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Verschlüsseln für Anfänger Cryptoparty in der Datenschutzwüste

Wenn andere zum Feierabend ihren Rechner herunterfahren und auf eine Party gehen, dann machen das Christian und Malte in umgekehrter Reihenfolge. Sie gehen zwar auch auf eine Party, fahren dort aber ihre Rechner hoch, obwohl sie eigentlich Feierabend hätten. Denn: Die Partys, die die beiden 29-jährigen organisieren, sind sogenannte CryptoPartys.

Bei der CryptoParty an der Technischen Universität in Berlin haben sich in einem autonom verwalteten Raum rund 25 Personen zusammengefunden. Sie dürften etwa im Alter zwischen 20 und 40 Jahren sein. Und bei weitem sind nicht alle Computerexperten oder -expertinnen. Das gehört zum Konzept der Veranstaltung.

Gegenseitiges Lernen

Eine CryptoParty bezeichnet ein Treffen von Menschen mit dem Ziel, sich gegenseitig grundlegende Verschlüsselungstechniken beizubringen. CryptoPartys sind öffentlich und unkommerziell, mit dem Fokus auf Open-Source-Software.

junge Frau mit Laptop und Internet-Einkäufen

Man kann einige Add-ons für den Browser herunterzuladen, um das Browsen, beispielsweise beim Einkaufen im Internet, anonymer zu machen, damit man nicht so viele Daten von sich an die aufgerufenen Seiten herausgibt

Auch Till macht seit einiger Zeit bei den Partys mit. Dafür hat er – ganz analog - Briefumschläge, ausgeschnittene Papierschlösser und –schlüssel mitgebracht. Mit diesen erklärt er gerade, wie die Verschlüsselung von E-Mails funktioniert.

Was zunächst sehr kompliziert klingt, lässt sich schlussendlich sehr einfach mit dem Download von unterschiedlicher Open-Source-Software – also Computerprogrammen, die im Internet kostenlos zur Verfügung gestellt werden und deren Programmcode offengelegt ist – bewerkstelligen.

Endlich verschlüsselte E-Mails

In diesem Fall ist das "Thunderbird". Dort gibt es ein Plug-in, um die Verschlüsselung einzurichten. Es gibt für den Mac und für Windows noch ein weiteres Programm, das man installieren muss. Dann richtet man das Schlüsselpaar gemeinsam ein und schreibt sich verschlüsselte E-Mails, indem man vorher untereinander die Schlüssel austauscht.

Ein Ethernet-Kabel ist von einem Zahlenschloss umfasst und liegt auf einer Computer-Tastatur.

Cryptoparties wollen, ganz im Sinne einer Graswurzelbewegung, Internetnutzerinnen und -nutzer dazu befähigen, ihre Daten zu verschlüsseln und somit ihre Kommunikation im Internet sicherer zu machen

Ein Fachmann für das Verschlüsseln von Nachrichten ist auch Rüdiger Weis. Er ist Professor für Systemprogrammierung an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin. Er ist von Hause aus Mathematiker. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kryptografie.

Kryptografie ist eine sehr alte Wissenschaft, die ersten Belege gehen auf die Zeit der Bibel oder noch früher zurück. Somit haben sich Leute schon zu sehr frühen Zeiten überlegt, wie sie Daten vor anderen sicher verschlüsseln können, die die Nachrichten abfangen wollen.

Herausgabe von Daten beim täglichen Surfen

Bei der CryptoParty in Berlin lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer indes nicht nur das Verschlüsseln von Nachrichten. An einem Tisch hat sich eine Gruppe gefunden, die sich zum Thema anonymes Surfen im Internet informiert. Es geht darum, einige "Add-ons" für den Browser herunterzuladen, um das Browsen anonymer zu machen, damit man nicht so viele Daten von sich an die aufgerufenen Seiten herausgibt.

TextSecure ist ein kostenloser Instant Messenger zum verschlüsselten Nachrichtenaustausch

TextSecure ist ein kostenloser Instant Messenger zum verschlüsselten Nachrichtenaustausch

Aber wie sicher kann die Kommunikation im Internet überhaupt sein? Malte beschreibt die ersten Schritte als diejenigen, die am meisten Veränderung bringen, gerade was die Massenüberwachung angeht. Außerdem sei Sicherheit immer ein Prozess.

Ähnlich wie der CryptoParty-Veranstalter Malte sieht das auch Professor Weis. Für ihn ist Kryptografie nicht nur die Antwort auf Probleme in Sachen Datensicherheit. Er attestiert seiner Wissenschaft darüber hinaus geradezu "magische Fähigkeiten".

Schutz der eigenen Informationen

Denn wenn normale Nutzer Kryptografie einsetzen, dann ändern sie die Situation ganz dramatisch. Um es sehr vereinfacht zu sagen: Wenn man unverschlüsselt kommuniziert, dann gehört man zu den komplett gläsernen Bürgerinnen und Bürgern. Wenn verschlüsselt wird, dann sieht ein Geheimdienst erst einmal nichts. Das macht die Arbeit der Geheimdienste wesentlich aufwendiger.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt

Der sog. "Internetminister" Alexander Dobrindt, Leiter des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

Auch für die Besucherinnen und Besucher der CryptoParty, die nicht nur aus dem studentischen Umfeld der Universität kommen, spielt das Thema Überwachung und Datenschutz eine große Rolle.

CryptoPartys wollen, ganz im Sinne einer Graswurzelbewegung, Internetnutzerinnen und -nutzer dazu befähigen, ihre Daten zu verschlüsseln und somit ihre Kommunikation im Internet sicherer zu machen. Die dezentrale Bewegung kann damit auch als eine Reaktion auf fehlenden Datenschutz auf politischer Ebene gesehen werden.

Wo ist die Gesetzgebung zum Schutz der Internetnutzer und -nutzerinnen?

Denn da ist weiterhin die Frage offen, warum es keine effektive Gesetzgebung zur Schutz der Bürger und Bürgerinnen gibt. Auch aus Sicht des Wissenschaftlers Professor Weis sind CryptoPartys sinnvoll. Gleichzeitig sieht er Politik und Industrie in der Pflicht.

Edward Snowden

Heute müssen die Organisatoren der Cryptoparties nicht mehr groß ihre Motivation erklären, sondern fangen direkt mit den Inhalten an, weil spätestens seit der Arbeit von Snowden allen Leuten bewusst ist, worum es geht

Berlin gilt heute als Zentrum der Bewegung. Es gibt pro Monat mehrere Möglichkeiten an CryptoPartys teilzunehmen. Für eine größere Nachfrage nach den CryptoPartys sorgten auch die Snowden-Enthüllungen. Die CryptoParty, die im Juni direkt nach den Enthüllungen in Berlin stattgefunden hat, war eine der größten.

Heute müssen die Organisatoren darum nicht mehr groß ihre Motivation erklären, sondern fangen direkt mit den Inhalten an, weil allen Leuten bewusst ist, worum es geht. Viele wären alleine überfordert mit den technischen Fragen, aber auf einer CryptoParty schafft man es, innerhalb von zwei Stunden seine Emails zu verschlüsseln, also wirklich etwas zu tun.

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