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Weniger Sex Warum wir "es " immer seltener tun

Statistisch gesehen haben die Deutschen immer seltener Sex. Dabei werden wir tagtäglich mit sexuellen Inhalten "vollgedröhnt". Sind wir sexuell abgestumpft? SWR2 Impuls sprach mit dem Bremer Wissenschaftsjournalisten Jörg Zittlau über sein neues Buch: "Wer braucht denn noch Sex?".

Ungefähr 761 Millionen Treffer zeigt die Suchmaschine an, wenn ich den vermutlich beliebtesten Suchbegriff eingebe: "Sex" - Alle Bedürfnisse erfüllt in 0,34 Sekunden Suchzeit. Das ist Sexualität heute.

Herr Zittlau, das liest sich im Internet ja eher so, dass recht viele Leute Sex brauchen – um mal die Frage, die Ihr Buch stellt, zu beantworten. Oder fällt Ihnen ein Suchbegriff ein, der mehr Treffer einbringt?

Zittlau: Ja, das muss ja nicht die Realität widerspiegeln, sondern es geht doch auch um Wunschdenken. Der Sex rangiert in der Bedeutungshierarchie der Menschen ganz oben, sie glauben, dass er sehr wichtig ist, also landet der Begriff auch in den Suchmaschinen ganz oben.

Ihre These lautet ja, wir tun es immer weniger, worauf stützt sich die, haben Sie Daten?

Zittlau: Ja, da gibt es viele Daten aus unterschiedlichen Ländern. Vor dreißig Jahren hat man die Deutschen gefragt, wie oft sie es denn im Monat tun, da kam heraus: 22 bis 28 mal im Monat….

….wirklich pro Monat?

couple in bed

Paar im Bett

Zittlau: Genau, und bis heute ist die Zahl auf 4 bis 10mal runtergegangen. Wir gehen jetzt mal davon aus, dass die 20 bis 30mal gelogen waren, aber das betrifft ja auch die 4 bis 10mal. Also zeigt das ja zumindest einen Trend an. Und in anderen Ländern ist es noch drastischer: in Japan etwa hat man festgestellt, dass die jungen Männer in 35 Prozent der Fälle mit Sex gar nichts mehr anfangen können.

Woran liegt das?

Zittlau: Es geht um Übersättigung und um Abstumpfung. Beispiel: Sie lieben Erdbeerkuchen, essen jeden Tag ein Stück. Was passiert: Irgendwann können sie den Kuchen nicht mehr sehen, und genau so geht es uns mit dem Sex. Überall werden wir bombadiert mit sexuellen Stimuli, mit Reizen, dadurch stumpfen wir ab, haben kein Verlangen mehr.

Man sieht ja in der Stadt überall sexuell aufgeladene Werbung, das signalisiert aber dann auch: Sex sells, das würde Ihrer These widersprechen?

Zittlau: Da wäre ich mir nicht sicher, für die These Sex sells gibt’s keinen einzigen empirischen Beweis, das bilden sich doch die Werbefachleute ein, ich denke Sex erhöht doch nicht die Verkausfzahlen.

Ist das jetzt besorgniserregend, wenn die Deutschen weniger Sex haben?

couple sleeping

Viele Paare leben wochenlang "sexfrei"

Zittlau: Nein, überhaupt nicht, wir brauchen ja keinen häufigen Sex mehr, um uns fortzupflanzen, und es gibt ja neuerdings auch die In-Vitro-Methoden. Vermutlich würde es sehr viel friedlicher zugehen, wenn das mit den sexuellen Gelüsten weiter zurückgeht, denn in der Natur gibt es ja immer aggressives Verhalten, wenn dort Exemplare einer Gattung um einen Sexualpartner buhlen. Und wenn Sie sexuell frustriert sind, dann werden Sie auch aggressiv. Ich denke auf deutschen Autobahnen würde es viel friedlicher zugehen, wenn wir weniger Sex hätten.

Ist das nicht traurig, wenn Sex immer weniger wichtiger wird?

Erotisches Foto auf einem Smartphone

Mit Handy auf die Insel?

Zittlau: Nein wieso? Man hat ja mal Jugendliche gefragt, was sie mitnehmen würden auf eine einsame Insel, 70 Prozent wollten ihr Smartphone mitnehmen und nicht den Partner oder die Partnerin. Da sagt man vielleicht, oh Gott, wie sind die denn drauf, aber wenn die damit glücklich sind, ist das ja okay. Und: ich predige ja keine Enthaltsamkeit, aber man sollte Sex einfach weniger ernst nehmen.

Sie nehmen immer gleichzeitig mehr Menschen wahr, die unglücklich sind, weil sie aus ihrer Sicht zu wenig Sex haben?

Zittlau: Ja, damit hängt ja auch der Verkaufserfolg von Viagra zusammen, die Leute glauben, sie müssten es unbedingt machen. Das hat nichts mit dem natürlichen Trieb zu tun, mit 40 oder 50 Jahren lässt der Sexualtrieb sowieso nach, damit sollte man leben lernen.

Was ist Ihr Buch, Ratgeber, Analyse, Bettlektüre oder?

Paarprobleme

Paarprobleme

Zittlau: Es ist eine Gesellschaftsanalyse, aber auch ein Ratgeber. Ich gebe ja den Rat, Leute hängt den Sex nicht zu hoch, vielleicht macht Sex dann erst wieder Spaß. Und es gibt ja Gründe für das Zurückgehen des sexuellen Bedürfnisses: Da ist zum ersten die Fixierung der Menschen auf den Job und Leistung, da ist zweitens der Narzissmus, der in der Gesellschaft zugenommen hat. Wer sich selbst liebt, kann andere nicht lieben, man geht davon aus, dass 10 Prozent aller Männer unter 30 mittlerweile eine narzisstische Störung haben. Diese Gründe zeige ich in meinem Buch auf, diese Gründe sind keine positive Entwicklung, das ist nicht mein Idealbild, das war genau die Ausgangslage für mein Buch.

Haben Sie konkrete Tipps für die Partnerschaft?
Zittlau: Nehmen Sie Sex nur als ein Bedürfnis neben vielen anderen wahr, wir essen gerne, gehen gerne ins Kino, lesen gerne Sex ist nicht das Wichtigste.


Das Buch zum Thema: Jörg Zittlau: "Wer braucht denn noch Sex? Warum wir es immer seltener tun - und warum das nicht so schlimm ist" (Gütersloher Verlagshaus)

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