Kurzfilm "Sunspring" Computer schrieb Drehbuch

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Auf den ersten Blick sieht der Kurzfilm "Sunspring" aus wie ein klassischer Science Fiction-Film: Drei Menschen leben zusammen an Bord einer Art Raumstation in einer etwas seltsamen Zukunft. Doch "Sunspring" ist der erste Film, dessen Drehbuch komplett von einem Computer-Algorithmus verfasst wurde.

Die Basis dafür waren die Drehbücher bestehender Science Fiction-Filme und -Serien: "Akte X". "Mad Max". "Terminator". Das Ergebnis ist ein fünf Minuten langer Kurzfilm der jetzt auf YouTube steht. Eine Spielerei. Doch die Bedeutung von Computer-Algorithmen für die Filmproduktion steigt.

In einer nahen Zukunft leben drei Menschen zusammen in einer Art Raumschiff. Sie tragen gold-glänzende Offiziersjacken und heißen H, H2 und C. Abgesehen davon ergibt "Sunspring" wenig Sinn. Der Hintergrund der drei ist unklar, ihre Dialoge zusammenhanglos. Auf die Überlegungen von H, sein Blut zu verkaufen, antwortet H2: Du solltest lieber nach dem Jungen schauen.

"Sunspring" wirkt wie die B-Movie Variante eines klassischen Science Fiction-Films: Ein Raumschiff das aussieht wie ein Papierflieger. Ein schwarzes Loch das wirkt wie eine Wasserpfütze. Doch mit bestehenden Film-Kategorien lässt sich der Kurzfilm nicht erfassen.

Video: Sunspring (Quelle: Youtube.com)

Ich weiß es nicht!

"Sunspring" ist weniger ein zusammenhängender Science Fiction-Film, als eine absurd-unterhaltsame Reflexion über das Genre selbst. Nicht von einem Drehbuchautor, sondern von einem Algorithmus geschrieben – gefüttert mit Klassikern des Genres. Ross Goodwin hat dieses Programm entwickelt.

Für ihn ist interessant, wie viele Science Fiction-Referenzen in dem Film stecken. Die Figuren sagen auffällig oft: "Ich weiß es nicht." Oder: "Ich bin mir nicht sicher." Das kennt man aus klassischen Science Fiction-Filmen. Die Figuren hinterfragen auf diese Weise ihre Umgebung.

"Sunspring" ist der erste Film, dessen Drehbuch vollständig von einem Computer geschrieben wurde. Das Ergebnis ist eine Spielerei: Seltsam, aber unterhaltsam. Ein Film der mit gängigen Motiven spielt und seine Zuschauer in die Verantwortung nimmt.

Zuschauer als Autoren

Denn es sind sie, die versuchen, dem Film einen Sinn zu geben. Dadurch verändert sich die klassische Rollenverteilung, denn die Zuschauer werden selbst zu Autoren. Goodwin ist fasziniert davon, was als nächstes kommt, und wie man die neuen technischen Hilfsmittel in der Filmproduktion anwenden kann.

Überwachung und Datenschutz (Foto: colourbox.com / Montage: ARD.de -)
Können Computerprogramme menschliche Kreativität ersetzen? colourbox.com / Montage: ARD.de -

Neu ist die Anwendung von Algorithmen in der Filmindustrie allerdings nicht. Doch bisher kommen solche Programme vor allem hinter den Kulissen zum Einsatz. Etwa um wie bei David Finchers und Kevin Spaceys Netflix-Serie "House of Cards" den Erfolg vorher zu sagen.

Die Grundlage für jeden Algorithmus sind Daten. Dementsprechend gilt: Wer die Daten hat, hat die Macht. Und die liegt heutzutage vor allem bei Streaming-Plattformen wie Amazon und eben Netflix. Mit Hilfe von Computer-Programmen wird dort genau erfasst, welche Inhalte die Zuschauer konsumieren, zu welcher Uhrzeit sie vorwiegend Filme und Serien schauen, und wie lange sie bei einem Programm dabei bleiben.

Einen Film berechnen

Für Filmemacher und Produzenten ist es fast unmöglich, Zugang zu diesen Daten zu bekommen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sich nicht mit diesem Thema befassen müssen, meint Filmwissenschaftler Jannis Funk. Der 28-Jährige arbeitet in Berlin als Produzent und promoviert über den Einfluss von Big Data auf die Filmproduktion.

Jannis Funk fordert Filmemacher und Produzenten dazu auf, sich ihrerseits um entsprechende Daten zu bemühen. Er selbst nutzt dafür die amerikanische Plattform MovieLens: Ein öffentlich zugängliches Portal für Filmbewertungen und -empfehlungen. Für Jannis Funk ist klar: Algorithmen sind eine Chance. Gerade für kleine Filme.

Denn je besser die Daten, desto genauer die Vorhersage. Wenn er ein Datenmodell als Grundlage für Investitionsempfehlungen nehmen würde, kommt eigentlich immer raus, dass das Modell empfehlen würde, mehr kleinere und vielfältigere Filme zu produzieren.

Computer-Mensch-Kollaboration

Entscheidend ist allerdings, wie sich der Markt entwickelt, und wie Daten eingesetzt werden. Denn Computer-Algorithmen haben auch ihre Grenzen, wie der Kurzfilm "Sunspring" zeigt. Für Medienwissenschaftler Thorsten Hennig-Thurau ein gelungener Kommentar, der den Film-Produzenten weltweit zuruft: So was wollt ihr doch nicht sehen!

Thorsten Hennig-Thurau (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Der Wirtschaftswissenschaftler Thorsten Hennig-Thurau entwickelt statistische Modelle, die den Erfolg von Kinofilmen berechenbar machen. picture-alliance / dpa -

Der klassische Drehbuch-Autor hat jedenfalls noch längst nicht ausgedient. Das sieht auch "Sunspring"-Programmierer Ross Goodwin. Für ihn sind Computer-Algorithmen eine Möglichkeit, der eigenen Kreativität auf die Sprünge zu helfen. Die ersten Anfragen namhafter Drehbuch-Autoren sind bereits bei ihm eingegangen.

Es geht ihm auch gar nicht darum, Drehbuchautoren zu ersetzen. Er möchte ihnen vielmehr dabei helfen, interessantere Filme zu schreiben, eine Art Computer-Mensch-Kollaboration: Man kann Algorithmen als Werkzeuge verstehen, die die eigene Kreativität erweitern. Zum Beispiel bei einer Schreibblockade.

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