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Kind wird geiimpft

Schutz vor mehreren Krankheiten zugleich Impfungen mit Mehrwert

Impfungen sind eine gute Sache. Häufig sind sie sogar noch besser, als die Medizin erwartet. Sie schützen nicht nur vor der einen Krankheit, auf die sie zielen, sondern gleich vor einer ganzen Palette anderer Infektionen. Unter bestimmten Umständen kann eine Impfung allerdings auch den umgekehrten Effekt haben und zusätzlichen Erregern den Weg bahnen. Diese Erkenntnisse werden in der aktuellen Forschung heiß diskutiert.

Die wichtigsten Belege für den Mehrwert von Impfungen stammen aus Guinea-Bissau. Gesammelt hat sie nicht ein Immunologe, sondern ein Völkerkundler. Dr. Peter Aaby kam Ende der Siebziger nach Westafrika. Damals grassierten die Masern in Guinea Bissau. Doch dann wurde eine Impfkampagne gestartet.

Kein klassischer Befund

Die Impfung rettete viele Kinder vor Masern. Aber sie leistete noch mehr. Die geimpften Kinder litten auch seltener unter Durchfällen und Atemwegsinfekten - Erkrankungen, die überhaupt nichts mit dem Masernvirus zu tun haben. Ein Befund, der nicht zum klassischen Bild von der hoch spezifischen Wirkung einer Impfung passte.

Ein Impfbuch

Die Vorstellung des Immunsystems beruhte bisher auf einer Eins zu Eins Entsprechung: Es gibt eine bestimmte Krankheit und man entwirft eine Intervention gegen diese Krankheit

Seit 35 Jahren arbeitet das Bandim Health Project in dem gleichnamigen Bezirk der Hauptstadt Bissau. In dem trubeligen Viertel leben etwa 100.000 Menschen. Die Forschungsreihe registriert dort Geburtsraten, das Gewicht der Babys, ob gestillt wird oder nicht, Impfungen, aber auch Krankheiten und Arztbesuche.

Über 450 wissenschaftliche Artikel sind daraus entstanden. Erkenntnisse, die in Guinea-Bissau Wirkung zeigen, wie Peter Aaby immer wieder feststellt. Das Bandim Health Project wollte ganz einfache Fragen klären, um die sich noch niemand gekümmert hatte. Zum Beispiel: warum sind Kinderkrankheiten in Afrika so viel tödlicher als in Europa?

Unerwartetes Ergebnis

Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt der Grund nicht an der verbreiteten Unterernährung, sondern in der Menge der Masernviren bei der Ansteckung. Wer sich in der Schule infiziert, bekommt von seinen Mitschülern und Mitschülerinnen nur zufällig eine geringe Dosis Erreger ab. Wenn er oder sie dann aber selbst erkrankt, zuhause im Bett liegt und in beengten, überfüllten Räumen Virenmassen abgibt, dann ist das Immunsystem der Geschwister mit dieser viel stärkeren Attacke häufig überfordert.

Das Bandim-Projekt in Guinea erforscht die positiven Nebeneffekte von Impfungen

Das Bandim-Projekt in Guinea erforscht die positiven Nebeneffekte von Impfungen

Es sei denn, ein Impfstoff schützt die Kinder. Welche Impfstoffe dabei was leisten, das untersuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bandim Health Project mit ganz einfachen Mitteln. Sie fragen nicht, ob ein Impfstoff zur Bildung der gewünschten Antikörper führt, ja noch nicht einmal, ob er wirklich vor der Krankheit schützt, auf die er zielt. Sondern: Lebt ein Kind, oder ist es vor seinem fünften Geburtstag gestorben?

Dieser scheinbar naive Ansatz führte zu unerwarteten Erkenntnissen: Impfstoffe leisten oft viel mehr, als ihnen zugetraut wurde. Allerdings konnte sich Peter Aaby dabei nur auf Beobachtungsdaten berufen. In der Wissenschaft zählen aber vor allem gut kontrollierte Studien, und die sind gerade bei etablierten Impfstoffen nur schwer zu organisieren.

Benötigte Zahlen

Im Jahr 2004 gelang es Peter Aaby schließlich besondere Umstände zu nutzen. In Afrika erhält praktisch jedes Kind den Tuberkuloseimpfstoff BCG direkt nach der Geburt. Dabei spielt die Tuberkulose in diesem Alter noch gar keine Rolle. Dennoch sinkt in den ersten Lebensmonaten die Sterblichkeit bei den geimpften Frühgeborenen um 40 %.

Der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis, aufgenommen unter dem Elektronenmikroskop

In Nordschweden fiel bereits in den 1920igern auf, dass Tuberkuloseimpfungen nicht nur vor der Kleinkindtuberkulose, sondern auch vor anderen Kinderkrankheiten schützt

Der Schutz durch die Impfung konnte jedoch gar nicht auf ihrer Wirkung gegen das Tuberkel-Bazillus beruhen. Diese Einsicht verblüffte Peter Aaby. Dabei ist sie nicht völlig neu. In Nordschweden fiel in den 1920igern auf, dass BCG nicht nur vor der Kleinkindtuberkulose, sondern auch vor anderen Kinderkrankheiten schützte.

Das Immunsystem hat zwei Arme. Die Forschung konzentriert sich mit ihren Impfstoffen auf den lernenden Arm, der ganz gezielt gegen einen Erreger Antikörper und Killerzellen ins Feld schickt. Das braucht Zeit, und die überbrückt das angeborene Immunsystem mit eher unspezifischen Entzündungsreaktionen.

Generelle Stärkung

Peter Aaby vermutet, dass die Tuberkuloseimpfung diese angeborene Abwehr gestärkt hat und so, von den meisten Forschern und Forscherinnen unbemerkt, indirekt auch vor Durchfällen und Atemwegsinfekten schützt. Ähnliche Erfahrungen gibt es bei der Masern- und auch der Polioschluckimpfung.

Polioimpfung schützt gegen Polio, auch Kinderlähmung genannt

Polioimpfung schützt gegen Polio, auch Kinderlähmung genannt

Das alles sind Lebendimpfstoffe, die eine abgeschwächte Version des jeweiligen Erregers enthalten. Leider wirken nicht alle Impfungen so positiv. Das zeigte sich, als Unruhen in Guinea-Bissau den Nachschub der Dreifachimpfung DTP gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten behinderten, denn die Sterblichkeit der mit DTP geimpften Kinder lag,wie später nachgewiesen werden konnte, deutlich höher.

Auch beim Hepatitis B Impfstoff und der inaktivierten Polioimpfung gab es ähnliche Probleme. Ihnen gemeinsam ist, dass es sich um Totimpfstoffe handelt, die nur Bruchstücke der Erreger enthalten. Entscheidend ist in jedem Fall die Reihenfolge der Impfungen, betont Peter Aaby.

Immunologisches Training

Das heiße, trubelige Bandim ist weit weg von den kühlen Laboren am Medizinischen Zentrum der Radboud Universität in Nijmengen. Hier geht es hochsteril zu, denn Prof. Mihai Netea arbeitet mit Mäusen, denen der lernende Teil des Immunsystems fehlt. Deshalb sollten bei ihnen Impfstoffe eigentlich keine Wirkung entfalten. Ob diese allgemein akzeptierte Theorie stimmt, prüfte Mihai Netea mit einer Testimpfung, einer geringen Menge eines Hefepilzes.

Ein neuer Impfstoff wird an einer Blutprobe getestet.

Es gibt zwei verschiedene Teile des Immunsystems: ein angeborener und ein lernender Teil

Bei den Mäusen wurde der zweite, der angeborene Teil des Immunsystems aktiviert, der bei Impfungen eigentlich gar keine Rolle spielen sollte. Immunologisches Training nennt Mihai Netea das. Und anders als das lernende immunologische Gedächtnis schützt dieses Training die Tiere gegen ganz unterschiedliche Erreger. Und es zeigt sich: Bestimmte Impfungen schützen vor einer ganzen Bandbreite von Infektionen.

Der Trainingseffekt der angeborenen Abwehr ist vor allem für Kleinkinder wichtig, vermutet Mihai Netea, bei denen der lernende Arm des Immunsystems noch nicht ausgereift ist. Dr. Gerhard Falkenhorst von der Geschäftsstelle der Ständigen Impfkommission am Robert Koch Institut in Berlin bleibt allerdings skeptisch, vor allem was die Relevanz für die Industrienationen betrifft.

Verschobene Relevanz

Um die Ärzte und Ärztinnen in den Industrienationen von den unspezifischen Effekten zu überzeugen, müssen sie auch für ihre eigenen Patienten und Patientinnen relevant sein, vermutet Peter Aaby. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen dem Bandim Health Project und dem Statens Serum Institut in Kopenhagen so wichtig. Auch in Dänemark spielen die unspezifischen Effekte der Impfungen eine Rolle, davon ist Christine Benn vom Statens Serum Institut überzeugt. Nur eben subtiler als in Bissau.

Babyhand in der Hand eines Erwachsenen

Die Forscherinnen und Forscher vom Statens Serum Institut verglichen Kinder, die ihre Masern-Mumps-Röteln Impfung wie vorgesehen bekommen hatten, mit Kindern, die sie erst später erhielten

In Dänemark lässt sich über die sogenannte CPR-Nummer die gesamte Behandlungsgeschichte eines Kindes aufrufen, einschließlich der Impfungen und der Krankenhausbesuche. Die Forscherinnen und Forscher vom Statens Serum Institut verglichen Kinder, die ihre Masern-Mumps-Röteln Impfung wie vorgesehen bekommen hatten, mit Kindern, die sie erst später erhielten.

Ergebnis: Die rechtzeitig geimpften Kinder litten seltener an Infektionen der unteren Atemwege und wurden deshalb etwas seltener ins Krankenhaus eingewiesen. In Dänemark und auch in Australien laufen deshalb zurzeit große klinische Studien mit einem Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose an, um zu klären, ob er auch vor anderen Infekten und sogar vor Asthma und Neurodermitis schützen kann.

Zögern der WHO

Noch in diesem Jahr sollen die wichtigsten Forschungsfragen identifiziert, passende Studiendesigns entworfen und konkrete Standorte bestimmt werden. Wichtig ist aus Sicht der WHO, dass die Effekte mit den gleichen Methoden an geographisch unterschiedlichen Standorten untersucht werden.

Impfung

Es ist auschlaggebend, dass sowohl die positiven wie die negativen Nebenwirkungen der Impfungen genau untersucht werden

Ein Grund für das lange Zögern der WHO ist wohl die Sorge, dass sich Impfgegner auf einen Teilbefund stürzen könnten, nämlich auf die negativen Effekte der Diphterie-Tetanus-Keuchhusten Impfung. Umso wichtiger, dass beides, sowohl die positiven wie die negativen Nebenwirkungen der Impfungen genau untersucht werde. Denn unterm Strich ist Christine Benn überzeugt, dass der neue Blick auf die Impfungen die Argumente der Impfgegner eher entkräftet.

Die Vorstellung des Immunsystems beruhte bisher auf einer Eins zu Eins Entsprechung: Es gibt eine bestimmte Krankheit und man entwirft eine Intervention gegen diese Krankheit. Aber es gibt ein viel komplexeres Training im Immunsystem, die Forschung hat sich bisher nur noch nicht ausreichend damit beschäftigt. Jetzt wird nach Ergebnissen gesucht, in Bandim und bald in einer ganzen Reihe neuer Studien an vielen Orten.