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Das Steak der Zukunft hat sechs Beine Mit Insekten die Welt ernähren

Insekten auf dem Teller. Für Europäer gewöhnungsbedürftig. Dabei spricht Vieles für den Verzehr der krabbelnden, kriechenden und fliegenden Sechsbeiner. Sie sind gesund, lassen sich in großer Zahl ressourcenschonend produzieren und sind entgegen gängiger Klischees in der Regel auch recht schmackhaft.

Insekten auf Spießen

Insekten auf Spießen

Für uns Europäer sind Insekten als Nahrungsmittel doch sehr gewöhnungsbedürftig. Dabei stecken im Brot, im Fruchtsaft, im Salat gelegentlich Reste von Insekten. Übers Jahr gerechnet nimmt auch ein Deutscher oder Nordamerikaner so ein halbes Kilo Insektenreste zu sich, nur ohne es zu merken.

Insekten essen oder nicht - eine kulturelle Frage

Wir essen Krabben, wir essen Austern, wir essen Schnecken, aber wir würden nie in einen Grashüpfer beißen. Das ist ein kulturelles Problem. Damit stehen die westlichen Länder global betrachtet recht alleine da, meint Paul Vantomme von der Welternährungsorganisation in Rom. Bei der Food and Agricultural Organisation, kurz FAO, leitet er das Programm "Essbare Insekten".

In China ist man es gewohnt, Insekten zu essen.

In China ist man es gewohnt, Insekten zu essen.

"Insekten sind wertvolle Nahrungsmittel und das haben nicht erst wir entdeckt. In vielen traditionellen Gesellschaften in China und Afrika und Lateinamerika werden Insekten genutzt. Die Europäischen Kulturen sind die Ausnahme. Insekten sind genauso nahrhaft wie Krabben oder Fleisch oder Fisch. Sie enthalten wenig Fett, und das Chitin senkt den Cholesterinwert. Sie sind sehr gut für die Gesundheit."

Insekten essen schont die Umwelt

Letztlich wird der Welt gar nichts anderes übrig bleiben, als mehr und mehr Insekten zu verzehren, findet auch Arnold van Huis von der Universität Wageningen:

"Das Problem mit den klassischen Nutztieren ist: sie benötigen so viel Land. Die Viehzucht beansprucht schon heute 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. Und die Weltbevölkerung wächst. 2050 wird es neun Milliarden Menschen geben. Außerdem steigt auch der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch. Also werden die Preise zum Beispiel für Rindfleisch dramatisch steigen. Insekten sind da eine sehr gute Alternative."

Der Mopane Wurm ist eine essbare Raupe. Sie lebt auf Bäumen und wird im ganzen südlichen Afrika genutzt.

Der Mopane Wurm ist eine essbare Raupe.

Wenn man darüber nachdenkt, gibt es viele Gründe Insekten zu essen. Sie sind nahrhaft, enthalten viel Eiweiß, ungesättigte Fettsäuren und Mineralstoffe und Vitamine. Da sind sie so gut wie Fisch oder Fleisch. Sie sind auch effektiv, für das gleiche Futter erhält man viel mehr Fleisch als bei den gewöhnlichen Nutztieren. Außerdem kann man sie auf organischem Abfall züchten.

Mehlwürmer - Schädlinge oder Nahrung?

Mehlwürmer - Schädlinge oder Nahrung?

Die Haltung von Grillen und Mehlwürmern ist viel klimafreundlicher als die konventioneller Nutztiere. Zum Beispiel produzieren Rinder hundert Mal mehr Treibhausgase als Mehlwürmer. Ähnlich günstig ist auch der Land- und Wasserverbrauch. Paul Vantomme:
"Wir können die enorme Effizienz der Insekten bei der Umwandlung von organischem Material in wertvolles Protein nicht mehr ignorieren. Wir haben nur diesen einen Planeten. In dreißig Jahren werden mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, die meisten in Entwicklungsländern. Wenn wir sie ernähren wollen, müssen wir die Nahrungsproduktion dort verdoppeln."

Chinesisches Essen

In der Chinesischen Küche gibt es im Grunde keine Tabus

Mit traditionellen Nutztieren wird das nicht gelingen. Deshalb hat Paul Vantomme bei der Welternährungsorganisation ein Programm rund um Insekten als Nahrungsmittel angestoßen. Zurzeit finden vor allem Expertentreffen statt, die FAO hat aber auch schon ein Pilotprogramm in Laos gestartet. Ziel ist es, Wege zu finden, Insekten nicht nur zu sammeln, sondern in größerem, vielleicht sogar im industriellen Maßstab zu züchten.

Maden und Meeresfrüchte auf Spießen in China

Maden und Meeresfrüchte auf Spießen in China

Zehn Kilo Futter reichen für fast acht Kilo Mehlwürmer. Bei einem Schwein erhält man für die gleiche Menge Futter nur drei Kilo. Das lohnt sich für Unternehmer. Bislang sind die Mehlwürmer nur gelegentlich in Restaurants zu finden.

Insekten sind gesund

Aber das könnte sich ändern, wenn Insekten als gesundheitsfördernde Nahrungsmittel wahrgenommen werden. Es hat sich herausgestellt, dass das Chitin der Insektenpanzer in unserem Darm Cholesterin bindet. Schon heute werden in den Apotheken Cholesterinsenker auf Chitinbasis verkauft.

Krabben

Krabben sind ein wertvoller Lieferant für Chitin

Noch stammt das Chitin aber aus den Abfällen beim Krabbenpulen. Die Panzer der Mehlwürmer und Grashüpfer würden sich aber ebenfalls gut eignen. Das Chitin senkt nicht nur den Cholesterinspiegel, nach ersten Studien kann es sogar das Immunsystem anregen. Und noch etwas spricht für Mehlwurm-Pasta: die heutige Tierzucht ist eine Quelle für viele Mikroben, die auch beim Menschen Krankheiten auslösen können.

Insekten übertragen nur selten gefährliche Keime

Ein krabbelnder Medizinschrank

Ein krabbelnder Medizinschrank

Insekten sind da die sicherere Wahl, weil die Krankheitserreger der Insekten meistens keine Wirbeltiere wie den Menschen befallen. Normale Nutztiere können viel leichter Krankheiten übertragen. Das ist vielleicht der größte Gesundheitsvorteil der Nutzinsekten. Gerade weil sie dem Menschen so fremd sind, gibt es kaum Erreger, die aus der Insektenzucht heraus die Gesundheit der Bauern oder ihrer Kunden gefährden könnten.

Es gibt viele Fragen: Wie können wir viele Insekten lagern, wie können wir große Mengen von ihnen töten, ohne dass sie es spüren? Wie könnte ein Gebäude aussehen, in dem wir große, große Mengen von Insekten produzieren können? Das sind die Themen für die Forschung.

Heuschrecken - mexikanische Delikatessen

Heuschrecken - mexikanische Delikatessen

Es wird viele Herausforderungen geben, bis die Insektenzucht wirklich Erfolg hat, bis sie den Sprung heraus aus dem Nischenmarkt hin zu einem wichtigen Bestandteil der ganz normalen Nahrungsproduktion schaffen kann. Deshalb arbeiten die niederländischen Insektenzüchter eng mit der Universität in Wageningen zusammen. Eine offene Frage ist der Tierschutz. Empfinden Insekten in der Zucht Schmerz oder Stress?

Massentierhaltung - auch bei Insekten?

In der Tiermast wird zu viel Antibiotika eingesetzt.

In der Tiermast werden zu viele Antibiotika eingesetzt.

Insekten dürften weniger unter der Massenhaltung leiden, als Säugetiere, vermutet Arnold van Huis. Schließlich leben sie auch in der Natur oft in großen Mengen eng beieinander. Eine Studie soll in dieser Frage für Klarheit sorgen. Der Tierschutz ist aber nicht die einzige Hürde einer Zucht im Industriemaßstab. Wenn viele Insekten auf engem Raum zusammen leben, haben Bakterien oder Viren leichtes Spiel. In der traditionellen Landwirtschaft setzt man bei diesem Problem vor allem auf Antibiotika, die ihrerseits wieder für Schwierigkeiten sorgen. Bei Insekten könnten andere Strategien helfen, zum Beispiel eine Anpassung durch Zucht, meint Arnold van Huis.

Insekten lassen sich leichter züchten

Man kann über resistente Stämme nachdenken. Insekten vermehren sich schnell, man muss nicht zwei Jahre auf die nächste Generation warten, da reichen Wochen. Deshalb kann man Insekten schnell an neue Herausforderungen anpassen. Viel schneller jedenfalls, als traditionelle Nutztiere.

Eine industrielle Insektenproduktion könnte gut in die konventionelle Landwirtschaft integriert werden. Gerade die Niederlande haben große Probleme mit Gülle und Dung.

Ein Teller Maden in Australien

Ein Teller Maden in Australien

Insekten bilden sogar die wertvollen Omega-3-Fettsäuren und machen so den Farmfisch fast so gesund wie dessen Verwandten aus dem Meer. Es ist eine Win-Win Situation: Die Insekten wandeln billige Abfälle in Eiweiß um und die Fische oder auch Geflügel machen aus dem Insekteneiweiß hochwertige Nahrungsmittel, die selbst bei westlichen Konsumenten keine Ekelgefühle auslösen. Ein anderer Weg, Insektenfleisch sozusagen versteckt auf den Teller zu bringen, bieten Fertiggerichte. In ihrer Produktion spielen Proteine eine wichtige Rolle, zum Beispiel als Emulgatoren.

Wenn wir Mayonnaise machen, nutzen wir Proteine aus Hühnereiern. Die Nahrungsmittelindustrie forscht an Alternativen. Wenn sie Eiweiß aus Mehlwürmern oder Grashüpfern nutzt, ist das billiger und umweltfreundlicher. Schon bald könnte ein Teil der Emulgatoren von Insekten stammen, selbst in Westeuropa.

In Entwicklungsländern sinkt der Verzehr von Insekten

Die westliche Welt spielt in den Überlegungen von Paul Vantomme nur eine Nebenrolle. Ihm geht es um die Dritte Welt, die dringend Alternativen zu Rind, Schwein und Geflügel benötigt. Zur Zeit ist der Verzehr von Insekten allerdings eher rückläufig, bedauert Arnold van Huis. In den Entwicklungsländern wollen die Leute modern und westlich sein, und deshalb essen sie immer weniger Insekten.

Insekten auf dem Teller

Insekten - eine gesunde Delikatesse

Arnold van Huis will diesen Trend zusammen mit Paul Vantomme umkehren. Die beiden Wissenschaftler arbeiten daran, essbare Insekten auf die globale Tagesordnung zu setzen. Die Welternährungsorganisation FAO unterstützt bislang die traditionelle Landwirtschaft, etwa über verbilligtes Saatgut. Damit werden aber nur Menschen erreicht, die Land besitzen oder zumindest nutzen können. Das trifft auf viele der Ärmsten aber nicht zu.

Sinnvolle Entwicklungshilfe

Diese Menschen können Insekten sammeln, oder sie können lernen, wie man Insekten züchtet. Dafür brauchen sie kein Land, es reichen auch alte Ölfässer oder andere Behältern, die man sogar in eine Hütte stellen kann. Dann kommt es darauf an, sie weiterzuverarbeiten, sie zu trocknen, um auf dem Markt ein gutes Produkt anbieten zu können.

Seidenraupen-Puppen und gebratenen Zikaden

Seidenraupen-Puppen und gebratenen Zikaden

Wir essen nur wenige Tierarten, Schwein, Rind, Huhn, mal ein wenig Fisch. Gelegentlich gibt es Hasen, aber das ist schon fast exotisch. Mit an die 2.000 essbaren Insekten gibt es viel mehr Möglichkeiten für den Gaumen, mehr Gerichte, in mehr Geschmacksrichtungen. Arnold van Huis: "Rindfleisch wird immer teurer werden. Wenn ein BigMac erst einmal 100 Dollar kostet, und ein Käferburger nur fünf, dann werden die Leute die Insekten lieben."

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