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Indianer in den USA – Neues Selbstbewusstsein der Native Americans

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Christoph Drösser
Christoph Drösser | Fotografin: Liesa Johannssen  (Foto: Fotografin: Liesa Johannssen )
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Ulrike Barwanietz / Candy Sauer

Es gibt in den USA ein neues Indianer-Selbstbewusstsein. Vertreter von indigenen Stämmen fordern die Anerkennung ihrer Geschichte und wollen die indianische Kultur vor dem Untergang bewahren. Währenddessen hat die deutsche Geschichte ein ganz eigenes Verständnis von "Indianern".

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Zu dem Begriff selbst: Das Wort "Indianer" – auf Englisch "Indians" oder "American Indians" – ist kolonialistisch geprägt. Denn Kolumbus dachte 1492, er wäre auf dem Weg nach Indien.

In den USA sprechen viele Menschen lieber von "Native Americans", in Kanada von “First Nations”. Im Deutschen gibt es keine wirkliche Alternative, wenn man nicht diese englischen Begriffe benutzen will. Und viele der indigenen Amerikaner bezeichnen sich selbst als "Indians". Darum verwendet dieser Text den Begriff "Indianer", im Bewusstsein seiner schwierigen Geschichte.

Deutschland und sein Winnetou

Apropos Stereotype: Vielleicht in keinem Land der Erde wird so sehr an Indianer-Klischees festgehalten wie in Deutschland. Hartmut Lutz, der als Amerikanist an der Universität Greifswald gelehrt hat, kämpft seit über 40 Jahren gegen das, was er "Indianertümelei" nennt.

Warum ließen sich die Deutschen seit dem 19. Jahrhundert so für die weit entfernten indigenen Stämme begeistern? Vielleicht, weil Deutschland zu Lebzeiten von Karl May zumindest bis in die 1880er-Jahre keine Kolonien hatte, insbesondere nicht in Nordamerika, glaubt Hartmut Lutz. So wird Old Shatterhand kurzerhand zum Kolonisator, dem Winnetou bereitwillig wie einem Bruder folgt.

Mein Land ist auch dein Land - gelten Karl Mays Romane als Ersatz dafür, dass Deutschland bis 1880 kaum eigene Kolonien besaß?  (Foto: IMAGO, IMAGO / Allstar)
Mein Land ist auch dein Land: Gelten Karl Mays Romane als Ersatz dafür, dass Deutschland bis 1880 kaum eigene Kolonien besaß? IMAGO / Allstar

Karl-May-Verehrer Hitler: Der "edle Wilde" als Verteidiger von "Blut und Boden"?

In der Nazizeit wandelte sich die Rolle des Indianers in den deutschen Narrativen. Der "edle Wilde" wurde zum Verteidiger von Blut und Boden. Das Nazireich ging unter, aber die Indianertümelei nicht. Hartmut Lutz vergleicht den deutschen Indianerkult heute mit einem persönlichen Erlebnis, als sich zwei seiner amerikanischen Freunde als Nazis verkleideten, um ihm eine Freude zu machen.

"Wenn Amerikaner sich als Deutsche verkleiden oder als Bayern, dann findet das auf einer etwa parallelen Ebene, was Macht und Privilegien angeht, statt. Wenn man aber über Kolonisierte bestimmt, dann gibt es da ein gewisses Machtgefälle, und das macht es problematischer."

Nach dem Krieg war es die friedliebende Seite von Winnetou und seinen Stammesbrüdern, mit der sich die besiegten Deutschen identifizierten. Auch die aufkeimende Umweltbewegung konnte sich mit den naturverbundenen Stämmen auf der anderen Seite des Ozeans identifizieren. Der Indianer war in dieser Sicht der Super-Öko, der die Erde bewahrt, und man konnte Wochenendseminare mit indianischen Schamanen buchen. Der Aufkleber "Wenn der letzte Baum gerodet ist …" mit der fälschlich den Cree-Indianern zugeschriebenen Weissagung zierte die Autos vieler umweltbewegter Menschen.

Banner mit „Erst wenn der letzte Baum gerodet ist..“ auch heute noch wird dieses Zitat fälschlicherweise denn Cree-Indiandern zugeschrieben  (Foto: IMAGO, IMAGO / Willi Schewski)
Banner mit der Aufschrift "Erst wenn der letzte Baum gerodet ist ...": Auch heute noch wird dieses Zitat fälschlicherweise denn Cree-Indiandern zugeschrieben IMAGO / Willi Schewski

Stereotype von Indianern in den USA

Das gängige Bild in den Köpfen der meisten Amerikaner sieht so aus: Die Weißen kamen ins Land, die Ureinwohner wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder brutal ermordet, seitdem sind sie "irgendwie" verschwunden oder in der Gesellschaft aufgegangen.

Während andere gesellschaftliche Gruppen für demokratische Rechte und öffentliche Sichtbarkeit kämpften, blickten Native Americans eher nach innen – auf ihre Communitys. Für die erstritten sie einige Privilegien – am bekanntesten vielleicht das Recht, Spielcasinos in Staaten zu betreiben, in denen das Glücksspiel eigentlich verboten ist.

Erzwungene Assimilierung von Indianern

Diese Souveränität wurde von der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft immer wieder mit Füßen getreten – Verträge wurden gebrochen, auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde versucht, die traditionellen Stammesstrukturen zu zerstören. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, sie durften nicht ihre Sprache sprechen. Und viele wurden misshandelt, häufig von katholischen Priestern und Nonnen.

Büffeltanz-Überhang des Volkes der Quapaw, die auf der westlichen Seite des Mississippi lebten, datiert auf das 18. Jahrhundert (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Librar | -)
Büffeltanz-Überhang des Volkes der Quapaw, die auf der westlichen Seite des Mississippi lebten, datiert auf das 18. Jahrhundert picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Librar | -

Red-Power-Bewegung und Kampf um Autonomie und Rechte

Nicht nur deshalb ist es vielen Native Americans heute wichtig, als Angehörige eines Stammes anerkannt zu werden. Damit kommen auch Privilegien, die sich ihre Gemeinschaft im Laufe der Zeit erhandelt hat: In den Stammesgebieten lebt man nicht luxuriös, aber Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Bildung sind viel erschwinglicher als im Rest des Landes.

Auch der Red-Power-Bewegung Ende der 1960er-Jahre, die sich nach dem Vorbild von Black Power organisierte, ging es mehr um Souveränität als um die Veränderung der gesamten Gesellschaft.

Glasperlen und Stoff: Indianer forderten Alcatraz zum Verkaufspreis zurück

Höhepunkt dieser Bewegung war die Besetzung von Alcatraz 1969 – der Gefängnisinsel in der Bucht von San Francisco, die heute eine der größten Touristenattraktionen ist. Die indianischen Stämme forderten die Insel zurück. Sie boten sogar an, dafür zu bezahlen. Und zwar 24 Dollar in Glasperlen und rotem Stoff – also genau das, was die Weißen einmal für die Insel Manhattan bezahlt hatten. Im Juni 1971 wurden wurden die Aktivisten zur Aufgabe gezwungen.

Bild: Bei der 19-monatigen Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz fanden die Indigenen viel Unterstützung vom Festland, auch durch Versorgung mit Essen - hier in der Gefängnishalle, welche als Lager benutzt wurde  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Robert W. Klein)
Bei der 19-monatigen Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz fanden die Indigenen viel Unterstützung vom Festland, auch durch Versorgung mit Essen – hier in der Gefängnishalle, welche als Lager benutzt wurde picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Robert W. Klein

Im Zentrum der politischen Forderungen von indianischen Organisationen steht immer das Land – und der Kampf darum, zumindest einen Teil des geraubten Territoriums zurückzubekommen. Denn Land ist nicht nur der Boden, auf dem man lebt; es ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Vorfahren, mit dem Stamm und seiner kulturellen und spirituellen Identität.

Indigenes Wissen ist in Zeiten des Klimawandels besonders wertvoll

Es gibt zunehmend Menschen mit indianischen Wurzeln, die versuchen, die indianische Erdverbundenheit mit moderner Wissenschaft zu vereinbaren. Etwa Robin Wall Kimmerer, eine indianische Biologin des Potawatomi-Stammes an der State University of New York, die im Oktober 2022 das renommierte MacArthur-Fellowship bekam. Ihr bekanntestes Buch bisher hat den Titel "Geflochtenes Süßgras". In Rezensionen berichten Leser davon, wie sie durch dieses Buch die Welt mit anderen Augen sehen.

Indianisches Wissen kann auch in Zeiten des Klimawandels besonders wertvoll sein. Derzeit versagen oftmals westliche Forst-Methoden, jährlich wird der gesamte Westen der USA von verheerenden Bränden heimgesucht. In Wäldern, die von indianischen Gemeinschaften bewirtschaftet werden, wird dagegen ein integriertes Management praktiziert – man bekämpft Schädlinge mit natürlichen Methoden, will Brände nicht um jeden Preis vermeiden und schlägt nicht mehr Holz, als der Wald verkraften kann.

Deb Haaland ist die erste Indigene US-Ministerin. Seit 2021 ist sie Innenministerin im Kabinett von Präsident Joe Biden. Sie stammt aus dem Volk der Laguna. (Foto: IMAGO, IMAGO / ZUMA Wire)
Deb Haaland ist die erste Indigene US-Ministerin. Seit 2021 ist sie Innenministerin im Kabinett von Präsident Joe Biden. Sie stammt aus dem Volk der Laguna. IMAGO / ZUMA Wire

In Zeiten des Klimawandels, sagt die amerikanische Innenministerin Deb Haaland in einem Fernsehinterview, wird das indigene Wissen über die Natur wieder extrem wichtig. Indianische Stämme leben seit Zehntausenden von Jahren auf dem Kontinent. Und sie wissen, wie man sich darum kümmert.

Missbrauch und Hunger Die Verbrechen an indigenen Kindern in Kanada

Es ist gut ein Jahr her, dass hunderte Gräber auf dem Gelände eines ehemaligen Internats für Kinder aus indigenen Familien, Kanada an eines der grausamsten Kapitel seiner Geschichte erinnert. Zwischen 1870 und 1996 waren rund 150.000 Kinder von Ureinwohnern und gemischten Paaren von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt worden, um sie zur Anpassung zu zwingen. Erklärtes Ziel: Dem Kind den Indianer austreiben. Nach Schätzungen sind mehrere Tausend Kinder in den Schulen gestorben – meist an Unterernährung und Krankheiten. Die, die überlebt haben, waren häufig Misshandlungen und sexueller Gewalt ausgesetzt.

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Gesellschaft Darf man noch "Indianer" sagen?

Ja. Das mag überraschen, denn das Wort stammt aus der Kolonialzeit und ist eine Fremdbezeichnung. Doch das sind nicht die einzigen Kriterien. Von Gábor Paál | http://swr.li/indianer | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Score Snacks – Die Musik deiner Lieblingsfilme Winnetou – Schlager im Wilden Westen

In der weiten Prärie des amerikanischen Wilden Westens sitzt der Stamm im Lager im Kreis. Die Friedenspfeife kreist. Der Häuptling Winnetou und sein Cowboy-Freund Old Shatterhand besiegeln die Blutsbrüderschaft. Untermalt wird das Ganze von Bläsern und Streichern, wir hören. Was wir fühlen: Freiheit! Abenteuer! Und viele sicherlich auch Nostalgie.

Dass die echte Musik der amerikanischen Ureinwohner eigentlich ganz anders klingt, hat das Fernsehpublikum der 60er-Jahre und den Komponisten Martin Böttcher nie wirklich interessiert.

Was noch an Gemeinsamkeiten bleibt und wie und bei Winnetou unser eigenes Bild der Indigenen gebaut wurde – dieses Mal bei Score Snacks: Winnetou – Schlager im Wilden Westen.

Film: Winnetou 1. Teil (1963)
Regie: Harald Reinl
Musik: Martin Böttcher

Wenn ihr noch ein bisschen mehr über Winnetou, den Apachen erfahren wollt – bzw. wieso Winnetou niemals ein Apache sein kann, dann hört doch mal in den 6-teiligen Podcast vom MDR rein: „Winnetou ist kein Apache“
Unser Kollege Ben Hänchen spielt seit er ein kleines Kind ist bei den jährlichen Karl May Festspielen in seinem Heimatort mit und stellt sich jetzt die Frage: Ist das eigentlich noch in Ordnung?
https://www.ardaudiothek.de/sendung/winnetou-ist-kein-apache/10577467/

Produktion: Malte Hemmerich und Jakob Baumer
Sprecherin: Henriette Schreurs
Redaktion: Chris Eckardt

Diskussion um neue Winnetou-Bücher

Buchmarkt Winnetou-Debatte sorgt für kräftiges Umsatz-Plus beim Karl-May-Verlag

Die Debatte rund um Winnetou hat dem Karl-May-Verlag ordentlich genutzt. Wie das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels am Freitag online berichtet, verzeichnet der Verlag im dritten Quartal 2022 ein Umsatzplus von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Verkaufsstopp von Winnetou-Kinderbüchern "Rassismus-Klischees sind nicht akzeptabel"

Wegen Rassismusvorwürfen nimmt Ravensburger Kinderbücher aus dem Programm. Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper findet das richtig. Warum, erklärt sie im SWR Aktuell-Interview.

SWR Aktuell am Vormittag SWR Aktuell

Film Wie "Der junge Häuptling Winnetou" Native Americans als Stereotype präsentiert

„Die Stereotypen werden an die nächste Generation weitergegeben“, sagt Carmen Kwasny, Vorsitzende der Native American Association of Germany. Die Vorgeschichte von Karl Mays berühmtester Figur „Winnetou" habe sie sehr enttäuscht. Viele Details und Requisiten hätten nicht gestimmt, darunter die Tierschädel oder ein Kreis aus Federn: „Sie haben nichts mit der Kultur der Mescalero-Apachen zu tun.“

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