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Eine Biene sammelt Pollen und Nektar an einer Blüte

Insektensterben Immer weniger Bienen, Schmetterlinge, Käfer

Gabor Paal im Gespräch mit Prof. Wolfgang Wägele, Direktor des Forschungsmuseums Koenig, Bonn

In manchen deutschen Regionen gibt es heute 80 Prozent weniger Insekten als noch vor 30 Jahren. Ohne die Arbeit von Hobbyforschern wäre nicht einmal das bekannt. Die Wissenschaft steht bei dem Phänomen noch am Anfang: Ist das Insektensterben mitverantwortlich für das Vogelsterben?

Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird vom Windschutzscheiben-Phänomen gesprochen. Was ist damit gemeint?

Früher musste man auf längeren Autofahrten im Sommer regelmäßig anhalten, um die Windschutzscheibe von Insekten zu reinigen, die die Sicht behinderten. Das ist heute nicht mehr der Fall.  

Liegt das an einem Rückgang der Insekten oder vielleicht daran, dass an den windschnittigeren Autos von heute nicht mehr so viele Insekten hängen bleiben?

Um das zu beantworten brauchen wir objektive Analysen zum Insektenbestand. Solche Daten gibt es in Deutschland kaum. Allerdings hat der entomologische Verein in Krefeld über 30 Jahre Daten erhoben und da kann man sehen, dass die Zahl der Insekten um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen ist, zumindest in Nordrhein-Westfalen.

Dieser Verein hat mit seinen Forschungen weit über Deutschland hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Wie haben die das Insektensterben gemessen?

Das Interesse dieser Insektenforscher lag darin, Tiere zu fangen, um seltene Arten zu entdecken oder Unterschiede zwischen Landschaften festzustellen. Dafür haben sie die Insekten mit einer standardisierten Malaise-Falle (s. Foto) eingefangen: Ein Zelt, nach drei Seiten offen, oben ist eine Alkoholfalle, zu der die Insekten hinfliegen und verenden. Dann wurden die Proben in immer gleichen Zeitintervallen von vier Wochen gewogen. So erhält man die Biomasse der jeweils gefangenen Insekten. Diese Daten reichen aus, um festzustellen, dass es früher die vierfache Menge gab.

Aber um zu sagen, welche Insekten besonders betroffen sind, reichen die Daten nicht?

Erstaunlicherweise wird bei den Proben offensichtlich, dass alle Insektengruppen betroffen sind. Dieses Phänomen ist nicht so einfach zu erklären. Die Umwelt hat sich aber offenbar nicht nur für eine Art verschlechtert.

Und wie hängt das Insektensterben mit dem schon länger bekannten Bienensterben zusammen?

Das Bienensterben ist Teil des Insektensterbens. Es wurde nur früher bemerkt, weil einerseits die Bienenhalter ein Zusammenbrechen ihrer Populationen beobachten konnten und andererseits die Besitzer von Obstplantagen bemerken, dass die Bestäubung nicht mehr so gut funktioniert wie früher.

Zu den Ursachen: Bei Bienen werden u.a. sogenannte Neonicotinoide für den Rückgang verantwortlich gemacht. Gilt das auch für andere Insekten?  

Neonicotinoide sind allgemein wirksame Insektengifte. Sie töten nicht nur Organismen, die auf dem Acker leben, sondern auch alle Fliegen, Mücken, Käfer, die außerhalb der Äcker leben, auch in Naturschutzgebieten. Unser  Verdacht ist, dass dieses flächendeckende Artensterben bei den Insekten auf Umweltgifte zurückzuführen ist. Aber der Beweis dafür steht noch aus.

Der Zoologe Prof. Wolfgang Wägele

Der Zoologe Prof. Wolfgang Wägele

Gibt es noch andere mögliche Ursachen?

Es gibt noch andere Faktoren, die das fördern. Unsere Wiesen beispielsweise sehen heute ganz anders aus als vor 30 Jahren. Der Ammoniak von Düngemitteln verteilt sich über die Luft und führt dazu, dass seltenere Pflanzen, auf die manche Schmetterlinge angewiesen sind, weniger werden. Ein weiterer Faktor ist die Landschaftsbereinigung unter dem Vorwand, den Verkehr zu fördern: Hecken werden entfernt, Feuchtstellen werden trocken gelegt. Wir können im Moment nicht sagen, welche Veränderung wie stark Einfluss nimmt auf das Insektensterben, dazu bedarf es weiterer Forschung.

Welche Folgen hat das Insektensterben?

Die ganze Pflanzenwelt verändert sich allmählich. Viele Pflanzen bilden dann keine Samen mehr und werden dann lokal verschwinden. Nicht nur die Obstbäume, sondern noch viele weitere Baumarten brauchen Bestäuber. Auch die werden weniger Samen produzieren. Außerdem fallen Insekten aus, die andere Insekten kontrollieren, zum Beispiel indem sie sich von ihnen ernähren. So könnten Schädlinge vom Insektensterben profitieren, weil ihre natürlichen Feinde verschwinden. 

Hängt das Insektensterben auch mit dem Rückgang von Vogelarten zusammen, der ja auch beobachtet wird?

Ja, vor allem  die Vogelarten, die Insekten fressen, gehen stärker zurück. Aber auch Körnerfresser könnten darunter leiden, wenn nicht mehr so viele Samen produziert werden. Also ist die ganze Vogelwelt von dem Phänomen beeinträchtigt.

Kohlmeise

Kohlmeisen und viele weitere Vogelarten ernähren sich von Insekten. Das Insektensterben wirkt sich auch auf ihr Überleben aus


Aber das ist alles noch nicht richtig belegt?

In der Forschung gibt es bisher keine Programme dazu. Das liegt daran, dass wir Langzeituntersuchungen brauchen und die können sich akademische Institute nicht leisten, weil sie für ihre Projekte meist nur für 2-3 Jahre Geld bekommen und dann Ergebnisse vorzeigen müssen.

Und deshalb sind Sie auf Hobbyforscher wie den Entomologischen Verein in Krefeld angewiesen – ist das für die universitäre Forschung nicht blamabel?

Das sehe ich genauso. Es ist jetzt Aufgabe der Universitäten und auch der Bundesregierung, eine Struktur zu schaffen, mit der analog zur Klimaforschung über Jahrzehnte die Artenvielfalt beobachtet werden kann. Wir halten das für möglich und bereiten zur Zeit ein Konzept für das Bundesforschungsministerium vor, um Prototypen für solche Artenbeobachtungs-Stationen zu bauen.

Und Sie wollen mit dem Verein aus Krefeld zusammenarbeiten, um deren Daten wissenschaftlich abzusichern - was haben Sie da vor?

Zum einen wollen wir die Proben der Krefelder noch einmal mit molekularen Techniken auswerten. Mit unseren Verfahren können wir den Inhalt dieser Probenflaschen nach Arten bestimmen, ohne sie per Hand sortieren zu müssen. Zum anderen wollen wir in der Landschaft den Zusammenhang zwischen Pestizidgehalt in den Böden und der Artenvielfalt der Insekten  und den Zustand der Vegetation konkret vergleichen. Dazu entwerfen wir ein neues Forschungsprojekt mit den Krefeldern, mit Chemikern und mit Botanikern.

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