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Hospizarbeit in Deutschland – Sterbende begleiten, den Tod sichtbar machen

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Horst Gross
Horst Gross (Foto: SWR, privat)
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Ulrike Barwanietz / Candy Sauer

Viele Menschen möchten gerne zu Hause sterben. Die Ehrenamtlichen in der deutschen Hospizbewegung wollen ihnen das ermöglichen. Doch die Bewegung ist jung und ihr fehlt Nachwuchs.

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Hospizbewegung: würdevolles Sterben zu Hause ermöglichen

Die Zahl der Single-Haushalte in Deutschland nimmt zu. Einsamkeit besonders im Alter ist ein großes Thema. In den Großstädten stirbt schon jetzt jeder 20. Mensch völlig vereinsamt. Tendenz stark zunehmend. Und die Mehrzahl der Menschen stirbt heute im Krankenhaus, auch wenn sich die meisten wünschen, die letzte Zeit lieber zu Hause zu verbringen.

Die Hospizbewegung will Menschen, wo immer das aus medizinischer Sicht vertretbar ist, ein würdevolles Sterben zu Hause ermöglichen, begleitet von ausgebildeten Ehrenamtlichen. Das Konzept ist vergleichsweise jung und hatte es in Deutschland anfangs schwer.

Wann und wo entstand die moderne Hospizbewegung?

England wurde Ende der 1960er-Jahre zum Pionier der Hospizbewegung. Charisma und Durchsetzungswille der englischen Ärztin Cicely Saunders verhalfen der Idee vom Sterben in Würde zum Durchbruch. Menschliche Zuwendung, offene Gespräche über die letzten Dinge und gute Schmerztherapie – das war das Charakteristikum des Londoner St. Christopher’s Hospices, das Cicely Saunders leitete.

Dr. Cicely Saunders (2018 - 2005), Ärztliche Direktorin und Gründerin des St. Christopher’s Hospices (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture-Alliance / Photoshot)
Dr. Cicely Saunders (2018 - 2005), Ärztliche Direktorin und Gründerin des St. Christopher’s Hospices Picture-Alliance / Photoshot

In Deutschland bestand in den 1960ern dagegen Skepsis gegen die Hospizbewegung. Die wollte das ZDF mit einem Dokumentarfilm abmildern. Der Film "Noch 16 Tage – eine Sterbeklinik in London" wurde 1971 zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Filmautor Reinhold Iblacker präsentierte schonungslose, ergreifende Bilder.

Tabu: Sterbediagnose und starke Schmerzmittel im Deutschland der 1960er

Zu der Zeit war es in Deutschland üblich, Krebspatienten ihre Diagnose vorzuenthalten, um sie zu schützen. Der Einsatz starker Schmerzmittel war ebenfalls ein Tabu. Der ZDF-Film wurde zum Desaster. So versäumte Deutschland in den folgenden Jahrzehnten, sich um die menschenwürdige Versorgung von Sterbenden ohne Angehörige zu kümmern. Ein Rückstand, der schwer aufzuholen war.

Sterbebegleitung ist eine extreme, emotionale Herausforderung

Wer sich auf die Hospizbegleitung einlässt, dem wird einiges abverlangt. Laut dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband (DHPV) in Berlin arbeiten in Deutschland geschätzt rund 55.000 Menschen ehrenamtlich im Hospiz- und Palliativbereich. Sie begleiten schwerstkranke Menschen zu Hause, im Pflegeheim oder auch im Krankenhaus, sind für sie da, haben einfach Zeit.

Soziales Ehrenamt in der Sterbebegleitung: Die Konfrontation mit den Sorgen und dem Leid anderer kann helfen, den eigenen Lebenspessimismus zu relativieren (Foto: IMAGO, IMAGO / Westend61)
Soziales Ehrenamt in der Sterbebegleitung: Die Konfrontation mit den Sorgen und dem Leid anderer kann helfen, den eigenen Lebenspessimismus zu relativieren IMAGO / Westend61

Rund um die ambulante Sterbebegleitung ist eine veritable Bürgerbewegung entstanden. Den organisatorischen Rahmen bilden die etwa 1.500 Hospizstützpunkte mit ihren hauptamtlichen Koordinatoren. Als Dachorganisation sorgt der DHPV dafür, dass Menschen, die Sterbende begleiten möchten, nicht unvorbereitet ans Werk gehen, sondern in Kursen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden.

Stillstand bei der persönlichen Sterbebegleitung in der Corona-Pandemie

Während der Pandemie kam die persönliche Sterbebegleitung oft praktisch ganz zum Stillstand. Zum einen fehlen Spendeneinnahmen, welche die meisten Vereine finanzieren. Doch vor allem hatten die Betreuer aufgrund der Kontaktbeschränkungen keine Möglichkeit mehr, in die Heime zu gehen.

Und die nächste große Bewährungsprobe der Hospizbewegung zeigt sich schon am Horizont: die demografische Entwicklung. Allein im Zeitraum von 2016 bis 2020 hat die Zahl der über 80-Jährigen um 20 Prozent zugenommen. Menschen, für die eine Sterbebegleitung infrage kommt.

Zahl der Sterbebegleiter nimmt ab, junge Menschen zeigen aber Interesse

Doch junge Menschen interessierten sich oft für die Lebensperspektive der Älteren, meint Dirk Blümke, Leiter der Fachstelle Hospizarbeit beim Malteser Hilfswerk. Die Malteser haben einen Aufruf per Youtube gestartet.

Das mit Bundesmitteln finanzierte Pilotprojekt "Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung" konnte auf zwölf Standorte ausgeweitet werden. Dirk Blümke beobachtet, dass die jungen Ehrenamtlichen die Konfrontation mit Krankheit, Sterben und Tod nicht scheuen – und dass sie vom Sinn ihres Ehrenamts schnell überzeugt sind.

Soziales Ehrenamt statt Sinnkrise

Laut Umfragen steckt ein Viertel der jüngeren Menschen in einer akuten Sinnkrise. Die positive Einstellung zum zukünftigen Leben will nicht gelingen. Ein soziales Ehrenamt in der Sterbebegleitung könnte vielen von ihnen womöglich einen Sinn vermitteln. Die Konfrontation mit den Sorgen und dem Leid anderer kann helfen, den eigenen Lebenspessimismus zu relativieren.

Die Idee, auch junge Menschen für die Sterbebegleitung zu motivieren, kommt offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt, meint Reimer Gronemeyer, Mitinitiator der deutschen Hospizbewegung.

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