Kopfschmerzen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Schlimmer als Migräne Cluster-Kopfschmerz

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Cluster-Kopfschmerzen sind eine spezielle Form von Kopfschmerz. Sie heißen so, weil sie immer wieder gehäuft ("Cluster" = Gruppe, Haufen) auftreten. Zum Beispiel: vier Wochen lang heftige Schmerzattacken und dann wieder ein paar Monate gar nichts. Was hilft? Dr. Steffen Nägel von der neurologischen Abteilung der Uniklinik Essen über Symptome und Therapien.

Was unterscheidet den Cluster-Kopfschmerz von der Migräne?

Es gibt teilweise Überlappungen, aber zum einen zeichnet sich der Cluster-Kopfschmerz durch diese haufenweise Auftreten auf. Zum anderen haben die Attacken eine spezielle Charakteristik. Sie sind streng einseitig lokalisiert, treten häufig ums Auge herum auf und sind sehr intensiv.

Patienten beschreiben den Kopfschmerz häufig wie ein glühendes Messer, was ihnen ins Auge gestochen wird. Und der Cluster-Kopfschmerz hat dabei eine ganz charakteristische Dauer von zwischen 15 Minuten und drei Stunden und ist dabei von sogenannten trigemini-autonomen Symptomen begleitet.

Da tränt häufig das Auge der betroffenen Seite, es ist stark gerötet, die Nase läuft oder fühlt sich verstopft an, das Ohr fühlt sich manchmal verstopft an, es kommt zum Schwitzen auf der betroffenen Gesichtshälfte und manchmal sogar zum Herabhängen des Augenlides. Die Symptome sind Symptome des autonomen Nervensystems.

Gewitter im Kopf (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der Cluster-Kopfschmerz hat eine ganz charakteristische Dauer von zwischen 15 Minuten und drei Stunden und ist dabei von sogenannten trigemini-autonomen Symptomen begleitet Thinkstock -

Der Schmerz unterscheidet sich von der Intensität von der Migräne nicht so unerheblich. Migräne-Patienten beschreiben ihre Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 häufig mit einer 7. Und die Cluster-Kopfschmerz-Patienten sagen schon: Das ist oft eine 10 von 10. Schlimmer können sie sich das nicht vorstellen. Und eine Migräne-Attacke dauert häufig auch viel länger, die dauert vier Stunden oder manchmal Tage, bis zu drei Tage. Das ist schon ein relativ großer Unterschied von der Schmerzintensität und der Dauer.

Welche Personen sind denn besonders davon betroffen?

Ja, es sind im Gegensatz zur Migräne auch die Männer, die betroffen sind. Von Migräne werden ja häufiger die Frauen heimgesucht. Und es sind insbesondere Leute, die viel rauchen. Das ist interessant. Ob das Rauchen verantwortlich dafür ist oder ob das nur eine gemeinsame genetische Vererbung ist, da sind wir noch nicht so richtig weit. Das müssen wir noch rausfinden.

Lässt sich diese Art des Kopfschmerzes mit Schmerzmitteln behandeln?

Nein. Normale Scherzmittel wirken aus mehreren Gründen nicht ausreichend gut. Das erste Problem ist die Attacken-Dauer. Wenn man sich überlegt, dass ein Schmerzmittel erst mal durch den Mund geschluckt wird, in den Magen kommt, in den Darm geht, dann resorbiert werden muss und dann erst an den Ort seiner Wirkung mit dem Blut transportiert wird, dann dauert das eine Weile.

Eine Frau mit Kopfschmerzen legt ein kühles Tuch auf ihre Stirn (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Ein Großteil der Patienten kommt nicht mit einem normalen Schmerzmittel aus, so dass dann schon in eine andere Medikamenten-Schublabe gegriffen werden muss Thinkstock -

Und wenn ein Cluster-Attacke intensivst sofort anfängt und dann nach einer halben Stunde schon wieder vorbei ist, dann ist das Schmerzmittel vielleicht erst mal da angekommen, wo es wirken muss. Auf der anderen Seite greifen die Schmerzmittel nicht an den richtigen Stellschrauben an. Die sind nicht spezifisch genug.

Es gibt ein paar Patienten, die beschreiben, mit einem Schmerzmittel gut auszukommen. Ein Großteil der Patienten kommt damit aber nicht aus, so dass dann schon in eine andere Medikamenten-Schublabe gegriffen werden muss.

Was weiß man bisher über die Ursachen des Cluster-Kopfschmerzes? Können neben einer genetischen Disposition auch andere Ursachen, zum Beispiel eine frühere Erkrankung, die Schmerzen auslösen?

Es gibt Cluster-Kopfschmerzen, die sich auf dem Boden einer anderen Erkrankung entwickeln. Das heißen dann aber nicht Cluster-Kopfschmerzen, sondern das sind die sogenannten Cluster-like-Headaches, das ist ein symptomatischer Kopfschmerz. Die normalen Kopfschmerzerkrankungen, zu denen der Cluster-Kopfschmerz gehört, sind primäre Kopfschmerz-Erkrankungen und sind Erkrankungen ohne erkennbare Ursache.

D.h. man nicht nicht erst einmal etwas Anderes dafür verantwortlich machen, außer dass das Gehirn diese Funktionsstörung hat, die dann in Attacken durchbricht. Es ist im Moment noch relativ im Fluss, wo denn das Problem ist. Unsere patho-physiologischen Modelle entwickeln sich stetig fort und man hat mal gedacht, man hat den Attacken-Generator gefunden, aber hier herrscht ein gewisser Disput darüber, ob das so ist oder nicht.

En Mann fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht mit den Händen an den Kopf. Aus seinem Kopf schießen wirre, gezeichnete Linien, Pfeile und Krakel-Schriften. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die normalen Kopfschmerzerkrankungen, zu denen der Cluster-Kopfschmerz gehört, sind primäre Kopfschmerz-Erkrankungen und ohne erkennbare Ursache Thinkstock -

Wir in Essen gehen davon aus, dass es ein Schmerz-Netzwerk-Störung ist, also dass das Netzwerk aus der Balance gerät. Aber wenn Sie mich jetzt fragen, welche Ionen-Kanäle sind da die Übeltäter, dann ist das einfach noch zu früh. Da muss man noch ein paar Jahre forschen.

Was löst Cluster-Schmerzen aus? Habe ich zu viel geraucht oder habe ich zu wenig geschlafen? Gibt es direkte Auslöser?

Die direkten Auslöser sind wesentlich leichter zu benennen. Sie lösen nicht die Erkrankung aus, sondern die Attacken. Also die Erkrankung ist vorbestehend, wahrscheinlich mit einer genetischen Komponente, und dann gibt es Auslöser, die dafür sorgen, dass sie bei Betroffenen die Attacken mehr oder weniger sicher auslösen.

Die ersten Auslöser, die man nennen muss, sind Auslöser, die wir nicht im Griff haben. Das sind die Tages- und die Jahreszeit. Die Episoden des Cluster-Kopfschmerzes treten vor allem im Frühjahr auf und im Herbst. Das können wir nicht beeinflussen. Und auf der anderen Seite treten die Attacken vor allem nachts. Das ist natürlich perfide von der Erkrankung, dass ausgerechnet nachts die Patienten mit starken Schmerzen davon aufwachen. Das sind Auslöser, die wir nicht beeinflussen können.

Ein ganz wichtiger Auslöser ist jetzt gar nicht der Nikotin-Konsum, sondern der Alkoholkonsum. Und da beschreiben viele Patienten, dass schon in geringen Mengen Alkohol der Auslöser einer Attacke zu finden ist. Und viele der Patienten meiden dauerhaft den Alkohol oder zumindest in den Episoden, in denen sie von Kopfschmerzen attackiert werden.

Rotwein- und Weißweinglas (Foto: Pressestelle, DWI - Hartmann)
Viele der Patienten meiden dauerhaft den Alkohol oder zumindest in den Episoden, in denen sie von Cluster-Kopfschmerzen attackiert werden Pressestelle DWI - Hartmann

Wie lassen sich Cluster-Kopfschmerzen behandeln?

Die sind gar nicht so schlecht. Wir sind da relativ gut aufgestellt. Die Behandlung unterteilt sich in zwei wesentliche Komponenten. Das ist zum einen die Akut-Behandlung zur Unterbrechung einer Attacke und zum anderen die vorbeugende Therapie zur Verhinderung weiterer Attacken, wenn es dann losgegangen ist.

Die Akut-Behandlung besteht im wesentlichen aus zwei Präparaten, die eingesetzt werden. Das ist zum einen hoch konzentrierter Sauerstoff. Das ist eine sehr schonende Behandlung mit einer guten Wirksamkeit. Da kriegen die Patienten große Sauerstoff-Flaschen nach Hause geliefert und können dann, während die Attacke kommt, mit Inhalation von einer speziellen Atemmaske den Sauerstoff einatmen und das schafft es, viele Attacken zu unterbrechen.

Wenn das nicht wirksam ist oder die Patienten nicht an der Flasche zuhause sind, dann gibt es sogenannte Triptane. Das sind Medikamente, die eigentlich für die Behandlung von Migränebehandlung entwickelt wurden. Diese Triptane gibt es auch in nasaler oder subkutaner Anwendungsform, also so dass sie nicht erst mal durch den Magen-Darm-Trakt müssen und dann dem entsprechend schnell wirksam sind. Und das wirkt beides sehr gut.

Frau mit Kopfschmerzen (Foto: © Colourbox.com -)
Ein Kombination aus verschiedenen Präparaten verspricht auch bei Cluster-Kopfschmerzen zumindest Linderung. © Colourbox.com -

Zur vorbeugenden Behandlung wird von den meisten Neurologen eine Kombinationsbehandlung aus zwei Präparaten eingesetzt. Das ist eines, das eigentlich fürs Herz entwickelt wurde, Verapamil heißt das, das ist ein Kalziumkanal-Blocker. Das muss aber zur Verhinderung von kardialen Nebenwirkungen sehr langsam eingeschlichen werden. Deswegen kombinieren die meisten Kopfschmerz-Zentren oder einige der niedergelassenen Neurologen das Ganze mit Cortison, was sehr schnell begonnen werden kann, aber auf die längere Sicht mehr Probleme macht. Wenn man es lange einnimmt, gibt es auch da Probleme mit Nebenwirkungen.

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