna Beißert. 

Intelligenz und Moral - gibt es da eigentlich bei Erwachsenen einen Zusammenhang? Je intelligenter, desto moralischer?

Es gibt einige, vor allem ältere Studien, die solche Zusammenhänge aufzeigen konnten, insofern, dass ältere Jugendliche oder Erwachsene höhere moralische Werte aufweisen in solchen Verfahren bzw. stärker moralische Begründungen liefern. Allerdings sind viele dieser Studien mit einer Reihe methodischer Mängel behaftet, so dass in Frage zu stellen ist, ob das Tatsachen sind oder ob diese Befunde nicht eher auf methodischen Artefakten beruhen. 

Und warum wollten Sie das jetzt unbedingt bei Kindern herausfinden?

Wir wollten das, was die frühere Forschung gemacht hat, besser machen. Wir haben Kinder zwischen sechs bis neun Jahren untersucht, weil das eine Phase ist, in der Kinder schon über ein relativ ausgeprägtes Konzept von Moral verfügen, verschiedene moralische Prinzipien voneinander trennen können und sie in dieser Phase dennoch im Wandel sind. Die Kinder haben schon ein gewisses moralisches Wissen, aber moralische Motivation oder moralische Gefühle entwickeln sich noch.

Wie sind Sie dabei vorgegangen? Sie müssen ja zwei Dinge messen: Der erste Faktor ist die Intelligenz, haben Sie die nach dem normalen IQ-Verfahren gemessen?

Genau, also Intelligenz wird in der Regel anhand von standardisierten Testverfahren gemessen. Wir haben dabei den Grundintelligenztest von Weiß und Osterland verwendet. Das ist ein sprachfreier Intelligenztest, der mit bildhaftem Material arbeitet und Intelligenz im Sinne von schlussfolgerndem Denken misst. Der sprachfreie Test ist wichtig, da wir keine Konfundierung, also Verwechslung mit den verbalen Fähigkeiten der Kinder wollten, sondern die reine Grundintelligenz messen.

Also Kinder, die sprachlich nicht so gut sind, hätten sonst nicht so gut abgeschnitten und das hätte das Ergebnis verunreinigt?

Ja, wir wollten vermeiden, dass das Ergebnis des Intelligenztests von den Sprachfähigkeiten des Kindes abhängt.

Der zweite Faktor ist das moralische Verhalten. Wie kann man das messen?

Wir haben keine Verhaltensbeobachtungen oder Ähnliches gemacht, sondern wir sind über Bildergeschichten vorgegangen. Das heißt, wir erzählen den Kindern verschiedene Bildergeschichten, in denen jeweils ein Protagonist eine moralische Regel bricht - wie zum Beispiel, dass er ein anderes Kind bestiehlt, es hänselt, mit jemandem in großer Not nicht teilt und solche Sachen. Dann werden die Kinder im Anschluss gefragt, ob das was die Person getan hat in Ordnung war oder nicht und warum. Außerdem wird gefragt, wie sich die Kinder fühlen würden, wenn sie das selbst getan hätten. Ganz wichtig ist auch hier wieder das warum, denn das Urteil oder die Emotion an sich geben uns noch keinen Aufschluss über den moralischen Gehalt. Ganz wichtig sind die Motive und Abwägungen, die dahinter stehen, wenn die Kinder solche Aussagen machen.

Schüler streiten sich während des Unterrichts. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Intelligente Kinder sind nicht zwingend moralischer eingestellt Thinkstock -

Das heißt, wenn ein Kind in einer Bildergeschichte gesehen hat, dass jemandem etwas gestohlen wird, dann wurde gefragt: Wie findest du das? Und das Kind sagt, dass es das ganz schlecht findet, und dann wurde gefragt: Warum findest du das schlecht?

Genau, dazu ein Beispiel: Florian und Tim sind im Kindergarten und Tim hat Süßigkeiten dabei. Tim geht auf Toilette und Florian sieht, dass die Süßigkeiten in der Jacke stecken und geht heimlich hin und nimmt die Süßigkeiten, steckt sie ein und geht in seinen Gruppenraum. Dann fragt man das Kind: War das in Ordnung, was Florian getan hat? Das Kind sagt dann Ja oder Nein und man fragt warum. Und dann sagen Kinder sowas wie: Man darf nicht stehlen, dann ist der andere traurig. Oder: Man darf nicht stehlen, dann kriegt man Ärger, wenn die Lehrerin das rauskriegt.

Da geht es nicht in erster Linie um moralisches Handeln, sondern um das Bewerten von Handlungen?

Ja, wir haben in dem Sinne kein Verhalten, sondern Bewertungen und Emotionen gemessen. Diese Emotionen werden aber in der Verhaltensforschung als Indikator für Verhalten herangezogen. Die dahinter liegende Idee ist, dass das Gefühl, dass ich habe, wenn ich einen Regelübertritt begehe, die Triebfeder für tatsächliches Verhalten ist. 

Was war das Ergebnis der Studie?

Das Ergebnis war, dass es zumindest in der mittleren Kindheit, die wir untersucht haben, keinerlei Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Moral gab. Weder die Begründungsmuster, noch die Emotionen, noch die Beurteilungen, noch Kennwerte, die wir aus einer Kombination aus allen diesen Sachen gebildet haben, waren abhängig von der Intelligenz. Wir können also sagen, dass die Moralentwicklung in der mittleren Kindheit unabhängig von der Intelligenz stattfindet. 

Und wie bedeutsam ist so ein Ergebnis jetzt?

Das ist in zwei Richtungen bedeutsam. Zum einen, wenn es um Hochbegabten-Debatten geht. Es besteht nach jahrelangen Forschungen immer noch das Klischee, dass hochbegabte Kinder zwar intellektuell hoch begabt sind, die moralische Entwicklung aber hinten ansteht. Der schlimme Begriff "sozio-emotionale Krüppel" fällt in solchen Diskussionen immer wieder. Wir konnten zeigen, dass das nicht der Fall ist. Die Hoch- und selbst die Höchstbegabten in unserer Gruppe unterscheiden sich in ihren moralischen Kennwerten nicht von den weniger intellektuell Begabten. Da gab es überhaupt keine Unterschiede.

Aber auch in die andere Richtung ist das Ergebnis wichtig, denn wie die frühere Forschung ja impliziert hat, könnte man ja auch davon ausgehen, dass es eine beschleunigte Moralentwicklung von Kindern gibt. Auch schon der große Moralforscher Lawrence Kohlberg hat immer postuliert, dass Moralentwicklung und kognitive Entwicklung Hand in Hand gehen. Das scheint eben nicht der Fall zu sein. Es gibt weder eine beschleunigte noch eine verlangsamte Moralentwicklung bei hochbegabten Kindern. Das Fazit ist: Sie sind ein bisschen schlauer, aber was die Moral betrifft, sind sie genau gleich und haben auch die gleichen Bedürfnisse an Unterstützung in ihrer Entwicklung zum moralisch handelnden Menschen.

Das würde für die Eltern, die die Kinder ja in ihrem Entwicklungsprozess unterstützen, bedeuten, dass sie in Sachen Moral nicht mit Ratio und dem Appell an kognitive Leistung weiterkommen, sondern eher mit emotionsgestütztem Erziehen?

Ich würde sagen, es ist ein bisschen von beidem. Das hat damit zu tun, dass Moralentwicklung ein zweistufiger Prozess ist. Im ersten Schritt wird das moralische Wissen erworben, also das Wissen über die Regeln: Ich darf nicht stehlen und warum? Ich darf nicht hänseln und warum? Aber der zweite Schritt der Motivation geht wiederum über die emotionale Komponente. Dass man Kindern aufzeigt, wie fühlt sich denn der andere, wenn man ihm etwas wegnimmt oder wenn er gehänselt wird, wie würdest du dich fühlen? Das Wissen ist dennoch wichtig, denn wenn das nicht da ist, können die Emotionen gar nicht gebildet werden, weil die Fähigkeit fehlt, sich in den anderen hineinzuversetzen. 

Das zeigt noch einmal, dass Empathie ganz wichtig ist bei der moralischen Entwicklung, sich in andere hineinzuversetzen, zu fühlen, wie es ist, wenn jemandem etwas Unrechtes getan wird. 

Das war nicht Inhalt unserer Studie, aber das ist tatsächlich ein ganz wichtiger Punkt in der Entwicklung von Moral bei Kindern. Dass sie sowohl in einer kognitiven Art und Weise die objektiven Bedingungen verstehen, aber eben auch die Gefühle des Anderen nachvollziehen können. 

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